Trinkwasser in Südafrika ist an vielen Orten verseucht © ARD
Flaschen mit beschädigtem Etikett als Almosen © ARD
Nicht genug gesundes Trinkwasser für durstiges Kind © ARD

Nestlés Wasserpolitik auch in Südafrika am Pranger

Red. / 06. Mai 2013 - Arbeiter einer Wasser-Abfüllanlagen packen im ARD-«Weltspiegel» aus. Ein Milliardengeschäft von Nestlé steht im Zwielicht.

upg. Eine Reportage des ARD-Weltspiegels vor Ort in Südafrika bestätigt die Kritik der Schweizer Dokumentarfilm-Autoren Res Gehriger und Urs Schnell über Nestlés Wasserpolitik in Pakistan. Ihr Kino- und Fernsehfilm hiess «Bottled Life». In Südafrika und anderswo in der Welt nennt der Nestlé-Konzern sein abgefülltes Trinkwasser «Pure Life». Doch die Menschen, deren Wasser Nestlé vermarktet, können sich das «Reine Leben» nicht leisten, denn es ist viel zu teuer. Ihnen bleibt nur verseuchtes, krank machendes Wasser, obwohl die Uno Wasser zu einem Menschenrecht erklärt hat. Das Folgende ist die schriftliche Version des ARD-Journalisten Christian Jentzsch. Noch besser: Sie schauen sich die ARD-Reportage vom 5. Mai 2013 original an.

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DIE RECHTE AUF DIE QUELLE BESITZT NESTLÉ

Christian Jentzsch, Pretoria. Nicht weit von Pretoria liegt die Quelle von Doornkloof- seit 2011 wirtschaftlich genutzt von Nestlé. 282.000 Liter Wasser werden täglich in Flaschen abgefüllt und abtransportiert. Abgepackt unter blauen Planen heisst es nun Pure Life. Doch hier kann sich das «Reine Leben» niemand leisten, denn es ist viel zu teuer.

Von der Nestlé-Fabrik, kommen zwei Männer auf uns zu. Sie erzählen, dass sie dort arbeiten. «Sehen sie», erklärt der eine, «Flaschen mit beschädigtem Etikett dürfen wir schon mal mitnehmen». Aber sie selbst, hätten kein fliessendes Wasser zuhause. Es sei gar nicht weit – drüben am Ende des Tunnels.

Dort, nur einen Steinwurf von der Fabrik entfernt, leben sie – inmitten von Ratten, Müll und Toiletten – ohne Wasseranschluss, wie die ganze Siedlung. Hier lernen wir Lawrence kennen, auch er arbeitet in der Nestlé-Wasserfabrik.

Lawrence:

«Die Schicht fängt morgens um sechs an und dauert zwölf Stunden, mittags gibt es fünfzehn Minuten Pause. Eine Kantine, die gibt es nicht. Das Essen müssen wir selbst mitbringen, aber man kann umsonst Nestlé Eiskrem bekommen. Zum Trinken? Nur zwei Flaschen - mit je einem halben Liter Wasser pro Tag. Die könnte ich natürlich bei der Arbeit trinken, aber oft hebe ich eine der beiden Flaschen auf - für die Kinder zuhause.»

Im Laden ist es für sie unbezahlbar. Und so trinken sie - wie Champagner - das gleiche Wasser, das ein paar hundert Meter entfernt unter ihrem heimatlichen Boden fliesst, abgefüllt vom Schweizer Grosskonzern.

Wie kann es sein, dass Menschen so nah an einer Quelle leben und selbst von Wasser abgeschnitten sind? Im zuständigen Ministerium in Pretoria heisst es, man wolle vor allem Wachstum fördern, das käme dann doch irgendwann allen zugute. Wir wollen wissen, ob Nestlé in den letzten zwei Jahren schon einmal kontrolliert wurde, seitdem sie dort das Wasser entnehmen?

Deborah Mochotli, Minstery for Water Affairs:

«Noch nicht, denn wissen sie, ihre Lizenz für das Wasser ist ja ziemlich neu. Da gibt es andere, die früher genehmigt wurden, da müssen wir uns zunächst drum kümmern. Ehrlich gesagt, wir wissen gar nicht, ob sie überhaupt schon mit dem Abpumpen der Ressource angefangen haben.»

Die Lizenz für das Pure Life Wasser läuft noch zwanzig Jahre. Nicht unwahrscheinlich also, dass die Menschen hier mindestens solange darauf warten müssen, bis auch sie endlich freien Zugang zu sauberem Trinkwasser bekommen.

Gleichzeitig vergibt die Regierung Südafrikas immer neue Wasserlizenzen – auch an andere Industrien. Der Farmer Koos Pretorious führt uns an den Stadtrand von Carolina, einer 30.000 Einwohner-Gemeinde. Dort sehen wir das Ergebnis. Weite Teile des Grundwassers werden vom Abwasser einer Mine verseucht. Die Chemiebrühe fliesst direkt in die Trinkwasserversorgung der Stadt, belastet mit Aluminium, Mangan, Eisen und Sulfaten.

