FDP-Präsidentin Petra Gössi: «Ideologisch geprägte Abschaffung» der Proviande-Subventionen © parlament
Proviande-Werbung vorher: «Keine Antibiotika» © proviande
Proviande-Werbung nachher: «Keine Leistungs-Förderer» © proviande

Bürgerliche mästen die fetten Fleischbarone

Kurt Marti / 02. Dez 2016 - FDP, SVP und CVP sangen in der Wirtschaftskommission des Nationalrats das hohe Lied der Subventionen für die Fleischwerbung.

Nächste Woche behandelt der Nationalrat eine parlamentarische Initiative von SP-Nationalrat Beat Jans, der die jährlichen Bundes-Subventionen in der Höhe von sechs Millionen Franken an die Proviande-Fleischwerbung streichen will. Jans bezeichnet die subventionierte Fleischwerbung als «absurd», weil diese die Bemühungen des Bundes zum Klimaschutz und der Gesundheitsvorsorge unterlaufe. Der hohe Fleischkonsum erfordere den Import von Futtermitteln, deren Anbau zur «Urwaldabholzung und zur Klimaerwärmung» beitrügen.

«Saldo» pfeift Proviande-Werbung zurück

Nicht nur der Widerspruch zu den politischen Zielen des Bundesrats macht die Proviande-Subventionen fragwürdig, sondern auch deren Inhalt. Nachdem der Werbespruch «Schweizer Fleisch. Alles andere ist Beilage» auf immer mehr Kritik stiess, versuchen es die Sprücheklopfer der Werbeagentur «Polyconsult» nun mit «Schweizer Fleisch. Der feine Unterschied». Und gleich wurde Proviande vom Konsumenten-Magazin «Saldo» zurückgepfiffen: Proviande musste die falsche Behauptung «Keine Antibiotika» durch «Keine Leistungs-Förderer» ersetzen:

Proviande-Werbung vorher: «Keine Antibiotika»

Proviande-Werbung nachher: «Keine Leistungs-Förderer»

In der Proviande-Werbung heisst es weiter: «Hormone und Antibiotika zur Leistungsförderung sind in der Schweiz verboten.» Ein «feiner Unterschied» zu den EU-Ländern ist das allerdings nicht, wie «Saldo» festhält. Zudem verschweige die Proviande-Werbung, dass «Antibiotika gegen Krankheiten und bei Nicht-Bio-Fleisch auch zur Vorbeugung» erlaubt seien. Letztes Jahr kauften laut «Saldo» die Schweizer Nutztierzüchter «nicht weniger als 41'378 Kilogramm Tier-Antibiotika», darunter auch Antibiotika, die in der Humanmedizin verwendet werden und die beim Menschen zu gefährlichen Resistenzen führen.

Neben diesen falschen beziehungsweise fehlenden Informationen zeichnet die Fleisch-Werbung ein geschöntes Bild der Tierhaltung in Schweizer Ställen (siehe auch Infosperber: «Geflügel-Haltung: Werbung und Wirklichkeit»).

Petra Gössi: «Einer Diskussion nicht abgeneigt, aber ...»

Letzte Woche hat die vorberatende Wirtschafts- und Abgabe-Kommission (WAK) des Nationalrats den Vorstoss von SP-Nationalrat Beat Jans mit 17 gegen 6 Stimmen (Linke und Grüne) abgelehnt. Die Vertreter der Weniger-Staat-Parteien FPD und SVP setzten sich geschlossen für die Subventionierung der Fleischwerbung ein (siehe WAK-Mitgliederliste). Ebenfalls die WAK-Mitglieder der CVP.

Um auf Nummer sicher zu gehen, versorgte das zuständige Departement von FDP-Landwirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann die WAK-Mitglieder mit einem Überzeugungspapier, das laut dem stellvertretenden WAK-Sekretär Alexandre Füzesséry unter das Sitzungsgeheimnis fällt.

