Bolivien

La Paz mit heute über 800'000 Einwohnern: oben prekäre Behausungen, unten Paläste © Josef Estermann

La Paz – eine Liebeserklärung

Josef Estermann /  Auf 4000 bis 3000 Metern über Meer gelegen überrascht Boliviens Regierungsstadt mit vier Jahreszeiten an einem Tag.

Man sagt, dass man in La Paz die vier (europäischen) Jahreszeiten an einem einzigen Tag erleben könne: Nachts herrscht der Winter mit Temperaturen um den Gefrierpunkt, am Vormittag wird es allmählich Frühling, am Nachmittag bestimmt eine brennende Sonne den Sommer und am Abend hält der Herbst Einzug. Dabei machen die in Europa vorherrschenden Jahreszeiten für eine Stadt auf fast 4000 Meter Höhe und nur 16 Grad südlich des Äquators eigentlich keinen Sinn. Jetzt zum Beispiel, im Januar, ist es eigentlich Sommer, aber bestimmend ist im Moment die Regenzeit.

Und dies bedeutet, dass es auch mal schneien kann und viele Wege unpassierbar werden. Wenn aber die Sonne durchkommt, kann es wirklich warm werden. Oder sie brennt sogar erbarmungslos. Im Schatten kann es leicht zehn bis fünfzehn Grad kälter werden. Und weil praktisch niemand eine Heizung hat, gilt es sich entsprechend anzuziehen, ganz nach dem Zwiebelprinzip: eine Schicht nach der anderen abstreifen oder aber wieder überziehen. Und zum Schlafen dicke und schwere Wolldecken.

Regierungssitz

Auf die Frage, welches denn die Hauptstadt Boliviens sei, antworten neun von zehn Schweizerinnen und Schweizern wie aus dem Rohr geschossen: «La Paz». Dabei ist Sucre, eine schon fast idyllische Kleinstadt in der Mitte des Landes, die verfassungsmässige Hauptstadt Boliviens. La Paz ist der Regierungssitz und damit immer wieder Ort von politischen und sozialen Auseinandersetzungen und Demonstrationen. Bevölkerungsmässig ist La Paz inzwischen nur noch die drittgrösste Stadt Boliviens, hinter der Wirtschaftsmetropole Santa Cruz de la Sierra im östlichen Tiefland (mit rund 2,3 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern), gefolgt von El Alto, der ehemaligen Satellitenstadt von La Paz, die inzwischen je nach Schätzung etwas weniger oder etwas mehr als eine Million Einwohnerinnen und Einwohner hat.

Bolivien
Sicht auf La Paz, drittgrösste Stadt in Bolivien

Dieser Umstand hat mit den riesigen Migrationsbewegungen der letzten 50 Jahre zu tun. Santa Cruz wuchs vor allem aufgrund der intensiven Landwirtschaft und den Öl- und Gasvorkommen zu einer eigentlichen wirtschaftlichen Grossstadt. Und El Alto (auf der Hochebene über La Paz gelegen) war bis 1965 bloss eine kleine Siedlung von 10‘000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Wegen des engen Raums in La Paz breitete sie sich aber rasch aus und hatte 1992 schon über 400’000 Einwohnerinnen und Einwohner; bis heute hat sich diese Zahl nochmals mehr als verdoppelt und El Alto zählt inzwischen mehr Einwohnerinnen und Einwohner als La Paz.

Aymara-Hochburg

La Paz (und inzwischen noch mehr El Alto) gilt als Aymara-Hochburg. Die Aymara sind im Nordwesten Boliviens, im Süden Perus und im Norden Chiles beheimatet; die bolivianischen Aymara machen dabei die Mehrheit aus. In Bolivien bilden sie 40,6 Prozent der indigenen Bevölkerung, hinter den Quechua mit 49,5 Prozent. Allerdings haben sie aufgrund ihrer relativ zupackenden und kämpferischen Art einen ungleich grösseren Einfluss in der jüngsten politischen Geschichte Boliviens als die Quechua. Evo Morales, der von 2006 bis 2019 das Land regierte, ist Aymara. Die neue Staatsverfassung von 2009 trägt die Signatur dieses indigenen Volkes.

