Sonja Ribi von Swiss Faire Trade: Überging «Natura line», «Fair Wear Foundation» und andere Labels © srf
Über 400 Tote nach Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch © srf
Logo der «Fair Wear Foundation © FWF

Es gibt sie: T-Shirts und Jeans ohne Ausbeutung

Urs P. Gasche / 03. Mai 2013 - Konsumenten können auf die über 400 Toten in Bangladesch nicht reagieren, suggerierte die Tagesschau. Doch sie können es sehr wohl.

Coop mit ihrem Label «Naturaline», Mammut mit ihrem Kleiderbügel-Logo, Caritas-Claro-Läden mit ihrem Fair-Trade-Label «Unica» oder der Helvetas «FairShop» im Internet sind sauer. Seit Jahren verkaufen sie unter diesen Labels Textilien, die unter menschenwürdigen Arbeitsbedingungen hergestellt sind. Die Erklärung von Bern und die Stiftung für Konsumentenschutz haben die genannten Labels als «fortschrittlich» taxiert. Doch die Tagesschau scheint noch nie etwas von ihnen gehört zu haben, obwohl diese Labels mit wenigen Klicks im Internet zu finden sind und auch mit ihrer FairTrade-Qualität in den Medien unübersehbar werben.

Falschinformation in der Tagesschau

Statt die Zuschauerinnen und Zuschauern zu informieren, in welchen Läden oder Online-Shops und unter welchen Labeln sie Textilien kaufen können, die unter fairen Bedingungen hergestellt sind, behauptete der Tagesschau-Moderator am 1. Mai 2013: «Ein Fair Trade Gütesiegel, für fairen Handel also, gibt es in dieser Branche nicht.» Als Kronzeugin trat Sonja Ribi auf, Geschäftsführerin der Dachorganisation «Swiss Fair Trade». Bis heute könne «keine Garantie» für faire Arbeitsbedingungen gewährleistet werden.

Tatsächlich aber können sich die Konsumenten auf die eingangs genannten Labels ebenso so gut verlassen wie auf die Bezeichnungen «Bio-Suisse» oder «Freiland-Ei». Bei den Kontrollen kann es auch in der Schweiz immer wieder mal hapern, und die Versuchung zu täuschen ist bei Produkten mit einem Preisaufschlag stets gegeben.

Nachfrage von Infosperber

Gegenüber Infosperber konnte Sonja Ribi keine Mängel der Labels von Coop sowie der Mammut- oder der Caritas/Claro-Läden benennen. Es handle sich einfach nicht um «FairTrade»-Labels im ihrem Sinne. Und all diese Labels hätten nur einen bescheidenen Marktanteil. Immerhin empfiehlt sie jetzt den Konsumentinnen und Konsumenten gegenüber Infosperber, ihre Textilien bei Caritas-Claro, Helvetas oder – Seide-Produkte – bei «Ideale-FairTrade» in Bern zu kaufen. Dies seien «echte Alternativen». Die «Naturaline» von Coop erwähnt Ribi nicht.

«Naturaline» von Coop garantiert Bio und auch faire Arbeitsbedingungen

Coop bezieht ihre Textilien der Linie «Naturaline» von der Remei AG, Partnerin von «Swiss Fair Trade». «Coop und Remei AG kennen alle Lieferanten und Unterlieferanten», erklärt Denise Stadler von der Coop-Zentrale. Die unabhängige Inspektionsfirma Intertek prüfe anhand von Dokumenten, Arbeiterinterviews und Besichtigungen vor Ort unter anderem die korrekte Entlöhnung, die Abgeltung von Überstunden und die Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz. Aus Bangladesh würden Coop/Remei AG keine Textilien beziehen.

Auch Textilien der Mammut-Geschäfte, die mit dem Kleiderbügel-Logo der «Fair Wear Foundation» und dem «bioRe»-Logo versehen sind, liefert die Remei AG gemäss dem «bioRe»-Umwelt- und Sozialstandard, wie Marketing-Leiterin Simone Seisl erklärt.

Kein Wort davon in der Tagesschau

Zum Einstieg zeigte die Tagesschau vom 1. Mai 2013 schreckliche Bilder von Trümmern und Toten der eingestürzten Textilfabrik in Bangladesch. Über 400 Tote habe es gegeben. Viele Zuschauerinnen und Zuschauer haben sich wahrscheinlich gefragt, wie sie Kleider boykottieren können, die unter so ausbeuterischen, menschenverachtenden Bedingungen produziert werden. Kundinnen und Kunden – und nur sie – könnten für die dortigen Textilarbeiterinnen etwas tun, meinte Sven Henkel, Dozent für Konsumentenverhalten der Universität St. Gallen im gleichen Tagesschau-Beitrag.

Doch laut Tagesschau-Moderator gibt es bei Textilien kein Gütesiegel für fairen Handel. Punkt. «Er hätte lieber zum sozialverträglichen Einkauf motiviert anstatt zu demotivieren», sagt Simone Seisl.

Tagesschau: «Wir wollten uns nur auf Bangladesch beziehen»

Die Tagesschau habe nur darüber informieren wollen, dass es für Textilien aus Bangladesch kein Gütesiegel gibt, erklärt Tagesschau-Chef Urs Leuthard: «Vielleicht ist etwas zu wenig klar geworden, dass sich der Beitrag auf die speziellen Verhältnisse in Bangladesch bezieht und weniger auf die gesamte Textilbranche.» Es sei richtig, dass es einige Gütesiegel gibt. «Naturaline» von Coop und andere würden jedoch keine Ware aus Bangladesch beziehen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

«Get changed»: The Fair Fashion Network
Inspektionsfirma Intertek
Die Philosophie der Remei AG (Coop-Naturaline)
Fair Trade: Erklärung von Bern bewertet Firmen und Labels
Fair Wear Foundation
Tagesschau-Beitrag vom 1. Mai 2013

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