Depositphotos_35338883_L

Trinkwasserbrunnen in Amsterdam © Depositphotos

PFAS im Leitungswasser: Ein Drittel der Niederländer betroffen

Daniela Gschweng /  Laut Greenpeace liegen PFAS in 32 Prozent der Gebiete deutlich über dem nationalen Richtwert. Die Rechnung zahlen die Konsumenten.

Das Trinkwasser in grossen Teilen der Niederlande enthält mehr PFAS, als die nationale Gesundheitsbehörde RIVM empfiehlt. Das zeigt eine Untersuchung von Greenpeace. Ein Drittel der niederländischen Bevölkerung hat demnach zu viel PFAS im Wasser.

Das lässt sich detailliert nachvollziehen: Für seine Analyse hat Greenpeace die Messdaten der zehn niederländischen Wasserversorger nach Postleitzahlen aufgeschlüsselt. Die daraus erstellte Karte war Ende September eines der Top-Themen im Land.

In 32 Prozent der Gebiete liegt die PFAS-Konzentration mindestens 1,5-mal über dem RIVM-Richtwert von 4,4 Nanogramm pro Liter für «PFOA-Äquivalente». Der EU-Grenzwert von 100 Nanogramm pro Liter für die Summe aus 20 festgelegten PFAS wird eingehalten.

Regional grosse Unterschiede

Die höchsten Werte gibt es in den Provinzen Noord-Holland, Zuid-Holland und Zeeland. Teilweise wurden 14,3 Nanogramm pro Liter gemessen, mehr als das Dreifache des RIVM-Richtwerts. Unter den bevölkerungsreichen Gemeinden über dem Richtwert nennt Greenpeace Amsterdam, Haarlem, Den Haag, Rotterdam, Leiden und Dordrecht. In Friesland und Groningen findet sich dagegen fast kein PFAS im Trinkwasser.

Greenpeace Karte PFAS NL
In einer interaktiven Karte von Greenpeace können Einwohner nachsehen, wie belastet ihr Postleitzahlgebiet ist.

Der Westen beziehe sein Wasser aus Flüssen und Stauseen, die stärker belastet seien als das Grundwasser auf dem Land, erklärt Patricia van der Linden von Vewin, dem Branchenverband der Wasserversorger. «Wo wir Oberflächenwasser nutzen, müssen wir es in mehr Schritten aufbereiten», sagt sie.

Greenpeace und RIVM raten dennoch zum Leitungswasser

Rechtlich ist das Wasser einwandfrei. Kein Wasserwerk überschreitet den gesetzlichen EU-Grenzwert. Das RIVM (Rijksinstituut voor Volksgezondheid en Milieu) legt für seine Empfehlung strengere Kritierien an. Zuletzt wurde der Richtwert 2023 gesenkt, weil neue Erkenntnisse zeigten, dass PFAS das Immunsystem stärker beeinträchtigen als bis dahin angenommen. Eine neuere RIVM-Studie kam zum Schluss, dass fast alle Niederländer «ungesunde» PFAS-Werte im Blut haben.

Greenpeace, RIVM und Vewin raten dennoch dazu, das Leitungswasser weiter zu trinken. Laut Vewin nehmen Menschen über die Nahrung etwa viermal mehr PFAS auf als über das Wasser. Flaschenwasser belastet die Umwelt zudem deutlich mehr und enthält oft Mikroplastik.

Newsletter Balken grün

Dass die Niederlande stellenweise hoch mit PFAS belastet sind, ist keine wirkliche Neuigkeit. Für das Land kommen dabei verschiedene ungünstige Faktoren zusammen: Einmal die Lage an der Mündung des Rheins, der zur Trinkwassergewinnung genutzt wird. Nach seinem Weg durch Europa bringt er eine hohe PFAS-Belastung mit, weshalb es bereits Auseinandersetzungen mit den deutschen Nachbarn gab.

Dann die stellenweise hohe Belastung aus der fertigenden Industrie wie dem Unternehmen Chemours in Dordrecht und dem Konzern 3M im benachbarten Belgien. Und schliesslich die Belastung durch TFA-abspaltende Pestizide aus der Landwirtschaft. TFA findet sich vor allem in den oberen Grundwasserschichten.

Screenshot 2026-09-29 184711
Die Niederlande sind stellenweise hoch mit PFAS belastet (Karte von 2025).

Die Wasserversorger investieren Millionen Euro in neue Aufbereitungstechnologie, etwa Aktivkohlefilter oder die sehr teure Umkehrosmose. Dabei entstehen laut KWR aus 1000 Litern belastetem Wasser 800 Liter sauberes Wasser und 200 Liter Abwasser mit fünfach höherer Schadstoffkonzentration, welches anschliessend behandelt werden muss.

Mehrere Organisationen fordern Komplett-Verbot

Die Rechnung bekommen die Einwohnerinnen und Einwohner der Niederlande: Die Trinkwasserrechnung eines niederländischen Haushalts sei in den letzten zehn Jahren im Schnitt um mehr als 50 Prozent gestiegen, führt Greenpeace an.

Dabei werden ständig neue PFAS produziert und in die Umwelt entlassen, auch im niederländischen Dordrecht. Sowohl Greenpeace als auch das RIVM fordern ein EU-weites Verbot der PFAS-Stoffklasse. Der Zusammenschluss der regionalen Wasserbehörden forderte kürzlich in einem Brandbrief, die PFAS-Produktion rasch einzustellen. Die Niederlande setzen sich zusammen mit mehreren anderen Ländern auf EU-Ebene für ein PFAS-Verbot ein.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.

Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:



_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

PFAS.Dossier.M&P

PFAS-Chemikalien verursachen Krebs und können Erbgut schaden

Die «ewigen Chemikalien» PFAS bauen sich in der Natur so gut wie gar nicht ab. Fast alle Menschen haben PFAS bereits im Blut.

Staudamm

Streit um die Höhe der Wasserzinsen

Die Stromlobby und der Bund wollen im Parlament tiefere Wasserzinsen für die Bergkantone durchsetzen.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

Direkt mit Twint oder Bank-App



Spenden


Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...