Lebensbedrohliche Infektion: Jedes Jahr sterben rund 700'000 Menschen, weil Antibiotika versagen © ARD
Der Musi-River: Eine hochgradig verseuchte Kloake mitten im Stadtgebiet von Hyderabad © ARD
Infektionsmediziner Christoph Lübbert: «Was wir an Keimen gefunden haben, ist beängstigend» © ARD
Antibiotika in der Umwelt: Zum Teil in tausendfacher Konzentration über den Grenzwerten © ARD

Antibiotika-Fabriken verbreiten tödliche Keime

Red. / 19. Mai 2017 - ARD deckt auf: Abwässer von indischen Antibiotika-Fabriken der Pharmakonzerne sind Brutstätten von gefährlichen Super-Bakterien.

Mediziner auf der ganzen Welt warnen vor der sich abzeichnenden Katastrophe: Multi-resistente Erreger sind die derzeit grösste Gefahr für die moderne Medizin. Ohne wirksame Antibiotika werden Millionen Menschen an Krankheiten sterben, die eigentlich längst besiegt waren.

Bislang galten zu leichtfertiges Verschreiben und der massive Einsatz von Antibiotika in Tierställen als Hauptursachen für das Entstehen von extrem resistenten Keimen. Doch Recherchen von NDR, WDR und der «Süddeutschen Zeitung» (SZ) zeigen: Ausgerechnet Hersteller der lebenswichtigen Antibiotika tragen dazu bei, dass sich die tödlichen «Super-Erreger» entwickeln und weltweit ausbreiten. Die alarmierenden Ergebnisse der Recherche hat die ARD in der TV-Dokumentation «Der unsichtbare Feind» veröffentlicht.

Der Befund: Fabriken in Indien leiten verseuchte Abwässer mit Antibiotika-Resten in die Umwelt – möglicherweise um Kosten für die aufwändige Aufbereitung zu sparen. Das ganze Umland der Fabriken wird so zur Brutstätte für Bakterien, die gegen zahlreiche Wirkstoffe immun sind.

Der Musi-River: Eine hochgradig verseuchte Kloake mitten im Stadtgebiet von Hyderabad. (Quelle: ARD)

Zum Beispiel Hyderabad in Indien. Hunderte Fabriken produzieren dort Medikamente für die ganze Welt. Nach den Recherchen von NDR, WDR und SZ beziehen fast alle grossen Pharmaunternehmen in Deutschland Antibiotika und Pilzmittel aus Hyderabad.

Gigantische Mengen an Antibiotika in Wasserproben

Der Infektionsmediziner Christoph Lübbert vom Uniklinikum Leipzig hat im vergangenen Jahr gemeinsam mit einem Reporter-Team zahlreiche Wasserproben in Hyderabad genommen – unter anderem aus Leitungswasser, Bächen, Flüssen, Kanälen, Abwasserspeichern und Reisfeldern. Anschliessend untersuchten Wissenschaftler in Deutschland, ob die Proben Reste von Antibiotika enthalten und ob darin multi-resistente Bakterien zu finden sind.

Obwohl die Wissenschaftler mit Keimen und Arzneimittel-Rückständen im Wasser gerechnet hatten, waren sie entsetzt über die Mengen, die sie darin fanden.

Antibiotika in der Umwelt: Zum Teil in tausendfacher Konzentration über den Grenzwerten. (Quelle: ARD)

Alle Proben enthielten gigantische Konzentrationen von Antibiotika sowie Anti-Pilzmitteln. Sie lagen teils hundertfach oder gar mehrere Tausend Mal über empfohlenen Grenzwerten für die jeweiligen Substanzen. Eine Probe enthielt die zwanzigfache Menge des Pilzmittels Flucanazol, die sich im Blut eines Patienten befindet, der dieses Medikament einnimmt. Beim Antibiotikum Moxifloxacin überstieg ein Messwert 5500 Mal die Grenze, ab der sich Resistenzen entwickeln können. Die Probe stammte aus einem Kanal vor einer Moxifloxacin-Fabrik. Schon aufgrund dieser hohen Konzentrationen folgern die Wissenschaftler, dass die Substanzen höchstwahrscheinlich aus Abfällen von Pharmafabriken stammen.