Auch FDP-Präsidentin Petra Gössi stimmte für die Proviande-Subventionen. Auf Anfrage von Infosperber erklärte sie, die FDP sei «einer Diskussion über die Abschaffung von staatlichen Absatzförderungen nicht abgeneigt», aber sie lehne «eine ideologisch geprägte Abschaffung von Absatzförderung nur zulasten von Fleisch klar ab».

Fleischbarone verzeichnen Milliarden-Umsätze

Der Support der FDP und der SVP für die Fleischwerbung erstaunt nicht, wenn man bedenkt, dass von den Werbe-Millionen auch die drei grossen Fleischvermarkter Bell-Gruppe (Coop), Micarna (Migros) und Sutter (Fenaco) profitieren, die auf diese Weise ihr eigenes Werbebudget schonen können. Ihre CEOs sitzen alle im Proviande-Verwaltungsrat und hätten keine Freude am Versiegen der Subventionsquelle. Proviande-Präsident ist der frühere Aargauer CVP-Nationalrat Markus Zemp.

Dabei wären die drei Fleischvermarkter ohne weiteres in der Lage, die Fleischwerbung selber zu bezahlen. Sie verzeichnen alljährlich steigende Milliardenumsätze und Millionengewinne. Beispielsweise die Bell-Gruppe wies 2013 einen Umsatz von 2,6 Milliarden Franken auf, 2015 waren es schon 2,9 Milliarden. Der Gewinn stieg von 76 Millionen auf 95 Millionen. Der Lohn von Bell-Chef Lorenz Wyss wuchs innert zwei Jahren um 25 Prozent von 713'000 auf 886 000 Franken an. Die vierköpfige Geschäftsleitung kassierte insgesamt 2,2 Millionen. Auch die Bell-Verwaltungsräte lassen sich nicht lumpen: Sie holen jährlich ein Zubrot von 70‘000 bis 100‘000 Franken ab. VR-Präsident der Bell-Gruppe ist der frühere Coop-Chef Hansueli Loosli.

FDP-und SVP-Bremse gegen Schutz der KonsumentInnen

Bei solchen finanziellen Umständen ist die fürsorgliche Haltung der FDP durchaus verständlich. Dasselbe gilt für die SVP, die unter anderem durch die Unternehmerin Magdalena Martullo-Blocher in der WAK vertreten war.

Ganz anders lautet die Haltung der FDP- und SVP-ParlamentarInnen, wenn es um Beiträge des Bundes für eine kritische Information der KonsumentInnen geht. Da drücken die Weniger-Staat-Parteien sofort auf die Bremse: Im letzten September hat der Nationalrat eine Motion von Petra Gössi angenommen, die von 37 VertreterInnen der bürgerlichen Parteien, vor allem aus der FDP und SVP, unterzeichnet wurde. Darin wird verlangt, dass Finanzhilfen an KonsumentInnen-Organisationen nur dann gewährt werden sollen, wenn sie «ausschliesslich objektive und fachgerechte» Informationen verbreiten. Dieses Kriterium würde übrigens die Proviande-Werbung kaum erfüllen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Landwirtschaft
Proviande-Subventionen: Bundesrat auf dünnem Eis
Proviande-Subventionen: Bundesrat auf dem Grill
Proviande übt die Transparenz
WAK-Mitglieder Nationalrat

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6 Meinungen

"Mit dem Sohn eines Metzgers tanze ich sowieso nicht!», sagte mir am 2. Juli 1961 eine hübsche Surbtalerin am Jugendfest der Bezirksschule Endingen.

Glücklicherweise fällt Hetze gegen das fleischverarbeitende Gewerbe und Antifleisch-Agitation in der Schweiz nicht unter das Rassismusgesetz. Es bleibt aber dabei, dass es sich, wie Petra Gössi festhielt, um eine ideologisierte Auseinandersetzung handelt. Es bleibt aber auch dabei, dass mehr Mass und Vielfalt beim Fleischkonsum, was «Schweizer Fleisch» und eine Kampagne dafür nicht ausschliesst, ernährungsethisch durchaus richtig wären. Ethik ist nämlich die Theorie der Praxis vernünftigen Handelns. Meine Vorfahren, die zwar noch im 19. Jahrhundert im Surbtal bei den Juden «schwarz» geschächtet haben, kannten noch den Unterschied zwischen Fleischtagen und Mustagen.

