Philosoph Hans Albert, Theologe Hans Küng und Papst Benedikt XVI. © wikipedia commons

Philosoph Hans Albert, Theologe Hans Küng und Papst Benedikt XVI.

Ratzinger, Küng und das Elend der Theologie

Kurt Marti / 21. Feb 2013 - Das Elend der katholischen Theologie liegt im Spekulativen. Da eifern der Ratzinger-Papst und der Theologe Hans Küng um die Wette.

Nach dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI. beherrschen institutionelle Fragen der katholischen Kirche die Diskussion in den Medien. Die Reformer haben sich in Position gebracht und schiessen sich gegen die Kurie in Rom ein. Allen voran der Theologe Hans Küng, der jahrzehntelange Antipode von Kardinal Joseph Ratzinger, dem jetzigen Noch-Papst. Küng fordert einen «reformerischen Papst». Seine Mängelliste ist lang: Zölibat und Priestermangel, die Frage der Geschiedenen, die Rolle der Frauen, die Empfängnisverhütung, die Frauenordination, die Menschenrechte in der Kirche, die Demokratisierung der kirchlichen Strukturen, eine Kurienreform und ein Höchstalter der Amtsführung von 75 Jahre. Ganz zu schweigen von den Dogmen der Unfehlbarkeit und der Jungfrauengeburt.

Der Applaus vieler unzufriedener Katholiken ist Küng gewiss. Doch der Nicht-Katholik und Anhänger der Säkularisierung reibt sich einmal mehr verwundert die Augen ob dieser sonderbaren Institution, die sich 200 Jahre nach der Aufklärung mit Problemen herumschlägt, die ihre Wurzeln im vordemokratischen Mittelalter haben, und die gar den Rücktritt eines greisen Papstes wie ein Weltwunder feiert.

Hans Küngs «Schleichwege zu Gott»

Die aktuelle Diskussion um die Institution Kirche verstellt den Blick für die tieferen Gründe der Antiquiertheit der katholischen Kirche. Es ist das «Elend der Theologie», auf dessen Hauptbühne sich die Krise der Kirche abspielt. Im Jahr 1979 hat der Philosoph und kritische Rationalist Hans Albert das Buch «Das Elend der Theologie: Kritische Auseinandersetzung mit Hans Küng» veröffentlicht, das seither fast völlig in Vergessenheit geraten ist. Darin wirft Albert dem Theologen Küng vor, er bewege sich in seinem Buch «Existiert Gott?» (1978) auf «Schleichwegen zu Gott», gepflastert mit «Wunschdenken» und «ungeheurem Wortreichtum». Küng versuche Gott rational zu begründen und serviere dafür «einen Begriffssalat», den er mit denkwürdigen Sätzen garniere, beispielsweise Gott sei «die Transzendenz in der Immanenz, die Jenseitigkeit in der Diesseitigkeit, die absolut-relative, diesseitig-jenseitige, transzendent-immanente, allesumgreifend-allesdurchwaltende wirklichste Wirklichkeit im Herzen der Dinge, im Menschen, in der Menschheitsgeschichte, in der Welt.»

Ratzinger und Küng spekulieren um die Wette

Was das «Elend der Theologie» betrifft - also die reine Spekulation - ist Küng in bester Gesellschaft mit dem Ratzinger-Papst. Da eifern die beiden um die Wette. Stellvertretend für unzählige solcher wortakrobatischen Passagen sei hier aus Kardinal Joseph Ratzingers Buch «Werte in Zeiten des Umbruchs» zitiert: «Gott ist dreifaltig einer: Er ist nicht ewige Einsamkeit, sondern ewige Liebe, die das Miteinander der drei Personen setzt und der Urgrund allen Seins und Lebens ist. Die Einheit, die die Liebe schafft – die trinitarische Einheit – ist höhere Einheit als die Einheit letzter, unteilbarer materieller Bausteine. Die höchste Einheit ist nichts Starres. Sie ist Liebe.»

