PFAS-Grenzwerte: Die Gesundheit ist zweitrangig
Die in der Schweiz geltenden Höchstgehalte für PFAS in Lebensmitteln schützen weniger die Gesundheit als die Wirtschaft. Das legt ein Bericht des Magazins «Saldo» nahe. Als Beleg zitiert Saldo das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit (BLV): «Aus rein gesundheitlicher Sicht wären tiefere Höchstgehalte wünschenswert».
Bei der Festlegung der Grenzwerte berücksichtigte das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit nicht nur, wie giftig die Chemikalien sind. Die Grenzwerte wurden vielmehr so festgelegt, dass jeweils nur die am meisten belasteten Lebensmittel unter das Verbot fallen. Wie belastet welche Lebensmittel sind, war dem BLV aus Tests bekannt.
Nur drei Portionen Fisch sprengen den Höchstwert
Eine 70 Kilogramm schwere Person dürfte nur 360 Gramm Felchen (drei Portionen) aus Schweizer Seen essen. Falls die Fische den festgesetzten Grenzwert erreichen, hätte sie bereits so viel PFAS konsumiert, wie in einem Jahr als gerade noch unbedenklich gälten. Das erläuterte Expertin Marion Junghans vom Ökotoxzentrum Dübendorf gegenüber «Saldo».
Junghans bezieht sich dabei auf die TWI (tolerable weekly intake) der EU-Lebensmittelbehörde Efsa. Diese legt die noch tolerierbare Aufnahmemenge der sogenannten PFAS-4 (PFOA, PFOS, PFNA, und PFHxS) bei 4,4 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Woche fest. Bedenkt man, dass sich auch im Leitungswasser und in anderen Lebensmitteln PFAS befinden, wären 360 Gramm Felchen mit maximaler Verunreinigung zu viel. Bei leichteren Personen wie Kindern erst recht.
Dieser Meinung sind auch viele Fachpersonen. Bisher gültige Grenzwerte seien eher Anhaltspunkte und kaum wirklich sicher, sagte beispielsweise der deutsche Chemiker Michael Müller im vergangenen Jahr zu «Infosperber». Man wisse noch zu wenig über PFAS und ihre Wirkungen.
«Keine Garantie für sichere Lebensmittel»
«Aus rein gesundheitlicher Sicht wären tiefere Höchstgehalte wünschenswert. Diese müssen aber auch umsetzbar sein, um nicht auf ganze Lebensmittelgruppen zu verzichten», so das BLV laut «Saldo». Strengere Grenzwerte würden dazu führen, dass bestimmte Lebensmittel nicht mehr verkauft werden dürften oder aufwendig überprüft werden müssten. Die Schweiz habe sich deshalb für höhere Werte entschieden, um Marktverwerfungen zu vermeiden und die Kontrolle praktikabel zu halten. «Das ist kein Garant für sichere Lebensmittel», resümiert «Saldo».
Ein «flächendeckendes Problem» bei Lebensmitteln gebe es aber nicht, zitiert «Saldo» das BLV. Doch wer viele Lebensmittel mit grosszügigen Grenzwerten verzehrt, konsumiert recht schnell ansehnlich PFAS-Mengen. «Ansehnlich» heisst: Nach den Massstäben der EU-Chemikalienbehörde Efsa grenzwertige bis zu hohe.
Jeder und jede hat PFAS im Blut
Die PFAS-Belastung von Durchschnittsmenschen ist keine fiktive Angelegenheit. Selbst Kleinkinder haben PFAS im Körper. Am häufigsten gefunden wird die bereits verbotene Chemikalie PFOS (Perfluoroktansulfonsäure),
Untersuchungen mit mehreren hundert Probanden in den Kantonen Bern und Waadt ergaben, dass etwa fünf Prozent so viel PFAS im Körper haben, dass es gesundheitliche Folgen haben kann. Ob und wie sich die Ergebnisse auf die Gesamtbevölkerung übertragen lassen, wird vorerst im Dunkeln bleiben. Eine gross angelegte Biomonitoring-Studie wurde im vergangenen Jahr gestoppt (Infosperber berichtete).
Der PFAS-Experte Martin Scheringer von der ETH Zürich jedenfalls hält die PFAS-Belastung der Schweizer Bevölkerung laut «Saldo» für «besorgniserregend hoch».
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.
Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










Ihre Meinung
Lade Eingabefeld...