Relationen um Lasagne, Abzocker und Moneten

Hanspeter Guggenbühl © Guggenbühl
Hanspeter Guggenbühl / 17. Feb 2013 - Rossfleisch in der Lasagne und Schweigegeld für einen Pensionär: Die Volksseele kocht. Höchste Zeit für eine Relativierung.

Sieben Millionen Franken im Jahr 2012 kassierte letztes Jahr Hariolf Kottmann, Chef des Chemiekonzerns Clariant. Sein Gehalt ist damit über hundert Mal höher als die tiefsten Löhne der Clariant-Angestellten. Das sei «an der oberen Grenze dessen, was ich mir selber geben würde», sagte Kottmann dem «Tages-Anzeiger». Nachfrage des kritischen Interviewers: «Sind Arbeiterinnen, die hundert Mal weniger wert sind als Sie, Herr Kottmann, für Clariant gut genug?» Mehr dazu später.

Mit nur 700 Franken pro Jahr oder weniger müssen sich zwei Milliarden Menschen begnügen. Frage an die Tieflohn-Arbeiterinnen bei Clariant: Müssten sie nicht dankbar sein, hundert Mal mehr zu verdienen als ein Viertel aller Menschen? Für Zahlenmuffel: Hundert mal 700 gibt 70 000 Franken. Zehntausend mal 700 gibt sieben Millionen Franken.

Themenwechsel. Ein Skandal erschütterte die Schweiz und umliegende Staaten: Statt Rindfleisch steckte Pferdefleisch in der Lasagne. 93 Mal konnte man in den letzten vier Wochen das Wort «Pferdefleisch-Skandal» in den Schweizer Medien lesen.

870 Millionen Menschen, so meldete kürzlich die Uno, leiden an Hunger. Ihr Trost: Sie werden kaum mit pferdefleischdurchsetzter Lasagne betrogen. «Hunger ist ein Skandal», schrieb 1979 die «Erklärung von Bern». Das Wort «Hunger-Skandal» fand man in den letzten zwölf Monaten in keiner von der Schweizer Mediendatenbank erfassten Zeitung.

Das Schweigegeld, das Novartis-Pensionär Daniel Vasella in den nächsten sechs Jahren kassieren wird, ist zehn Mal höher als das Arbeitsgehalt von Clariant-Chef Kottmann im Jahr 2012. Die Volksseele kocht. Dem Chefredaktor der «Basler Zeitung» sagte Vasella, er wolle das Geld für wohltätige Zwecke spenden. «Abzockerei» schreien Befürworter der Minder-Initiative, die lieber hätten, wenn die 72 Millionen in die Taschen der Novartis-Aktionäre flössen.

Soweit einige Relationen zu Hunger und Geld. Ach ja, da ist noch eine Frage offen: Warum leistet sich Clariant-Chef Kottmann Angestellte, die hundert Mal weniger wert sind als er sich selber bewertet? Leider hat der Interviewer des «Tages-Anzeigers» diese Frage nicht gestellt.

Nachtrag: Die Empörung zeigte Wirkung. Der abtretende Novartis-Präsident Daniel Vasella gab am 19. Februar bekannt, er verzichte auf die Entschädigung von 72 Millionen Franken. Damit verliert der gemeinnützig spendende Mann die Chance, zum Ehrenpräsidenten von Caritas, Helvetas oder Brot für Brüder gewählt zu werden. Dafür werden ihn die dankbaren Novartis-Aktionäre am Freitag voraussichtlich zum Novartis-Ehrenpräsidenten küren.

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3 Meinungen

Ich nehme an, dass die Pferdefleisch-Lasagne vernichtet wird. Oder etwa doch nicht? Das könnte man doch an Menschen verteilen, die bereit sind es doch zu essen. Es gibt heute, auch in Europa, genug Menschen, die nicht wissen, wie sie sich noch das essen leisten können. Die Lasagne ist ja nicht verdorben, sondern «nur» falsch deklariert. Der Skandal ist das eine. Das ist schlimm! Aber noch viel schlimmer finde ich, dass die essbare Lasagne weggeworfen wird.
Maya Eldorado, am 17. Februar 2013 um 12:20 Uhr
Fürchterlich schräger Vergleich, HP ist ja gut wenn er recherchiert, aber die 72 Mio. Franken von Vasella als Spende für Gemeinnützige Anliegen den Minder-Inianten, die dieses Geld quasi lieber bei den Aktionären sehen, gegenüber zustellen ist schlichtweg dumm. Denn es geht doch nicht, dass wir wieder total ins Feudalzeitalter zurückfallen, wo steinreiche selbsterwählte Inzucht- oder wie bei Vasella ins Sandoz-Regime eingeheiratete Könige Almosen nach ihrem Gutdünken unters Volk verteilen, um ein bisschen verträglicher mit ihrem so reingewaschenen Gewissen prassen können. Der Katholik Vasella greift hier wohl die Kiste der Ablasse des Kostüm-Papsttums.
Christian Bernhart, am 17. Februar 2013 um 12:30 Uhr
Erstens: Ich finde zwar 72 Mio. auch völlig daneben, aber schon mal überlegt, was Vasella mit dem erfolgreichen Managen einer enorm schwierigen Fusion an Werten geschafft hat? Zweitens: Warum ist denn ein wenig Pferdefleisch in der Lasagne derart schlimm? Es ist kein Dioxin wie in einigen Früchten, es ist kein Cäsium wie in vielen Fischen, es ist kein Schwermetall wie in Meeresfrüchten, es ist kein vergammeltes und gefälschtes Olivenöl (übrigens ist der Gewinn im Markt für gefälschtes Olivenöl in etwas so gross wie im Kokkainmarkt) usw. Drittens: Der Skandal ist nicht, dass viele Menschen das falsche sondern viel zu viele viel zuviel und noch viel mehr viel zu wenig zu Essen haben. Die wären froh um etwas Pferdefleisch...
Waldemar Schön, am 17. Februar 2013 um 13:25 Uhr

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