In La Paz oder Choqeyapu, wie die Stadt auf Aymara heisst (eigentlich «Kartoffelacker»), trifft man auf Schritt und Tritt auf Phänomene, die mit der indigenen Kultur und Weltanschauung der Aymara zu tun haben. Frauen in Reifröcken und den typischen runden Hüten sind überall anzutreffen, auf den Märkten sind sie in der Mehrheit. Immer wieder hört man in den Minibussen oder den Kabinen der Stadtseilbahnen Aymara, wenn auch durchsetzt von spanischen Wörtern. Während der Regierungszeit von Evo Morales schossen die Sprachschulen wie Pilze aus dem Boden, denn Staatsbeamte mussten eine der indigenen Sprachen zumindest rudimentär beherrschen. Das könnte sich mit der neuen Regierung von Rodrigo Paz wieder ändern.

Bolivien
Statue des höchsten Inka-Königs: Sapa Inka

Die Aymara wurden von den Inkas nie erobert und gelten daher als militant, resistent und kämpferisch. Als die Spanier auftauchten, taten sich die Aymara zuerst mit ihnen zusammen, um gegen die Inkas beziehungsweise das Inkareich oder Tawantinsuyu zu kämpfen. Als es schon zu spät war, bemerkten sie den strategischen Fehler und wurden denn auch kolonisiert und unterjocht. Viele Widerstandsbewegungen gegen die spanischen Besetzer gingen von den Aymara aus. Die berühmteste war der Aufstand von Tupaq Katari («die erhabene Schlange») 1781, als er zusammen mit seiner Frau Bartolina Sisa La Paz während sechs Monaten belagerte.

Erst der Nachschub von spanischen Truppen aus Lima und Buenos Aires bereitete dem Aufstand ein Ende; Tupaq Katari wurde hingerichtet. Seine letzten Worte vor seinem Tod sollen gelautet haben: Nayawa jiwtxa nayjarusti waranqa waranqanakawa kutanipxa – «Ich sterbe, aber morgen werde ich als Abertausende zurückkommen». Sowohl Tupaq Katari wie Bartolina Sisa gaben bis heute ihren Namen indigenen Bewegungen, die auch jetzt wieder mit dem Widerstand gegen den zwischen Regierung und der Gewerkschaft COB (Central Obrera Boliviana: der bolivianischen Arbeiterzentrale) ausgehandelten Deal mobilmachen, weil sie sich «verkauft» fühlen.

Extreme Höhenunterschiede

La Paz wurde 1548 von Alonso de Mendoza in Laja, einem Dorf auf der Andenhochebene, gegründet. Wegen des unwirtlichen Klimas wurde die Gründung aber schon nach drei Tagen in den «Kessel» verlegt, in dem sich La Paz beziehungsweise Nuestra Señora de La Paz (Unsere Liebe Frau des Friedens) heute befindet. Dieser Kessel schützt zwar gegen die kalten Winde auf der Andenhochebene, kann aber leicht zur Falle werden, weil die Ausfallstrassen nach unten im Nirgendwo enden. Alle Fernverbindungen nach Cochabamba und Santa Cruz, nach Peru oder Chile führen über die Andenhochebene, heute über El Alto. Auch der internationale Flughafen befindet sich in El Alto auf rund 4100 Metern über Meer.

Bolivien
Häuser werden immer höher in die rutschigen Abhänge gebaut.

Wenn man in El Alto landet und die Schnellstrasse («Autopista») nach La Paz nimmt, verschlägt es einem förmlich den Atem, wenn sich plötzlich ein unglaubliches Panorama öffnet und La Paz in diesem «Kessel» auftaucht. Vom Rand von El Alto – als Augenbraue oder Ceja bezeichnet – bis ins Zentrum von La Paz sind es 400 Meter Höhenunterschied, von dort bis in die Zona Sur, also die südlich gelegenen Stadtteile, nochmals 500. Inzwischen erstreckt sich La Paz bis in die südlichen Täler auf unter 3000 Metern.

Im Gegensatz zur Schweiz wohnen die ärmeren Menschen oben und die reicheren unten. Dies hat mit den grossen Temperaturunterschieden zu tun. Im Süden kann es recht angenehm sein, während es an den steilen Abhängen empfindlich kalt ist. Die vielen Stadtseilbahnen – inzwischen sind es elf Linien – überbrücken nicht nur die Höhenunterschiede, sondern auch soziale Klassen und ethnische Verschiedenheiten. Zum ersten Mal können ärmere Hausangestellte aus El Alto auf ihrem Weg zu ihren «Herren» die Swimming-Pools und Villen der Reichen von oben sehen, und umgekehrt werden sich reichere Menschen aus der Zona Sur bewusst, wie ihre armen Landgenossinnen und -genossen wohnen.

