Neu gelesen: Jürg Jegges «Dummheit ist lernbar»

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Heinz Moser / 24. Okt 2017 - Der tiefe Fall des «Lehrers der Nation»: Anlass für einen kritischen Blick in Jegges Buch.

Jürg Jegges Bestseller «Dummheit ist lernbar» schlug in Lehrerkreisen in den 70er Jahren wie ein Blitz ein. Eine Auflage von 200'000 Exemplaren ist ungewöhnlich für ein pädagogisches Buch. Und nun der Missbrauch: Waren wir alle naiv gewesen und hatten nicht gesehen, was wir nicht sehen wollten? Das ist ein genügender Anlass, das Buch nochmals in die Hand zu nehmen.

Die Stärke von «Dummheit ist lernbar» lässt sich auch beim heutigen Wiederlesen noch empfinden. Das Buch ist voll von überzeugend beschriebenen Beispielen aus der damaligen Erziehungs- und Schulpraxis, die Jegge als guter Erzähler rund und voll von Lebenserfahrungen präsentierte. Dass dabei einiges nicht stimmte, ist aus dem Buch nicht abzulesen, es ist erst heute durch den neuen Blick über den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs klargeworden. Allerdings fällt auf: Manchmal wirken die Erzählungen seiner damaligen Schülerinnen und Schüler etwas gar plakativ als Illustration von Jegges Überzeugungen.

«Meisterpädagogen» und ihre Praxis

Wenn Jürg Jegge noch vor wenigen Monaten als «Lehrer der Nation», als «Meisterpädagoge» oder als «Lichtgestalt» bezeichnet wurde, dann wurde er in den Fussstapfen grosser Pädagogen wie Jean Jacques Rousseau oder Heinrich Pestalozzi eingereiht.

Doch auch bei solchen Vorbildern muss man vorsichtig sein. Denn ihre eigene pädagogische Praxis war trotz aller schönen Ideen nicht immer vorbildlich gewesen. Auch Jegge muss in seinem Unterricht reichlich chaotisch gewesen sein.

Die berechtigte Kritik an der Sonderschule

Die Wichtigkeit seines Buches liegt inhaltlich in der These, dass Dummheit ein Ergebnis des Systems Schule sei. Damit kritisiert er die öffentliche Schule der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, wo oft noch äusserer Zwang herrschte und auch Körperstrafen zum Alltag gehörten.

Jegges These, dass Dummheit lernbar sei, wirkte als Weckruf und öffnete die Augen vieler Lehrpersonen für die Unzulänglichkeiten der damaligen Schule. So betont er: «Die Beschränkung dieser Kinder ist keineswegs Schicksal. Sie ist das Resultat eines Prozesses. Die Kinder sind nicht beschränkt, sie sind beschränkt, eingeschränkt, in ihrer Entwicklung behindert worden» (S. 76).

Eine Vielzahl von Beispielen in seinem Buch unterstreicht das. Etwa der Fall von Albert, zu dem Jegge schreibt: «Was ursprünglich unbewusst Rache am Vater war – die Leseunfähigkeit – wurde zum Bumerang. Der Bub gab sich selbst auf. Äusserlich war er zwar brav und angepasst, innerlich aber voll Angst und Hass, überzeugt, dass niemand ihn möchte, allein. So kam er zu guter Letzt in die Sonderklasse, ein misstrauischer, ängstlicher Bub, der mit ‹Autoritäten› denkbar schlechte Erfahrungen gemacht hatte» (S. 37).

Das Buch ist voll von solchen Beispielen, die in der damaligen Zeit den Sonderschullehrerinnen und -lehrern Mut machten, ihre Kinder nicht aufzugeben, sondern sie zu fördern. Dies ist ein Verdienst Jegges, das zweifellos bestehen bleibt. Er kritisierte damals zu Recht, dass die damaligen Sonderschulen Kinder zu wenig förderten, sondern sie als «Halbkranke» zwecks «Heilung» einstuften. Sein Fazit: «Ein im weitesten Sinne gesellschaftliches und kulturelles Problem wurde so auf seinen – ihm zweifellos auch immanenten – heilpädagogischen Aspekt reduziert und damit entschärft» (S. 141).

