Taieb Fouhaili: «Während der Revolution erlebte ich die besten Wochen meines Lebens» © Beat Brechbühl / Gebana

Taieb Fouhaili: «Während der Revolution erlebte ich die besten Wochen meines Lebens»

«So habe ich die tunesische Revolution erlebt»

Philipp Hufschmid / 04. Dez 2011 - Das Regime in Tunesien sei schlimmer gewesen als das chinesische, sagt Dattel-Unternehmer Taieb Foudhaili fernab der Hauptstadt.

Der Kleinunternehmer Taieb Foudhaili, der während der Revolution gegen den Autokraten Ben Ali mit Frau und Kindern auf den Strassen protestierte, ist optimistisch, dass seinem Land der demokratische Wandel gelingt.

Die Bank verschont – die Polizeistation angezündet

Eben ist die Sonne hinter dem Horizont versunken. Die Atmosphäre in Kebili an diesem warmen Oktoberabend ist friedlich. Auf den ersten Blick erinnert fast nichts mehr an die kritische Phase der Revolution in Tunesien, als in der Stadt am Rand des Salzsees Schott al-Dscherid täglich Massenproteste gegen das Regime des Autokraten Zine el Abi¬dine Ben Ali stattfanden. Doch dann zeigt mir Taieb Foudhaili in einer Seitenstrasse zwei ausgebrannte Häuser. Aus Wut auf die korrupte und regimetreue Polizei seien im Januar mehrere ihrer Gebäude angezündet worden. Und während sich in Europa der Zorn gegen Banken richtet, haben die tunesischen Revolutionäre ausgerechnet das zwischen den Brandruinen liegende Finanzinstitut verschont.

KMU-Besitzer Foudhaili ging zum ersten Mal demonstrieren

Der 42-jährige Taieb Foudhaili ist verheiratet, Vater von zwei Buben und leitet die Firma South Organic in Kebili, die Biodatteln nach Fair-Trade-Kriterien exportiert (siehe Text unten). In den Tagen vor der überstürzten Abreise Ben Alis am 14. Januar spielten die Datteln aber nur eine Nebenrolle. Der freundliche und stets hilfsbereite Taieb, der meist mit leiser Stimme spricht, demonstrierte auf den Strassen.

In Kebili, das rund 20 000 Einwohner zählt, fanden die Kundgebungen auf dem grossen Platz statt, in dessen Mitte ein steinerner Dattelpflücker eine Palme erklimmt. Dort, vor dem regionalen Sitz der Einheitsgewerkschaft UGTT, die bei der landesweiten Koordination der Proteste eine wichtige Rolle spielte, skandierten die Menschen «Tunis, Tunis – hurra, hurra!» (Tunesien, Tunesien – frei, frei!) und «Ben Ali barra!» (Ben Ali raus!). Zum Schutz vor Übergriffen der Polizei bildeten die Männer einen Kordon um die mitdemonstrierenden Frauen. Denn in Kasserine, Regueb, Thala und anderen Städten waren Demonstranten von Sicherheitskräften getötet worden. Nach dem 12. Januar sei die Gefahr aber vorbei gewessen, sagt Taieb. «Die Polizei war verschwunden.»

In der Woche vor dem Sturz Ben Alis habe South Organic den Betrieb eingestellt, erzählt der Dattelexporteur. Der Grund sei die Sorge um die Sicherheit der 110 Angestellten gewesen. Auch die Schulen seien geschlossen worden. Lebensmittel habe man nur morgens kaufen können. Der sehr späte und unaufrichtige Besuch Ben Alis am Krankenbett von Mohammed Bouazizi, der sich aus Protest gegen Behördenwillkür selbst angezündet hatte und damit die Revolution auslöste, habe die Wut der Bevölkerung auf den Autokraten nur noch gesteigert. «Das war eine grosse Provokation! Denn Ben Ali hat schon als Sicherheitschef unter Präsident Habib Bourguiba Studenten umbringen lassen.»