«Wer Gott nicht mag, mag auch den Menschen nicht»

Nicht nur im grenzenlosen Spekulieren kommen sich die beiden Antipoden Ratzinger und Küng sehr nahe, sondern auch in der Abwertung der Nicht-Gläubigen. Im oben erwähnten Buch kommt Ratzinger zum fragwürdigen Schluss: «Wer Gott nicht mag, mag auch den Menschen nicht. Die Gottesleugner werden sehr schnell auch zu Verleumdern der Schöpfung, zu Anklägern des Menschen.» Küng seinerseits sieht den Glauben als eine Wette. Selbst wenn er diese Wette verlöre und nach dem Tod nichts wäre, sieht er sich gegenüber den Nicht-Gläubigen im Vorteil: «Ich hätte in jedem Fall besser, froher, sinnvoller gelebt, als wenn ich keine Hoffnung gehabt hätte.»

Theologischer Taschenspielertrick

Fast dreissig Jahre nach der Veröffentlichung von «Existiert Gott?» hat Küng 2005 in seinem Buch «Der Anfang aller Dinge» das, was der Philosoph Hans Albert als «Begriffssalat» und «Wunschdenken» bezeichnete, wortreich bekräftigt. Zwar kann selbst Küng Gott nicht beweisen, aber der Mensch kann laut Küng die Existenz Gottes mit «vernünftigem, geprüftem, aufgeklärtem Vertrauen» und «mit gutem Grund bejahen». Und wenn Gott existiere, «dann können zahllose existentielle Fragen zumindest im Prinzip beantwortet werden». Denn wenn Gott, «der existiert, wahrhaft Gott ist, dann ist er nicht nur Gott für mich jetzt und hier und heute, sondern Gott auch am Ende». So einfach ist das! Was allerdings bei diesem theologischen Taschenspielertrick «vernünftig», «geprüft» und «aufgeklärt» ist, bleibt schleierhaft. Nachprüfen lassen sich solche Behauptungen jedenfalls nicht und folglich auch nicht sinnvoll kritisieren.

Die Bibel als Buch von Metaphern

Küng stellt wie der Ratzinger-Papst ebenfalls Christus ins Zentrum seiner Theologie. Für Küng macht der «konkrete, gekreuzigte Jesus als der lebendige Christus» das spezifisch Christliche im Vergleich zu den anderen Religionen aus. Erstaunlich ist dabei, dass Küng die Wunder, welche so zahlreich die Bibel ausstaffieren, nicht als historische Realität sieht, sondern als Metaphern, die ein «Zeichen der Macht Gottes» sein sollen. Mit dieser grundlegenden Metamorphose immunisiert Küng die biblischen Ereignisse gegen jegliche, rationale Kritik. Wenn die Wunder nur Metaphern sind, verlieren auch zentrale Inhalte wie die Auferstehung ihre Bedeutung. Dann reduziert sich die christliche Botschaft auf das Sagen- und Märchenhafte und die Frage stellt sich, warum die Menschen des aufgeklärten Zeitalters noch die Bibel als Projektionsfläche ihres Glaubens beibehalten sollen. Ebensogut könnten sie auch die Mythologie der alten Griechen, der Indianer, der Mayas oder der Naturvölker zu Rate ziehen.

Die spekulative Theologie der beiden Protagonisten Benedikt XVI. und Küng lassen nur jene aufhorchen, welche bereits von Geburt an auf solche Schalmeienklänge eingestimmt wurden. Die anderen hingegen schauen befremdet auf dieses seltsame Treiben inmitten einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft und hoffen, dieses Treiben werde nicht eines Tages zu neuer, unseliger Blüte erweckt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Kurt Marti ist Journalist und wohnt in Brig-Glis. Er ist mit dem Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti nicht verwandt.