Tödliche Erreger breiten sich weltweit aus

Das Ausmass der Verseuchung sei noch viel schlimmer als erwartet, sagt der Infektionsmediziner Christoph Lübbert. Im mikrobiologischen Institut der Uniklinik Leipzig wiesen die Forscher in allen Proben gefährliche, multi-resistente Erreger nach. Einzig das Leitungswasser des Hotels in Hyderabad war frei von resistenten Keimen. Dies sei «sehr beängstigend», so Lübbert – auch weil die Bakterien nicht vor Ort bleiben, sondern weitergetragen werden – zum Beispiel durch Waren, Lebensmittel, Zugvögel und Touristen.

Infektionsmediziner Christoph Lübbert: «Was wir an Keimen gefunden haben, ist beängstigend.» (Quelle: ARD)

Laut aktuellen Untersuchungen kehren über 70 Prozent aller Indien-Reisenden mit multi-resistenten Keimen im Darm zurück. Viele merken davon nichts, doch die Keime können auf andere Menschen übertragen werden. Sobald sie auf Kranke treffen oder bei einer Operation in eine Wunde gelangen, wird es lebensbedrohlich. Gemäss Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO sterben schon jetzt jedes Jahr rund 700‘000 Menschen weltweit an Infektionen, bei denen alle Medikamente versagen. Der Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) in Nürnberg, Fritz Sörgel, spricht von einer «Zeitbombe» und fordert Massnahmen.

Indische Hersteller bestreiten Verantwortung

Nur: Weder die deutsche Pharmabranche noch Politiker fühlen sich zum Handeln verpflichtet. Man ist sich zwar einig, dass die verseuchten Gewässer in Hyderabad ein ernstes Problem sind, doch die Hauptverantwortung schiebt man auf die lokalen Behörden in Indien ab. Diese müssten für strenge Umweltvorschriften und Kontrollen sorgen, heisst es. Die Inspektoren der europäischen Pharmaindustrie, die ihre Zulieferer in Indien periodisch überprüfen, beschränken sich auf Qualitätskontrollen im Innern der Produktionshallen. Was drumherum geschieht, braucht sie nicht zu kümmern.

Dass sich an der Situation bald etwas ändert, ist stark zu bezweifeln. Die indischen Hersteller spielen das Problem herunter und zweifeln die Untersuchungsresultate der deutschen Forscher an. Die Pharmafabriken in Hyderabad würden keine Abwässer mit Antibiotika-Rückständen in die Umwelt leiten, behaupten sie. Mit einer eigenen Studie will der indische Pharma-Verband nun beweisen, dass die Fabriken in Hyderabad nicht verantwortlich sind für die verseuchten Gewässer.

Gemäss Recherchen von NDR, WDR und SZ kommen 90 Prozent aller Antibiotika aus China oder Indien. Hyderabad selbst preist sich in einem Werbevideo als «Health-Capital» mit über 200 Produktionsstätten an. Die Hauptstadt der Massenproduktion von Medikamenten wirbt für den Standort mit dem Slogan «Unser Motto: Minimum Inspection, Maximum Facilitation»– «Minimale Kontrolle, Maximale Förderung».

----

Die Dokumentation «Der unsichtbare Feind» nach einer Recherche des NDR, WDR und der «Süddeutschen Zeitung» ist bis 08.05.2018 in der ARD-Mediathek verfügbar.

----

NACHTRAG vom 19. Mai 2017

Zum heute beginnenden G20-Gesundheitsministertreffen, erklären Uwe Kekeritz, Sprecher für Entwicklungspolitik, und Kordula Schulz-Asche, Sprecherin für Prävention und Gesundheitswirtschaft:

«Antibiotika-Resistenzen sind eine weltweite Gesundheitsbedrohung. Hier besteht grosser Handlungsbedarf. Der deutsche Gesundheitsminister Gröhe muss – gemeinsam mit den anderen G20-Ländern - verbindliche Absprachen zur Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen treffen, sowie Standards zur Sicherheit der weltweiten Produktion und der Vermeidung von resistenten Erregern auf den Weg bringen. Die Zeit drängt. Dringender Handlungsbedarf besteht vor allem dann, wenn durch unverantwortliche Entsorgung von Abfällen und Abwässern aus der Produktion von Antibiotika multirestente Erreger geradezu gezüchtet werden. Im indischen Hyderabad konnte nachgewiesen werden, dass diese Umweltverschmutzung mit katastrophalen Folgen von den Herstellern vor Ort in Kauf genommen wird. Dies ist nicht nur eine Katastrophe für die Mensch und Umwelt vor Ort. Die resistenten Erreger verbreiten sich rund um den Globus und lassen Antibiotika als wichtigstes Heilmittel zur Bekämpfung von bakteriellen Infektionen, wirkungslos zurück. Für die Qualität der Produktion gelten dabei EU-Richtlinien zur ‹Guten Herstellungspraxis›, bei denen aber Umweltrisiken und deren Folgen für die globale Gesundheit nicht geprüft werden. Dabei wäre es ein Leichtes diesen Aspekt in die Richtlinien mit aufzunehmen und neben Arzneimittelexperten auch Spezialisten des Umweltbundesamtes vor Ort kontrollieren zu lassen.»

--------------------

NACHTRAG VOM 25. Mai 2017

Auf Anfrage von Bernhard Völk hat der deutsche CDU-Gesundheitsminister wie folgt Stellung genommen:

«Die Einzelheiten der Ergebnisse der beschriebenen Recherchen können von hier aus nicht bewertet werden.

Solche Zustände wären nicht akzeptabel. Es ist wünschenswert, dass bestehende Standards (Arbeits-, Brand-, Umwelt-, Tierschutz) eingehalten werden und dies einen Einfluss auf die Lieferantenauswahl für Pharmazeutischen Unternehmer hat.

Dies kann aber nicht über arzneimittelrechtliche Regelungen erfolgen, sondern müsste, auch hinsichtlich der Bedeutung für andere Branchen, in anderen Regelwerken festgelegt und behördlich überwacht bzw. im Rahmen der Lieferantenqualifizierung durch die Unternehmen durch einen externen Prüfer bewertet werden.»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Wenn Antibiotika nicht mehr wirken

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

Eine Meinung

Herzlichen Dank für die Weiterverbreitung dieser für Mediziner und Laien höchst alarmierenden Untersuchungsbefunde aus dem Umfeld indischer Pharmafabriken.
Schon jetzt zeigen Krankheits- und Todesfallstatistiken, dass einstmals einfach zu behandelnde bakterielle Krankheiten wieder vermehrt Krankheit und Tod zur Folge haben.
Die Illusion der 80iger Jahre, dass rasche Fortschritte in der Antibiotikaforschung die Bedrohung durch Infektionen bald werde reduzieren können, hat sich ins Gegenteil gekehrt!
Dafür sind primär der am Profit orientierte Forschungsansatz (Therapie-Forschung vor Präventions-Forschung) und der gedankenlose Einsatz der Antibiotika bei Mensch und Tier sowie die nun aufgezeigte medikamentöse Umweltverschmutzung zu beschuldigen.
Das in den 80iger Jahren vorhandene Wissen um mögliche Präventionsansätze gegen bakterielle und virale Krankheiten (Übertragungswege blockieren, Resistenz verbessern und das Ausnützen der natürlichen Konkurrenz unter den Erregern durch Vermeidung von unnötigem Selektionsstress und damit Förderung nach dem Prinzip «survival of the fittest") wurde in der Mottenkiste der Geschichte versenkt. Was darauf folgte, wird führt früher oder später zu einem Showdown Mensch gegen Mikroben führen - wir haben dafür schlechte Karten in der Hand!

Dr.med. Walter Hugentobler, Hausarzt
Walter Hugentobler, am 19. Mai 2017 um 12:25 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein, um Ihre Meinung unter Ihrem richtigen Namen zu äussern. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User, um Missbräuche zu vermeiden. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Achtung: Die Länge der Einträge ist beschränkt und wir erlauben nicht, zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander zu platzieren. Unnötig herabsetzende Formulierungen ändern oder löschen wir ohne Korrespondenz.