Fleischtage waren: Dienstag, Donnerstag, Samstagabend, Sonntag
Mustage: Montag, Mittwoch, Freitag, Samstag unter tags

Dieser Unterschied hatte u.a. Einfluss auf die Fasnachtstage.


In diesem Sinn ist alles eine Frage des Masses. Guten Appetit mit Schweizerfleisch!


P.M. Urenkel, Enkel, Sohn, Bruder, Onkel, Schwager usw. von Schweizer Metzgern, einem Beruf, dem Jeremias Gotthelf eine grosse Achtung bekundete



PS. Bei der Kubakrise von 1962 (Castro, Kennedy, Chruschtschew lassen aus dem Jenseits grüssen) sagte eine Wirtin aus Station Siggenthal: «Falls es Krieg gibt, werden die Leute wohl endlich wieder mal dankbar dafür sein, dass es Kutteln zu essen gibt!"
Pirmin Meier, am 02. Dezember 2016 um 12:13 Uhr
Eine Reminiszenz aus dem 2. Weltkrieg: Meine Mutter hatte zwei Brüder, welche mit 18 Jahren nach Genf «auswanderten». Während des Krieges, als Fleisch rationiert war, schickten die Brüder immer Würste und Fleisch in die Deutschschweiz, auch Couponsmarken zum Bezug. Die Romands assen Fleisch und die «Suisses alemaniques» darbten. In der Romandie mangelte es auch nicht am Weisswein......
Beda Düggelin, am 02. Dezember 2016 um 17:36 Uhr
Herr Meier und Herr Düggelin, wenn's um «Die Wurst» geht werden sie ja richtig unkritisch sentimental.
In der von ihnen erwähnten Zeit gab es ja auch noch keine Antibiotika-Resistenzen. Und der Staat war auch noch nicht der gut gefüllte Selbstbedienungsladen für wirtschaftliche Interessengruppen.
Was ich mich gerade frage, ist, ob sich die warme Luft die «in Bundes-Bern» produziert wird für die Fleischtrocknung eignen würde. Und wenn ja, dann müsste man nur das Marketing etwas anpassen. Das wäre dann halt kein BBBündnerfleisch sonden schlicht und einfach BBBärnerfleisch. E guete!
René Werner, am 03. Dezember 2016 um 06:44 Uhr
@Werner. Habe nicht behauptet, meine betont subjektive Bemerkung sei eine ernährungswissenschaftliche Abhandlung. Kommt dazu, dass der Ernährungsphilosoph Paracelsus, über den ich geforscht habe, nicht gegen das Tiere essen war, aber zum Beispiel bereits nicht mehr ein Freund des Mästens. Man kann es also tatsächlich unterschiedlich sehen. Auszuschliessen ist aber das Ernstzunehmen eines Artikels mit dem Titel «Bürgerliche mästen die fetten Fleischbarone», das ist etwa das Niveau von «Neger beuten den Schweizer Sozialstaat aus».
Pirmin Meier, am 03. Dezember 2016 um 11:58 Uhr
@Meier. Würde denn z.B. der Titel: «Bürgerliche unterstützen die fleischverarbeitende Industrie» etwas an der Tatsache ändern, dass da den Grossbetrieben der Nahrungsmittelindustrie Millionen Steuergelder nachgeschmissen werden? Dasselbe gilt ja auch für die milchverarbeitende Industrie. Die scheinheilige freie Marktwirtschaft lässt grüssen.
René Werner, am 03. Dezember 2016 um 13:52 Uhr
@Werner. Da bin ich mit Ihnen einverstanden, es ist nicht einzusehen, dass der Grosskonzern Nestlé durch das «Schoggigesetz» Subventionen vom Bund erhält. Nestlé geht es auch ohne diese Suventionen sehr gut.
Beda Düggelin, am 03. Dezember 2016 um 15:06 Uhr

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