ETH Zürich: Falten trotz Botox

Beat Gerber © cc
Beat Gerber / 27. Okt 2017 - Die Mobbing-Affäre an der Vorzeige-Hochschule erstaunt und empört sogar. Doch der Vorfall passt bestens ins gängige Uni-System.

Mit ihrer Enthüllung am letzten Sonntag hat die NZZaS (22.04.) eine wahre Woge der Berichterstattung ausgelöst. Die meisten überregionalen und Lokalblätter wie auch viele Radiosender und Online-Portale haben die Nachricht süffig verbreitet. Nur das öffentliche Fernsehen SRF war zurückhaltend und schwieg.

Was war geschehen? An der renommierten ETH Zürich soll Marcella Carollo, langjährige Professorin am Institut für Astronomie, ihre Doktoranden seit zehn Jahren heftig schikaniert und gemobbt haben. Ihr britischer Mann hatte 2002 das Institut gegründet, seine Frau wurde gleichzeitig angestellt (Dual-Career-Couple) und später zur ordentlichen Professorin befördert. Im vergangenen Februar wurde die Schulleitung über die Schikane-Vorfälle informiert, worauf das Institut geschlossen wurde. Das Professoren-Paar schickte man in ein Sabbatical, mit der Aussicht, wieder an die ETH zurückkehren zu können.

Nach dem Shitstorm in den Medien seit dem Wochenende hat die ETH-Schulleitung nun bekanntgegeben (25.10.), sie leite eine Administrativuntersuchung ein. Damit möchte die Hochschule die Verhältnisse am Institut «vertieft analysieren» und eventuell weitere Massnahmen vorschlagen.

Wer die Konfliktkultur der Universitäten beobachtet, kann über die Mobbing-Affäre an unserer Vorzeige-Universität keineswegs erstaunt sein. Auch die lange hinausgeschobene Reaktion der Schulleitung auf die schwerwiegenden Vorwürfe seitens der Astronomie-Doktoranden fügt sich bestens ins Bild einer selbstgefälligen Institution im akademischen Elfenbeinturm.

Wo viel Licht ist, gibt es auch Schatten! Das gilt besonders für die Hochschulen, den Tummelplatz heutiger und künftiger Eliten. Dazu ein paar Zitate aus der Publikation «An den Tisch der Mächtigen!». Das «Böse Büchlein» (2016) beschreibt einen Gesellschaftsbereich, der von den Medien nur spärlich beleuchtet wird.

«Universitäten sind die ältesten Institutionen der westlichen Welt, lässt man die katholische Kirche beiseite. Es ist daher kaum verwunderlich, dass in den akademischen Hallen das Personal unerbittlich am Bestehenden festhält – ein krasser Widerspruch zu modernen Wissenschaftszweigen, die sich vornehmlich mit futuristischen Themen wie Quantenphysik oder Nanobionik befassen.»

Ein Wink an die recherchierenden Medienschaffenden (es soll immer noch einige geben):

«Wer in die dunklen Winkel der Hochschule leuchtet, schreckt dort einen erstaunlich gestrigen und elitären Geist auf. Die verkappt konservative Gesinnung blockiert den bitter nötigen Wandel hin zu einer gesellschaftlich wirksameren Wissenschaft.»

Erst als sich eine junge Doktorandin gegen die Praktiken der ETH-Astronomie-Professorin auflehnte und sich bei der Ombudsperson beschwerte, hat die Hochschulleitung reagiert. ETH-Präsident Lino Guzzella wollte offenbar dafür sorgen, dass die Situation schnellstmöglich bereinigt wird und keine grossen Wellen wirft. Die beschuldigte Professorin will sich nicht zu den Vorgängen äussern.

«Gegen aussen hin erscheint alles mustergültig. Die Propaganda-Maschinerie der Hochschule hält die Fassade blitzblank. In den Medien herrscht pure Verlautbarung; sämtliche Kanäle berichten nahezu unkritisch und erschreckend treuherzig über Ergebnisse und Ereignisse aus Wissenschaft und Forschung. Die Journalisten haben weder Zeit noch andere Ressourcen, um wirksam hinter die Kulissen zu blicken. Das Publikum wird gewissermassen desinformiert, das akademische Botox wirkt perfekt.»

Störend für eine grosszügig öffentlich finanzierte Universität ist die allgegenwärtige Machtkonzentration:

«Professoren und Professorinnen manifestieren und verkörpern beträchtliche Macht. Als wissenschaftliche Experten, die in einem eng begrenzten Fachgebiet (fast) alles wissen, machen sie in ihrem nahen Umfeld wie auch in der Gesellschaft erheblichen Einfluss geltend. Als Hochschullehrer entscheiden sie praktisch uneingeschränkt über das Fortkommen ihrer Studierenden. Angehäuftes Forschungswissen verwenden sie als Kapital, um damit noch mehr Wissen zu erzeugen. Eine derart kapitalförmige Machtstruktur aufzubrechen, ist schier unmöglich.»

Seit Jahrhunderten hat sich trotz eindrücklicher wissenschaftlicher Fortschritte strukturell an den Universitäten nicht viel geändert. Der alte, dünkelhafte Geist herrscht auch in topmodernen Labors weiter.

«Grundlegend stapelt sich die ETH Zürich bildhaft zu einem gigantischen Elfenbeinturm. Manchmal rumort und rumpelt es in dessen Untergrund, der sich wie ein Gedärm ausweitet. Nur selten entweicht daraus ein lästiger Furz in die Öffentlichkeit – in Form eines unerfreulichen Skandals, gefälschten Forschungsresultaten, eines unbedarften Plagiats, gemobbten Mitarbeitenden, ungehörigen Meinungen von Professoren (z.B. Anton Gunzinger zur Energiewende) und andern Ungereimtheiten. Und dies, obwohl die Schulleitung fast zwanghaft versucht, jede Störung des Idealbilds gegen aussen zu unterbinden.»

Hoffnung verströmt immerhin eine junge Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die für mehr Transparenz, Offenheit und Fairness an den Universitäten kämpft. Es braucht aber grossen Mut, gegen die etablierten Strukturen (und vor allem Köpfe) aufzutreten, man riskiert die (wissenschaftliche) Karriere. Deshalb sind solche «Winkelriede für eine faire Wissenschaft» auch so selten.

*****

*) Siehe das «Böse Büchlein» von Beat Gerber: «An den Tisch der Mächtigen! Streitschrift für einen beherzten Geist der ETH Zürich» (DOT ON THE i PRODUCTION, 2016, 95 Seiten)

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der langjährige Wissenschaftsjournalist des «Tages-Anzeiger» war bis Februar 2014 Öffentlichkeitsreferent der ETH Zürich. Er publiziert heute auf seiner satirischen Webseite «dot on the i».

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Beat Gerber: Tüpfelchen auf dem i

Eine Meinung

Ja ja, die anderen machen immer alles falsch. Ich sehe allerdings nicht so ganz, was man hier den Medien und der ETH vorwerfen kann. Auch wenn ich durchaus kritisch bin.
Stefan Bachmann, am 01. November 2017 um 08:28 Uhr

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