Plastikverbrauch: Das grosse Geheimnis der Händler
Es tönt eindrücklich: Coop verpackt seine Eigenmarken-Batterien nur noch in Karton und spart damit 2,2 Tonnen Plastik pro Jahr. Oder die Migros: Sie spare 20 Tonnen Plastik, weil sie für gewisse Fertiggerichte eine dünnere Schale benutze.
Solche Aussagen sind Augenwischerei. Denn nie berichten die Detailhändler darüber, wie viele Tonnen Einweg-Plastik sie mehr brauchen: Für Obst und Gemüse und für unzählige Fertig-Produkte, die sie neu auf den Markt bringen – angeblich, weil es die Kunden und Kundinnen so wünschen.
Mit ihren kleinen Sparerfolgen bei einzelnen Produkten lenken sie erfolgreich von der Frage ab, ob sie ihren Plastikverbrauch tatsächlich eindämmen. Deshalb stellte Infosperber den vier Grossverteilern Migros, Coop, Aldi und Lidl die Frage «Wie viel Einweg-Plastik verbrauchen Sie pro Jahr?»
Niemand «verbraucht», alle «sparen»
Keines der Unternehmen wollte die Frage beantworten. Stattdessen schrieb die Migros, dass sie bei ihren Eigenmarken innerhalb von vier Jahren 1200 Tonnen Kunststoff gespart habe.
Zum Vergleich: Laut Schätzung des Bundesamts für Umwelt (Bafu) wird in der Schweiz jährlich etwa eine Million Tonnen Kunststoffe verbraucht. Ein grosser Teil davon wird in Form von Verpackungen nach kurzer Zeit weggeworfen. Ein Beispiel: Die Schale für ein Fertiggericht wird vom Befüllen an der Theke bis zum Ende der Mahlzeit nur ein paar Minuten benutzt.
Auch die anderen Grossverteiler verschweigen ihren Plastikverbrauch. Obwohl Infosperber ausdrücklich nach dem Verbrauch gefragt hat, liefern alle Händler nur Zahlen zu ihren Sparbemühungen.
Coop lobt sich dafür, dass das Unternehmen zwischen 2012 und 2021 über 8900 Tonnen Plastik reduziert habe. Das sind gerade Mal 890 Tonnen pro Jahr.
Seit 2017 habe Lidl den Kunststoffeinsatz bei Eigenmarkenverpackungen um 22 Prozent gesenkt. «Aus Wettbewerbsgründen» will Lidl die Frage nach dem Verbrauch nicht beantworten.
Aldi schreibt zwar, dass sich «keine verifizierte Aussage zum Verbrauch von Einweg-Plastik treffen lässt», weiss aber trotzdem, «dass der Verbrauch im Jahr 2023 um 71 und im Jahr 2024 um 40 Prozent» gesenkt worden sei.
Die Migros gibt als Antwort auf die simple Frage, wie viel Einweg-Plastik sie pro Jahr verbrauche: «Plastik ist für uns nicht einfach Abfall, sondern erfüllt als Verpackungsmaterial eine zentrale Funktion.»
Mit grossem Aufwand versucht die Migros den Kunden zu vermitteln, dass die Verpackungen nötig seien. Zum Beispiel bei Gurken: Ohne Plastikhülle würden sie zu schnell verderben, behauptet die Migros. Genauso bei Früchten: Ohne Plastikschale würden sie Schaden nehmen. Doch immer wieder zeigt sich: es geht sehr gut ohne Plastik. Auch in der Migros. Das bewies sie diesen Herbst. Am einen Tag waren die Zwetschgen in Plastik verpackt, am anderen in Karton.

Besonders widersprüchlich ist, dass die Plastikhülle oft dazu dient, teure Bio-Produkte von konventionellen zu unterscheiden.

Plastikverpackungen sind für Grossverteiler billig und praktisch. Ein Anreiz für eine Änderung ist kaum vorhanden. Nun verlegen sich die Händler auf eine neue Strategie: Sie bringen nicht weniger Plastik-Verpackungen auf den Markt. Sondern die Kunden sollen das Plastik trennen und rezyklieren – natürlich auf eigene Kosten.
Gebührensack für Plastik statt Gratis-Sammlung
Zu diesem Zweck verkaufen Coop und Migros seit einiger Zeit einen Plastik-Sammelsack, den Recybag. Das hat auch zur Folge, dass Migros und Coop nun auch ihre Plastikflaschen-Sammlung, die bisher gratis war, einstellen können.
Gegen das Recycling spricht, dass sich damit das Problem mit dem Plastik bloss verzögern lässt. Am Ende landet der Kunststoff trotzdem im Abfall. Dauerhaft verschwunden ist Plastik nur dann, wenn man es verbrennt – was andere Probleme schafft, wie die Emission von Klimagasen und giftige Verbrennungsrückstände.
Afrika ist Vorreiter beim Vermeiden von Plastik
Rund ein Dutzend afrikanische Länder haben schon vor längerer Zeit strenge Massnahmen gegen Plastik eingeführt. In Ruanda gilt seit zwanzig Jahren ein landesweites Verbot von Einweg-Plastiksäcken. Auch in Touristenzielen wie Kenia, Marokko, Namibia und in Südafrika gibt es solche Verbote.
Zum Teil ist sogar die Einfuhr und Nutzung von Einweg-Plastiksäcken verboten. Wer solche im Gepäck mitführt, kann bestraft werden. Die afrikanischen Länder haben schon früh festgestellt, dass Plastiksäcke häufig an Stränden, in Wäldern oder in Gewässern landen und dort zur Gefahr für Tiere, Böden und Wasserquellen werden.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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