Weiterführende Informationen

Hans Albert: Das Elend der Theologie
Hans Küng: Der Anfang aller Dinge
Kardinal Josef Ratzinger: Werte in Zeiten des Umbruchs

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3 Meinungen

Merci, Kurt Marti! Was allerdings das Schweizer Fernsehen nach dem Rücktritt des unsäglichen Ratzinger-Papstes in seinem «Club» geboten hat, war nur noch billigste Propaganda für katholisch-religiöse Schwärmerei aller Art: Kein einziger Papstkritiker, kein Herr Küng, keine Frau Heinemann und schon gar kein Atheist störten den geistig inzüchtlerischen Gottesdienst im Studio. Die Runde, bestehend aus lauter Christen und Katholiken überbot sich gegenseitig in Lobhudeleien über den Papst. Eine Frechheit gegenüber allen kritischen Konzessionszahlern war das.
Und was den Vatikan generell anbelangt, ist dieser eine der grossen Unterlassungssünden in der Europäischen Geschichte: Garibaldi hat da gewaltig geschlampt. Sonst hätte er das hässliche Überbleibsel aus dem düstersten Mittelalter mitten in Rom hinweggefegt. Dieser obskure rechtsfreie Raum, stinkt ob seiner Männerbündlerei, Korruption und Perversion längst zum Himmel.
Aber es gibt noch andere solche Unterlassungssünden in der Geschichte Europas: So haben etwa die französischen Revolutionäre Ende des 18. Jahrhunderts in Monaco ihren Job ebensowenig fertig gemacht, wie Garibaldi beim Vatikan.
Und auch die Schweiz hat gewaltig geschlampt: Seit 1848 hätte es sicher etwa vier Zeitfenster gegeben, in denen wir dem anachronistischen, mittelalterlichen Fürsten-Spuk in Liechtenstein ein Ende hätten machen können. Letztmals Ende 1944: Da hätte ein gut geführtes Schweizer Infanteri-Regiment gereicht, um das Fürstentum zu besetzen, die mittelalterliche Fürsterei zu beenden – und die dortige Bevölkerung eine anständiges Parlament und eine Kantonsregierung wählen zu lassen. Schade, dass diese Chancen in keinem der genannten Fälle genutzt wurden. N.R.
Niklaus Ramseyer, am 22. Februar 2013 um 12:56 Uhr
Das in der Tat nicht neue und doch aktuell gebliebene Buch von Hans Albert bringt es auf den Punkt, was man angesichts des Rücktritts des Oberhauptes eines Glaubenssystems eigentlich auch erwartet hätte: die Reflexion nämlich über das ideologische Fundament dieses Glaubenssystems, das mehr als Macht ausübende gesellschaftlich-politische Institution von sich reden macht denn als religiöses System, das den Menschen die Verbindung zu dem höchsten Wesen und ewiges Heil verspricht.

Bei den vielen, nicht mehr zu zählenden Kommentaren in den Zeitungen, im Rundfunk, im Fernsehen, ob geäußert als ergebene Marionette oder bekennender Ungläubiger, ob wohlwollend oder kritisch gemeint, fällt auf, dass niemand mal an die »Geschäftsgrundlage« dieser Organisation erinnert, der ein solches Oberhaupt vorsteht. Alles was man über das theologische Fundament dieser Institution weiß, ist, dass es – wahrscheinlich – einen Wanderprediger Jesus gegeben hat, der – vermutlich – einige bemerkenswerte Äußerungen tat, die zu mehr menschlichem Miteinanderumgehen aufriefen. Seine Geburt durch eine Jungfrau, seine ihm zugeschriebene Opferrolle, seine Wiederauferstehung und Himmelfahrt, seine göttliche Natur, sein himmlischer Auftraggeber – alles theologische Konstruktionen, entsprungen den lebhaften Phantasien von Heilslehrern, wie sie in der Geschichte der Menschheit immer wieder auftraten und auch heute immer noch von sich reden machen. Mit dem kleinen, entscheidenden Unterschied, dass man heute bei Verkündern solcher Glaubenssysteme eher an psychotherapeutische Hilfsmaßnahmen denken würde.