Verrückter Verkehr

Trotz der Luftseilbahnen hat sich die Verkehrssituation in der Stadt kaum verbessert. Nach wie vor dominieren die vielen Minibusse das Stadtbild. Schon seit langem versucht die Stadtregierung den Wildwuchs und das Chaos in den Griff zu bekommen. Aber sie hat es nicht einmal geschafft, feste Haltestellen einzurichten. Die Minibusse halten, wo sie wollen; man braucht nur die Hand auszustrecken, und schon hält das Gefährt und behindert alle anderen Fahrzeuge. Die Passagiere rufen vor dem Aussteigen einfach «baja esquina!» (an der Ecke raus), und der Fahrer (ich habe noch keine einzige Fahrerin gesehen) schwenkt halsbrecherisch zur Seite und hält abrupt.

Bolivien
Seilbahnen führen über die Dächer der Stadt.

Inzwischen gibt es an allen wichtigen Kreuzungen Ampeln, oft noch mit einem Polizisten, der darauf achtet, dass diese auch beachtet werden. Gibt es keine Ampeln, gilt das Recht des Stärkeren. Fussgängerinnen und Fussgänger ziehen immer den Kürzeren, Zebrastreifen hin oder her. Und Fahrräder sieht man praktisch nicht, weil das Radfahren lebensgefährlich ist. Bei Manifestationen geht meistens gar nichts mehr. Dann kommt man zu Fuss schneller voran. Die Luftseilbahnen sind deshalb nicht nur eine Alternative zu den Minibussen, sondern auch eine Oase der Ruhe und der Flucht vor den Abgasen.

Stadt der Gegensätze

La Paz ist wie kaum eine Stadt geprägt von Gegensätzen. Neben den Temperatur- und Höhenunterschieden fallen die Unterschiede in der Architektur ins Auge. In letzter Zeit sind immer mehr Wolkenkratzer dazugekommen, trotz des Umstandes, dass La Paz in einer Erdbebenzone liegt. Vor allem im Zentrum und in der Zona Sur wird gebaut, was das Zeug hält. Mit 46 Stockwerken und einer Höhe von 182 Metern ist der Greentower in der Zona Sur nicht nur das höchste Bauwerk von La Paz, sondern von ganz Bolivien.

Bolivien
Der Greentower in La Paz ist mit einer Höhe von 182 Metern das höchste Bauwerk in ganz Bolivien.

An den Abhängen zur Hochebene von El Alto dagegen finden sich baufällige Hütten und unfertige Backsteinhäuser, oft noch mit den Armierungseisen in der Luft. Sobald wieder Geld da ist, wird ein zweites Stockwerk gebaut. Aufgrund der Knappheit an Wohnfläche wird auch an Orten gebaut, wo immer wieder Erdrutsche erfolgen. Das letzte Mal riss ein Erdrutsch am 23. November 2024 Dutzende von Häusern mit sich; glücklicherweise kam nur eine Person ums Leben. In La Paz gibt es bis zu 200 unterirdische Flüsse. Zusammen mit den heftigen Regenfällen in der Regenzeit führen sie zu unstabilen Verhältnissen, die immer wieder die Ärmsten treffen.

Die reicheren Menschen leben in sicheren Villen oder Appartements in der Zona Sur, oft auch in so genannten «Condominios» (Gated Communities) mit privatem Sicherheitspersonal. Die riesigen Malls stehen in einem eindrücklichen Kontrast zu den fliegenden Händlern und den kleinen Marktständen in den armen Stadtteilen.

La Paz fasziniert immer wieder aufs Neue. Die Stadt ist ein «geordnetes Chaos», ein Regenbogen von Farben, ein unglaublicher Mix von Düften und Gerüchen. Nur wer schnell und speditiv sein möchte, hat in dieser Stadt nichts zu suchen. Die sprichwörtliche Unpünktlichkeit hat auch ihr Gutes: Man braucht sich nicht zu beeilen, denn man kommt doch zu spät … und ist dann genau richtig.

Bolivien
Sinnbild für das geordnete Chaos von La Paz

Red. Josef Estermann lebte und arbeitete von 2004 bis 2013 in Bolivien und befand sich vor kurzem wieder im Land. Hier ein zweiter Teil seiner Erfahrungen und Beobachtungen.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.

Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:



_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Städtebau

Städtebau und Bauwirtschaft

Bauen im Hinblick auf eine sich verschärfende Klimakrise. Welche Materialien machen Sinn und wieviel Grün brauchen wir. Vorbildliches und weniger Vorbildliches.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

Direkt mit Twint oder Bank-App



Spenden

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...