Brand Crans-Montana

Schweizer Medien müssen die Privatsphäre der Opfer respektieren. © SRF

Namen der Opfer: Im Ausland weder tabu noch ein Publikumsköder

Esther Diener-Morscher /  In Italien und Frankreich dürfen Medien die Namen von Opfern nennen. Sie tun es, aber nüchtern und ohne Sensationslust.

Am Dreikönigstag wandte sich der Schweizer Presserat mit einer eindringlichen Ermahnung an die Medien: Bei der Berichterstattung über die Tragödie von Crans-Montana sollen die Medienschaffenden die Privatsphäre der Opfer und ihrer Angehörigen respektieren.

Und der Presserat präzisierte: «Die Opfer der Brandkatastrophe sind keine Personen des öffentlichen Interesses. Es gibt keine Notwendigkeit, Namen oder Bilder von ihnen zu publizieren.»

In der Tat verbietet der Journalistenkodex jegliche sensationelle Darstellung, welche Menschen zu blossen Objekten degradiert, sei es in Bild, Text oder Ton.

Nach dem Car-Unfall von 2012: Rüge für «Blick» und «SI»

Der Presserat befürchtete, dass es zu Publikationen wie im Jahr 2012 kommen könnte, als bei einem Car-Unfall bei Siders VS 28 Menschen starben – vor allem Kinder. Damals wurden exzessiv Bilder von Opfern veröffentlicht und über deren Umfeld berichtet. Der «Blick» und die «Schweizer Illustrierte» wurden gerügt, weil sie Fotos der verunglückten Kinder publiziert hatten.

Schon damals mahnte der Presserat, dass das Leid der Betroffenen und die Gefühle der Angehörigen respektiert werden müssten. Sogar wenn es eine Einwilligung der Angehörigen zur Publikation von Namen und Bildern gebe, dürfe das nicht leichthin angenommen werden, weil die Angehörigen vielleicht noch unter dem Schock des Ereignisses stünden.

«Die Eltern möchten es»

Tatsächlich nahmen die Tamedia-Zeitungen nun nach dem Brand in Crans-Montana die Einwilligung der Angehörigen als Anlass, über eines der Opfer mit Namen und Bild zu berichten. Und zwar mit der Begründung: Die Eltern möchten zeigen, wer ihr Sohn war. Gleichzeitig konnte Tamedia mit der emotionalen Geschichte die Neugier des Publikums befriedigen. Die Zeitungen veröffentlichten das Porträt des 17-Jährigen im Grossformat und setzten die Bildunterschrift: «Trystans letzte Nachricht an seine Mutter: ‹Frohes neues Jahr Mama, ich liebe dich über alles. Sag auch allen anderen, dass ich sie liebe.›»

Die Medien in der Schweiz sind hin- und hergerissen zwischen medienethisch gebotener Diskretion und hemmungsloser Sensationslust. In Italien und in Frankreich ist die Situation hingegen klar: Namen und Fotos der Opfer sind kein Tabu – aber auch kein Mittel, das Publikum zu ködern. Ganz selbstverständlich berichteten auch die beiden grossen italienischen Tageszeitungen «La Repubblica» und «Corriere della Sera»  ausführlich mit Namen und mit Fotos über die sechs italienischen Jugendlichen, die umgekommen sind.

In Frankreich brachten unter anderem der «Figaro» und die «Libération» die Namen und Details zu fünf der neun französischen Todesopfer.

«Eine schöne Ehre für die Opfer»

In diesen beiden Ländern bedeutet die Namensnennung keine Verletzung der Privatsphäre, sondern gehört zur gewohnten Information. «Un bel hommage aux victimes. Merci Le Figaro» (Eine schöne Ehre für die Opfer. Danke, Figaro») lautete etwa einer der Kommentare zur Berichterstattung.

Dass französische und italienische Medien so selbstverständlich die Namen der Opfer nennen, nutzen Schweizer Medien dazu, mit ausländischen Hinterbliebenen emotionsgeladene Geschichten zu machen. So schreibt «20 Minuten» über den Vater eines italienischen Opfers: «‹Ich gab ihm Geld für die Party›: Vater trauert um Giovanni (16).»

Ausserdem haben die Tamedia-Zeitungen auch subtilere Formen von effekthaschenden Darstellungen gefunden: Sie publizierten einen Artikel, der unverhohlen für ein Unternehmen wirbt, das eine neue Art von Kunsthaut testet. Illustriert war der Beitrag mit der Grossaufnahme der eingebundenen Hände eines Brandverletzten. Aufgenommen wurde es an einer Gedenkzeremonie. Mit dem Artikel über die Kunsthaut hatte das Bild nichts zu tun.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Die Autorin war bis 2012 Vizepräsidentin des Schweizer Presserats.
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