«Das erlebt man nur einmal»

Einfach nur grosse Freude habe er empfunden, als bekannt wurde, dass Ben Ali das Land verlassen habe, sagt der Unternehmer mit dem sorgfältig gestutzten Kinnbart. Die Menschen hätten sich in den Strassen versammelt, um den historischen Moment zu feiern. Mit dabei waren auch er mit seiner Frau und seinen beiden drei- und sechsjährigen Buben. «So etwas erlebt man nur einmal.» In den Tagen danach habe er sehr viel Zeit mit seinen Freunden von der Universität verbracht. «Wir haben versucht, zu verstehen, was passiert war – zu realisieren, dass das nicht bloss ein Trainerwechsel war wie im Fussball.» Nicht ohne Stolz merkt er an, dass South Organic nur sechs Tage nach Ben Alis Abgang bereits wieder Datteln exportierte.

Die Rolle von Al-Dschasira, Facebook und Twitter

Der Fernsehsender Al-Dschasira habe während der Revolution eine wichtige Rolle gespielt, betont Taieb. Nachdem Premierminister Mohammed Ghannouchi angekündigt hatte, dass er in Abwesenheit des Präsidenten gestützt auf Artikel 56 der Verfassung die Regierungsgeschäfte führen werde, habe der katarische TV-Sender beispielsweise sofort einen Verfassungsexperten zu Wort kommen lassen, der ihm widersprach. Es gelte Artikel 57: Die Macht gehe direkt auf den Parlamentspräsidenten über, der innert 60 Tagen Neuwahlen ansetzen müsse.

Die Folge waren Massenproteste gegen Ghannouchi am Tag danach. Ebenso wertvolle Informationsquellen seien Facebook und Twitter gewesen, bestätigt Taieb. Jede Ansprache Ben Alis während der Proteste habe in den sozialen Netzwerken sofort scharfe Kritik und wütende Kommentare ausgelöst – und Massenproteste am Tag danach. Auch seien nach der Flucht des Autokraten, als Ghannouchi neue Gouverneure ernennen wollte, im Internet umgehend kompromittierende Informationen über die Rolle der Kandidaten in der Ära Ben Alis aufgetaucht. Unter dem Druck der Strasse war der Premierminister gezwungen, andere Personen zu nominieren.

Mit Erfolg Unterschriften gesammelt

Abtreten mussten aber nicht nur die Minister und Gouverneure Ben Alis. Gemeinsam mit anderen sammelte Taieb Unterschriften für die Absetzung der regionalen Vertreter der tunesischen Handelskammer. Ihre Forderung wurde erfüllt. Tunis besetzte die Ämter neu. Auch im Verband der Dattelexporteure ist die Spitze mittlerweile mit Personen ohne Verbindungen zum alten Regime besetzt. Einer der neuen ist Taieb. «Früher wäre das für mich unmöglich gewesen, weil nur die grossen Dattelexporteure eine Chance hatten.»

Zeit der eisernen Faust vorbei

Ende Februar musste auch Ghannouchi zurücktreten. Die Wochen danach seien die besten seines Lebens gewesen, sagt Taieb. Es habe in der Bevölkerung grossen Zusammenhalt gegeben, eine tiefe Verbundenheit zwischen allen sozialen Schichten. Den bisherigen Transformationsprozess beurteilt er positiv. Die Mehrheit der Tunesier sei wie er überzeugt, dass die Übergangsregierung und insbesondere die Kommission, welche die Wahl für eine verfassungsgebende Versammlung organisiert hat, sehr gute Arbeit geleistet habe. «Früher hat der Innenminister das ganz Land mit eiserner Faust kontrolliert. Das ist vorbei», erklärt Taieb. Für die Meisten sei die Revolution eine gewaltige Erleichterung gewesen. Die Touristen hätten das zwar nicht gespürt, aber das Regime von Ben Ali sei schlimmer gewesen als das chinesische. Obwohl das Leben seinen normalen Gang zu nehmen schien, habe man sich nicht sicher gefühlt.

Nun herrsche endlich Meinungsfreiheit, die wichtigste aller Freiheiten. Eine Rückkehr zu diktatorischen Verhältnissen schliesst er aus. «Die Menschen haben die Initiative ergriffen. Es gibt eine lebendige Zivilgesellschaft und starke Parteien.» Taieb warnt allerdings vor zu hohen Erwartungen. Nicht alles lasse sich sofort ändern. So werde etwa die hohe Arbeitslosigkeit noch lange ein Problem sein.