Die Vermischung der Rollen

Bis zu diesem Punkt kann man die Überlegungen Jegges nachvollziehen. Hinweise zu Handlungen, die mit Missbrauch und sexuellen Übergriffen verbunden sein könnten, finden sich im Buch keine. Erst aus der Rückschau wird es einem unbehaglich, wenn man liest, wie Jegge die Lehrperson – und damit auch sich selbst – überhöht. Denn Jegge vertritt eine problematische Beziehungspädagogik. Sie kommt zum Tragen, wenn bei Kindern alle Versuche zum Aufbau tragfester Beziehungen gescheitert sind. Jegge wörtlich: «Ich habe dem Kind nun beim Aufbau dieser Beziehung zu helfen. Das klingt sehr schön, aber was heisst das konkret?» (S. 164). Er beantwortet dies gleich selbst damit, dass der Lehrer jetzt eine Art «Dreierrolle» Lehrer/Therapeut/älterer Kamerad einzunehmen habe.

Damit dürften Lehrpersonen jedoch vollständig überfordert sein: Lehrpersonen sind Fachleute für das Unterrichten. Dazu benötigen sie zwar psychologische Kenntnisse. Aber sie sind keine Therapeuten. In der Vermischung dieser Rollen liegt sicher eine der Ursachen, die den Missbrauch begünstigten – vor allem wenn dann auch noch der Unterschied zwischen Lehrer und Schüler zur Kameradschaft umgedeutet wird. Da plaudert dann Jegge in seinem Buch: «Natürlich werde ich nicht sagen: ‹Komm einmal her, wir machen jetzt ein Seelenstündlein›. Aber es gibt ja genug Gelegenheiten: Kasten aufräumen, Schulzimmer in Ordnung bringen. Mithelfen bei Vorbereitungen für bestimmte Unterrichtseinheiten, im Lager usw. Es gibt auch Schüler, die sich schlicht bei mir zum Kaffee einladen» (S. 165). Offensichtlich hat es Jegge versäumt, für sich selbst klar festzulegen, welches die Grenzen solcher «Gelegenheiten» sind.

Das doppelsinnige Verhältnis zur Macht

Es ist tragisch, dass Jegge in seinem Buch die Macht und das Unverständnis der Eltern und Lehrer geisselt, welche diese über ihre Kinder ausüben. Denn diese Macht hat er dann selbst über die ihm anvertrauten Kinder ausgeübt, wobei er dies bis heute kleinredet. Unverständnis zeigt er, wenn er sich in einem Interview mit der «Aargauer Zeitung» äussert: «Es war mir klar, dass das strafbar ist. Ich habe das einfach nicht so hoch gewichtet, weil ich der Überzeugung war, dass es ihm etwas bringt.» Nach dem Geständnis von Jürg Jegge hilft die Tatsache wenig, dass die Taten verjährt sind: Der totale Verlust des Renommees dieser einstigen «pädagogischen Lichtgestalt» («Blick») ist Tatsache.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler und war Professor an der PH Zürich und an der Universität Kassel.

Eine Meinung

Betrüblich, dass die Lichtgestalt meiner Jugend derart vom Sockel gestürzt ist. Alles, was Jegge in seinen Büchern kritisiert, ist heute in weit perfiderer Form in den Schulzimmern Alltag. Dass Lehrer sich ihrer Macht nicht bewusst sind, oder den Gedanken schlicht verdrängen, wie es Jegge getan hat, dürfte nicht die Ausnahme sein.
Dass verächtliche Blicke, zynische Bemerkungen, Augenverdrehen nach falschen Antworten nicht unter das Strafrecht fallen, aber vor allem in der Unterstufe einem sensiblen Kind regelrecht den Boden unter den Füssen wegziehen können, es dünnhäutig und anfällig für Mobbing macht, wird unterschlagen. Menschen, die nicht fähig sind, sich selbst zu reflektieren, Macht über Hilflose zu geben, ist menschenverachtend. Lehrer haben eine lange Ausbildung durchlaufen und sollten dazu fähig sein, sich zum Wohl ihrer Schützlinge zurückzunehmen, aber es bleibt für sie ohne Folgen, wenn sie es nicht tun. In ihrem Klassenzimmer sind sie Könige und nach zwei Jahren können sie Kinder, die jegliches Vertrauen in das System «Schule» verloren haben mit der Bezeichnung «lernschwach» dem nächsten Lehrer weiterreichen und zur Tagesordnung übergehen.
Zitat einer von mir hochgeschätzten Lehrperson: «Man muss für seine Schüler kämpfen, vor allem gegen sich."
Heckenschützen sind übrigens nach meiner Meinung keine Kämpfer.
Ursula Lerch, am 30. Januar 2018 um 08:11 Uhr

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