Ist es falsch verstandener Respekt vor religiösen Systemen, denen Millionen Menschen mehr oder weniger unreflektiert anhängen? Ist es die immer noch wirkende, uns absichtsvoll anerzogene Hemmung, die es verhindert, dass man offener und öffentlich auch in den Medien über das spricht, was philosophisch, vielfach sogar auch theologisch, vom Standpunkt des gesunden Menschenverstands sowieso längst entzaubert ist? Ist es Feigheit vor beruflichem Ärger, dass selbst erklärte Konfessionsfreie, Agnostiker oder Atheisten unter den ungezählten Redakteuren sich nicht trauen, eine Stufe tiefer zu gehen, um im Zusammenhang mit dem Rücktritt des alten und der Wahl des neuen Pontifices auch mal an die imaginierte Geschäftsgrundlage zu erinnern? Fernsehen und Rundfunk waren vor dem Rücktritt des 16. Benedikts schon weiter in der Analyse und der moralischen Bewertung der uns alle immer noch in vielfältiger Form steuernden Kirche sowie wenigstens gelegentlich in der aufgeklärten Reflexion über ihre Wurzeln. Besonders im Fernsehen tut man so, als ob wir alle gläubig, gar katholisch seien und damit alle zu dieser Huldigungskulisse zählten. (uwelehnert.de)
Uwe Lehnert, am 22. Februar 2013 um 17:27 Uhr
Kurt Marti trifft exakt den Kern des Problems. Hans Küng und Josef Ratzinger bewegen sich, wie Wittgenstein sagen würde, in einem identischen Sprach-und Denkspiel. Und nur innerhalb dieses Spiel geht die Sache auf.

Historisch-kritisch betrachtet, folgt die Theologie von Küng, Ratzinger und Co. den Regeln der platonischen und aristotelischen, bzw. der mittelalterlichen scholastischen Begrifflichkeit. Innerhalb des Systems ist dies völlig korrekt. So kommt es, dass sie den Begriff von Platons «höchster Idee» oder von Aristoteles' «erstem Beweger» als Substanz, Hypostase und Essenz verstehen und die Begriffe mit dem (Volks-) «Gott» der biblischen Erzählungen identifizieren. Als ob der Begriff «Gott» schon ein Wesen namens «Gott» verbürgen würde. Dieses Denken ist nicht spezifische katholisch, es wird auch an den protestantischen Fakultäten gelehrt und auf den Kanzeln verbreitet. Dieses Denken bildet darüber hinaus eine Art vorbewusster, selbstverständlicher Urgrammatik der monotheistischen Religionen.

Man versteht, warum diese Wortspiele im zeitgenössichen Denken nicht angekommen sind. Kein postmoderner Denker würde dem Trugschluss erliegen, dass ein abstrakter Begriff auch seine eigene Wirklichkeit beweisen kann. Wer beispielsweise die existenzielle Frage stellt «Warum gibt es überhaupt etwas, mich als Individuum eingeschlossen?", der wird die Antwort besser nicht in den metaphysischen Begriffspielen der europäischen Antike suchen. Er wäre wie jener, der seinen verlorenen Ring unter der Strassenlaterne sucht, weil ja nur dort etwas Licht ist. So tun es die Kirchen: Weil sie in ihren Bekenntnissen eine Leuchte sehen, glauben sie, dass die Menschheit die verlorene Antwort in ihrem Sprachspiel finden muss.

Ich habe in meinem Buch «Nach Gott und Religion. Vision für einen jungen christlichen Humanismus» versucht, die religiöse Rede - nicht nur die christliche - zu dekonstruieren. Die Dekonstruktion führt allerdings nicht ins Nichts, sondern zu einer neuen Metaphysik einer existenzinternen, bipolaren, aber einen Wirklichkeit, wie sie schon Laotse gedacht hat: «Sein und Nichtsein bedingen einander". Die Theologie nach Küng und Ratzinger täte gut daran, die postmoderne Religions- und Sprachkritik ernst zu nehmen. Postmoderne Theologie, und postmodernes religiöses Denken sind nur auf der Basis eines säkularen humanistischen Denkens möglich und glaubwürdig.
Fritz P. Schaller, Theologe, am 25. Februar 2013 um 17:35 Uhr

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