Bestellen von Taiebs frischen Bio-Rispen-Datteln

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TAIEB FOUDHAILIS FAIR-TRADE-BIO-DATTELN FÜR DEN SCHWEIZER MARKT

(Urs P. Gasche)

Die Oase Bargouthia im Südosten Tunesiens ist eine von vielen am Rande der Sahara. In den Monaten November und Dezember werden die Früchte reif, also just zur Hauptabsatzzeit in Europa. Doch die meisten bei uns in der Weihnachtszeit angebotenen Datteln stammen von der letztjährigen Ernte.

In der Regel sind die Oasen in kleine Parzellen aufgeteilt, umrandet mit Zäunen aus Palmenblättern, und verbunden mit Kanälen oder Röhren fürs Wasser. Eine Parzelle erhält nur etwa alle 18 Tage während sieben Stunden Wasser. Die vielen Parzellen-Besitzer sind in einer Genossenschaft organisiert, die das Wasser gerecht verteilt. Doch der Grundwasserspiegel senkt sich jedes Jahr weiter ab. Was wenn die Pumpe trotz stets tieferem Bohren auf kein Grundwasser mehr stösst? «Dann muss die Regierung eine Lösung finden», meinte der Präsident der Genossenschaft. Tatsächlich hatte Präsident Ben Ali das Problem verschärft, indem sie Golfplätze für die Touristen bewilligte und Grossgrundbesitzer privilegierte.

Die Gründung eines privaten Vereins war verboten

Unter Ben Ali war sogar eine Bewilligung der Zentralregierung in Tunis nötig, damit die Bauern-Genossenschaft der Oase Bargouthia nicht nur das Wasser, sondern auch das Geld verteilen durfte, das ihr dank dem Gütesiegel von Max Havelaar zufloss (heute 15 Eurocent pro exportiertes Kilo Datteln). Die Richtlinien von Max Havelaar verlangen nämlich, dass die Vollversammlung einer demokratischen Organisation die Mittel verteilt. «Zum ersten Mal darf eine Genossenschaft in Tunesien auch andere Aufgaben als nur das Wasserverteilen übernehmen», hatte sich Taieb Foudhaili, Chef von der Verarbeitungsfirma South Organic, gefreut.

Doch es war ein Kompromiss mit dem Regime Ben Alis. Denn längst nicht alle Mitglieder der Bauerngenossenschaft waren Fair-Trade-Produzenten, profitierten aber vom Geldsegen von Max Havelaar. Doch kaum war Ben Ali ins Exil nach Saudiarabien geflohen, gründeten die Fair-Trade Bauern sofort – was ihnen vorher verboten war – einen eigenen Verein, um allein unter sich über die Verwendung des Geldes zu entscheiden.

Garantiertes Mindesteinkommen bei schlechter Ernte

Die Schweizer Fair-Trade-Organisation Gebana vermarktet die ganze Produktion der South Organic, so dass die Bauern der Willkür von Händlern und Zwischenhändlern weniger ausgesetzt sind. Sie garantiert ihnen zudem ein Mindesteinkommen für den Fall einer schlechten Ernte oder fallender Händlerpreise. Die Dattelsortiererinnen, fast alles unverheiratete Frauen unterschiedlichen Alters, erhalten allerdings nur halb soviel Lohn wie ein Plantagenarbeiter. Diese Ungerechtigkeit hat auch der faire Handel nicht ausgeglichen.

Um die Datteln über verschiedene Absatzkanäle zu verkaufen, lässt Gebana nicht nur nach den Richtlinien von Max Havelaar, sondern auch der Bio-Labels wie Bio Suisse produzieren: Kein Künstdünger wie Phosphat für die Palmen, und keine Insektizide, keine Sorbinsäure und kein Sorbat für die Früchte.