Koos Pretorious, Farmer und Umweltschützer:

«Ich messe jetzt den PH-Wert des Wassers. Für Trinkwasser dürfte er nicht unter 5,5 liegen. 3,7 … 3,6. Das ist reine Säure. Wie direkt aus einer Batterie. Da haben wir Minengesellschaften, die kommen und verseuchen das Wasser. Dann kommen Flaschenwasserhersteller, die sagen: wir wollen das beste Wasser. Was ist dann noch übrig für uns, die Menschen?»

Im Supermarkt der Stadt werden wir fündig. Es gibt noch sauberes Wasser. Pure Life von Nestlé! Angepriesen als «Water you can trust», das Wasser dem Du vertrauen kannst. So wird offensichtlich versucht Kapital daraus zu schlagen, dass das öffentliche Wasser nicht mehr sicher ist. Koos glaubt, die Trinkwasserkonzerne hätten kein Interesse daran, dass sich die Situation ändert. Er führt uns zu einer Moschee, die kostenlos gereinigtes Wasser verteilt an die Armen.

Koos Pretorious, Farmer und Umweltschützer:

«Das ist einer von zwei Orten an denen es Wasser gibt, für über 12’000 Menschen, die das belastete Leitungswasser nicht trinken wollen.»

Und so sind sie gekommen, meist Kinder, teils über Kilometer - um anzustehen für etwas sauberes Wasser, wie an einer Tankstelle des Lebens.

Das teure Wasser aus dem Supermarkt können sich ihre Familien nicht leisten, oft sind ihre Eltern arbeitslos oder an AIDS erkrankt.

Junges Mädchen:

«Das Leitungswasser macht das mit uns, siehst Du hier im Gesicht! Ich bekomme Ausschlag. Jeder wird krank davon, wir bekommen ständig Durchfall. Wir können das Leitungswasser nicht trinken, es ist ungesund! Alle Kinder bekommen ihr Wasser hier.»

Zurück bei Lawrence, dem Nestlé-Arbeiter ohne eigenen Wasseranschluss. Von einer Wasserstelle schleppt er so viel er tragen kann in ihre Hütte. Seine Kinder sind durstig. Er hat noch eine Bitte – und lässt sie für uns übersetzen.

Dolmetscher:

«Er schlägt vor, ob eventuell die Nestlé-Firma Wasser spenden könnte, oder ob es möglich wäre, dass man für die Gemeinde vielleicht eine Leitung mit dem sauberen Wasser von der Fabrik hier herüber legen könnte. Er findet es nicht richtig, dass die Regierung Nestlé die Lizenz für das gute Wasser gegeben hat, denn sie haben nur dieses hier. Das können sie manchmal gar nicht trinken, weil es Probleme mit dem Magen macht und der Verdauung. Deshalb macht ihn das nicht glücklich!»

Durch den Tunnel geht es zurück auf die andere Seite des Highways.  Hier gibt es einen kleinen Wasserhahn, nicht weit von der Nestlé-Abfüllfabrik. Der Konzern gibt sich grosszügig – ein paar Tropfen für 3000 Menschen. Im Hintergrund - das Werk für Hunderte Millionen Liter von Pure Life.

Lawrence, der Nestlé-Arbeiter, hat heute Nachtschicht. Zwölf Stunden lang, bis in den nächsten Morgen - wird er es wieder in Flaschen abfüllen – «das reine Leben»!

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ARD-Reportage vom 5. Mai 2013 über Nestlés Wasserpolitik in Südafrika.

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Bericht vom Januar 2012 über den Dokumentarfilm von Res Gehriger: «Nestlé verteilt Almosen und bekommt Wasserrechte».

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

ARD-Reportage über Nestlés Wasserpolitik in Südafrika vom 5.5.2013

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Eine Meinung

Die Tatsache, dass die südafrikanische Regierung immer neue Wasserlizenzen vergibt ist kein Zufall. Allerdings geht es bei dieser Wassergeschichte noch um sehr viel mehr, als um die Produktion von Flaschenwasser: Es ist davon auszugehen, dass künftig auch die Wasser- und Abwasserversorgung vermehrt an Private und Grosskonzerne vergeben wird. Denn Südafrika gehört zu einer Reihe von Schwellen- und Entwicklungsländern, die sich für ihre Wasser Ver- und Entsorgungspolitik von der 2030 Water Resource Group beraten lässt. Einer Lobbyorganisation, die sich stark macht für mehr Privatisierung in der Wasserersorgung - der u.a. die beiden Schweizer Konzerne Syngenta und Nestlé angehören - und deren Präsident Nestlé Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck ist.
Gabriela Neuhaus, am 07. Mai 2013 um 11:55 Uhr

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