Die richtigen Medikamente: Wie man den Überblick behält
Red. – Der Autor dieses Artikels ist Hausarzt in Konolfingen, Professor am Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM) der Universität Bern sowie Co-Präsident der IG eMediplan. Diese setzt sich dafür ein, mit einem standardisierten eMediplan Medikationsfehler zu vermeiden und die Medikationssicherheit zu erhöhen. Sven Streits Artikel erschien in der «Schweizerischen Ärztezeitung». Infosperber übernimmt ihn im Rahmen der Creative Commons Lizenz CC BY-NC-ND 4.0. Titel, Vorspann und Zwischentitel von der Redaktion.
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Montagmorgen, 8.10 Uhr. Herr M., 82, legt mir seine Medikationsliste auf den Tisch. Sie stammt vom Spital. Meine Liste im System sieht anders aus, und die Spitex meldet, auch ihre Version sei abweichend. Drei Listen, alle gut gemeint – und doch widersprüchlich. Sein Satz dazu: «Ich dachte, ich bespreche das zuerst mit Ihnen.» Eine gute Idee, wäre da nicht das Problem gewesen, dass er zwischen Spitalaustritt und heute auf ein für mich entscheidendes Medikament – einen neuen Blutverdünner – verzichtet hatte.
Ich atme durch. Wir besprechen seine Ziele: weniger Schwindel, weniger Müdigkeit, wieder sicher aufstehen können. Wir sprechen auch über meine Ziele: das Risiko für eine erneute Lungenembolie reduzieren, Verständnis schaffen, Überblick gewinnen. Wir gehen die Liste durch wie eine Reisetasche. Was müssen wir wirklich mitnehmen? Was kann zurückgelassen werden? Wir stossen auf Fehler, veraltete Rezepte, ein Medikament ohne Indikation – und immer wieder auf Unklarheiten: «Warum brauche ich das?» und «Ah nein, das nehme ich schon lange nicht mehr.»
Weniger Nebenwirkungen, oft auch tiefere Kosten
Gemeinsam entscheiden wir: zwei Medikamente absetzen, eines halbieren. Ich halte die Entscheide im System fest, stelle ein neues Rezept aus, informiere Apotheke und Spitex, dass dies ab sofort die gültige Liste ist, und lege einen aktualisierten eMediplan bei. Diesen drucke ich auch für den Patienten aus, gehe nochmals jede Tablette mit ihm durch – und bin kurz zufrieden. Bis es klingelt: die MPA. «Medikament X ist nicht lieferbar.» Die Sprechstunde läuft weiter, die Uhr auch. Zeit für diese Gespräche ist nie «frei» – aber sie lohnt sich: weniger Nebenwirkungen, mehr Verständnis, weniger Rückfragen, oft auch tiefere Kosten. Und ich gehe zufriedener nach Hause, weil die Liste wieder stimmt – zumindest bis zum nächsten Spezialistenbesuch oder Lieferunterbruch.
Am Nachmittag beim Hausbesuch: Eine Patientin zeigt mir ihr Wochendosett. Der Sohn hat geholfen, die Spitex ebenfalls. Ich staune jedes Mal, wie viel stille Pflege hier geleistet wird. Wir reden über das Ausschleichen eines Schlafmittels. Die Angst, wieder nicht schlafen zu können, ist greifbar. Wir vereinbaren einen Plan in kleinen Schritten – und eine telefonische Rückmeldung in einer Woche.
Was mich motiviert? Wenn die Liste kürzer und verständlicher wird und das Leben leichter erscheint. Wenn ein Patient sagt: «Ich fühle mich wieder wacher.» Was mich nervt? Dass Schnittstellen noch zu oft Schneidstellen sind: Spital, Praxis, Apotheke – drei Systeme, drei Listen. Was verbessert werden sollte? Klare Zuständigkeiten für die Gesamtmedikation, ein gemeinsamer, aktueller Plan – und bezahlte Zeit für das, was wirklich wirkt: das Gespräch und der interprofessionelle Austausch.
Auf dem Heimweg denke ich an Herrn M. und seine Reisetasche. Am Ende des Tages sind es selten grosse Taten; es sind viele kleine, gut erklärte Schritte. Und das geteilte Gefühl: Heute tragen wir beide weniger.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Prof. Dr. med. Dr. phil. Sven Streit ist Hausarzt in der Praxis Burgweg, Konolfingen; Leiter Interprofessionelle Grundversorgung am Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM) der Universität Bern, Präsident der Nachwuchsförderungskommission bei der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin sowie Co-Präsident der IG eMediplan.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









Finde ich gut, dass sich ein Hausarzt hier für Klarheit und für Reduktion durch Ausschleichen einsetzt. Es ist wirklich unglaublich, wie viele Medikamente heute schon Mittfünfziger einnehmen und was das für Kosten, unerwünschte Wirkungen, Spätfolgen und Abwasserbelastung verursacht. Gehört nicht ganz hierher, aber besorgniserregend finde ich auch, wie viele junge normalgewichtige, sogar sportliche junge Menschen bereits Diabetes haben und Insulin zuführen müssen – vielleicht kann der Sperber hierüber einmal etwas bringen.