Datteln haben kein Schalen, was sie für Rückstände anfälliger macht. Die Bio-Produktion hat wie überall ihre Tücken. Insekten wie Schildläuse und Pilzkrankheiten befallen die Datteln. Beim konventionellen Anbau begast man sie einfach mit dem fragwürdigen Methylbromid. Bio-Bauern müssen vor allem das Terrain sauber halten und über die Datteln-Trauben einen Mückenschutz hängen und sei bei der Ernte ausserordentlich sorgfältig sortieren.

Insektenlarven töten sie durch ein schonendes Trocknen bei höchstens 60 Grad Wärme ab. Die gleiche Wirkung hätte kurzes Tiefkühlen oder das bei der Bio-Produktion nicht erlaubte Bestrahlen. Nach dem Tieffrieren oder Bestrahlen reifen die Datteln nicht mehr aus. Das ist wichtig, weil die meisten dieser Datteln in Europa erst ein Jahr nach der Ernte auf den Markt kommen. Gebana jedoch vermarktet die Datteln ganz frisch unmittelbar nach der Ernte.

Hoher Nährgehalt

Getrocknete enthalten sie über 50 Prozent natürliche Zuckerarten (für Diabetiker problemlos), bis drei Prozent Protein, Vitamine A, B, C und E sowie wertvolle Mineralstoffe und Spurenelemente. Wegen des hohen Gehalts an Kalium wirken Datteln sättigend und helfen gegen Müdigkeit. Zudem enthalten sie viel Zellulose, was die Verdauung fördert (leichtes Abführmittel).

SEHR UNTERSCHIEDLICHE QUALITÄTEN

Datteln werden im Wesentlichen nach folgenden Kriterien sortiert:

1. Beste Qualität: Datteln noch am Stengel (Rispe). Unter den «Deglet Nour» sind die hellbraunen am schonendsten behandelt und deshalb am begehrtesten. Bei uns als «frisch» verkaufte Datteln sind nicht getrocknet, dafür meistens chemisch behandelt oder bestrahlt. Die Dattel-Exportländer USA, Israel und China erlauben das Bestrahlen. Häufig fehlt die entsprechende Deklaration.

2. Einzelne Datteln mit den Kernen.

3. Entkernte Datteln (oft bereits gelagerte, ältere Datteln). Ohne Kern verlieren sie jedoch schneller ihr Aroma.

4. Zerhackte Datteln als Zutat für Müeslis, Süssigkeiten.

Manchmal caramelisiert

Datteln, die glänzen, können mit Zucker caramelisiert sein. Sie sollen so schöner aussehen, sind aber im Geschmack beeinträchtigt. Eigentlich müsste der Zucker unter «Inhaltsstoffe» oder «Zutaten» deklariert sein, ist es jedoch selten.

Die Bezeichnungen «natural», «natürlich» oder «naturbelassen» sind gesetzlich nicht geschützt und garantieren deshalb nicht, dass keine Zusatzstoffe verwendet wurden.

Labels wie «Max Havelaar», «Bio» oder «Bio-Suisse» halten meistens, was sie versprechen.

Kühl aufbewahren

In Büchsen bleiben Datteln bei Temperaturen zwischen 5 und 10 Grad etliche Wochen, sogar einige Monate haltbar. Am besten jedoch nicht zu lange aufbewahren. Im Laden die Datierung beachten.

Direkt aus der Oase

Konsumenten können Pakete mit 5 Kilo Bio-Datteln an Rispen aus «Fair Trade»-Produktion direkt aus der Oase bestellen. Da sie das Meer per Schiff überqueren, beträgt die Lieferfrist etwa zwei Wochen. Dies ist eine der wenigen Möglichkeiten, Datteln aus der laufenden Ernte zu geniessen. Bisher einziger Anbieter ist Gebana, auf deren Webseite man 5-Kilo-Pakete bestellen kann.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Diese Beiträge sind im Rahmen einer Pressereise der Gebana entstanden. Die Flugreise haben die Autoren bezahlt. Der Artikel von Phlipp Hufschmid erschien am 1. Dezember in "Der Landbote / Zürcher Regionalzeitungen".

Weiterführende Informationen

Bestellen von frischen Bio-Rispen-Datteln aus Tunesien
Zu über 500 Rezepten mit Datteln

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