Geringverdiener bleiben meistens Geringverdiener: Küchenhilfe in einem Restaurant © scu.edu

Einmal Tellerwäscher, immer Tellerwäscher

Isabel Martinez / 04. Sep 2016 - Wer es zum Millionär bringen will, hat schlechtere Chancen als früher. Die Einkommensmobilität hat auch in der Schweiz abgenommen.

Red. Den folgenden Beitrag hat die Ökonomin Isabel Martinez vom Luxembourg Institute of Socio-Economic Research für die Handelszeitung verfasst.

Bei der Ungleichheit herrscht Hochkonjunktur. Vor kurzem ist der sechste SGB-Verteilungsbericht veröffentlicht worden. Er prangert die Öffnung der Einkommensschere an. Ökonomen wie Thomas Piketty oder Joseph Stiglitz befassen sich schon länger mit dem Thema. Ihre Forschung zeigt, dass der Anteil der Topverdiener am Gesamteinkommen in vielen westlichen Gesellschaften steigt.

Auch in der Schweiz nahm die Polarisierung zu. Allerdings stützen die meisten Betrachtungen dazu auf Momentaufnahmen ab. Diese greifen aber zu kurz. Um das soziale Wohlstandsgefälle realistisch einschätzen zu können, muss man die Einkommensverteilung nicht nur als Serie von Momentaufnahmen, sondern im individuellen Zeitverlauf betrachten.

Denn: Die Einkommenskonzentration an der Spitze könnte sich als gänzlich unproblematisch herausstellen, wenn die Gesellschaft gleichzeitig eine hohe Einkommensmobilität aufweisen würde. Personen aus allen Gesellschaftsschichten hätten unter diesen Umständen eine relativ gute Chance, selbst einmal zu den Bestverdienenden aufzusteigen. Umgekehrt bestünde ein grösseres Risiko, von der Spitze wieder abzusteigen. Dagegen blieben bei einer geringen Mobilität die Unterschiede und damit auch die Machtverhältnisse zementiert.

Die Anforderungen für eine solche Analyse sind jedoch hoch. Forscher müssen dieselben Personen über viele Jahre hinweg verfolgen. Über die Einkommensmobilität weiss man daher deutlich weniger als zur schnappschussartig gemessenen Einkommensungleichheit.

Durchlässige Mitte – festgefrorener Rand

Erst der Zugang zu Registerdaten – also etwa zu individuellen Steuer- oder Sozialversicherungsdaten – hat in jüngerer Zeit erste Erkenntnisse möglich gemacht. Eine der wenigen Studien hat der Statistiker Peter Moser verfasst. Er zeigt mit Steuerdaten des Kantons Zürich die relative Einkommensmobilität von 2001 bis 2010 auf.

In der Untersuchung wurden die Haushalte zu Beginn und am Ende dieser Zehnjahresperiode in so genannte Einkommensdezile eingeteilt: Personen mit dem geringsten Einkommen fallen ins niedrigste Zehntel, Personen mit dem höchsten Einkommen ins höchste Zehntel. Veränderungen in dieser Rangordnung sind ein Indikator dafür, wie es um die Mobilität steht.

Die Studienergebnisse lassen sich als Mobilitätsmatrix darstellen. Die diagonalen Felder auf dieser Matrix weisen jeweils den Anteil der Steuerpflichtigen aus, die 2010 zur selben Einkommensgruppe zählten wie zehn Jahre zuvor. Je höher diese Zahl ausfällt, umso geringer ist die Mobilität im entsprechenden Dezil.

(Grössere Darstellung hier)

Auf der Abbildung wird ersichtlich, dass das unterste Zehntel der Haushalte im Jahr 2001 bis zu 20 000 Franken Einkommen versteuerte. 43 Prozent dieser Haushalte befanden sich auch zehn Jahre später noch im selben Dezil. Nur gerade 3 Prozent aus dieser Gruppe sind 2010 ins oberste Zehntel aufgestiegen und versteuerten 146 000 Franken und mehr.

Perfekte Mobilität würde theoretisch herrschen, wenn alle Einträge in der gesamten Matrix bei 10 Prozent liegen würden. In diesem Fall wäre die Position im Jahr 2010 vollkommen unabhängig von der Position im Jahr 2001. Im anderen Extremfall wären alle Einträge auf der Hauptdiagonalen bei 100 Prozent und alle andern bei 0 Prozent. Sämtliche Steuerpflichtigen wären dann 2010 noch immer auf dem selben Rang wie 2001.

Die Matrix aus der realen Welt zeigt, dass die Mobilität bei den untersten und obersten 10 Prozent der Steuerpflichtigen am geringsten ausfällt. 43 Prozent des untersten Zehntels und 56 Prozent des obersten Zehntels belegen auch ein Jahrzehnt später noch denselben Rang in der Einkommensverteilung. Der wirtschaftliche Aufstieg von ganz unten scheint etwas wahrscheinlicher zu sein als der Abstieg von ganz oben. Erwartungsgemäss ist die Gesellschaft in der Mitte durchlässiger als am Rand der Verteilung.

Diese Erkenntnisse decken sich mit Resultaten aus andern Ländern, insbesondere aus den USA (eine Übersicht dazu bietet dieses Paper von Markus Jäntti und Stephen Jenkins). Typischerweise ist die Mobilität an den Rändern der Einkommensverteilung geringer als in der Mitte, wobei sich eine gewisse Asymmetrie zeigt: Die Beständigkeit im obersten Zehntel ist stets höher als im untersten Zehntel.

Das oberste Prozent bleibt zuoberst

Betrachtet man das reichste Prozent der Steuerzahler im Kanton Zürich, so finden sich 47 Prozent dieser Personen auch 2010, also zehn Jahre später, wieder auf derselben Position. Der entsprechende Wert für die USA beträgt 42 Prozent und liegt damit in vergleichbarem Rahmen (die Grössen- und Datenunterschiede erschweren den Vergleich).

Aufgrund der föderalistischen Struktur der Schweiz ist es bisher nicht möglich, die Einkommensmobilität über Kantonsgrenzen hinaus zu analysieren. Eigene Berechnungen zeigen jedoch auch für andere Kantone ähnliche Werte. Die Mobilität ist hierzulande seit den 1990er Jahren sogar leicht zurückgegangen – über die gesamte Verteilung, und speziell am oberen Ende.

Dies geht aus der folgenden Grafik hervor. Sie beleuchtet im Detail, wie viele Steuerzahler sich innerhalb der obersten zehn Prozent auf ihrer Position halten konnten.

(Grössere Darstellung hier)

Die Grafik rechnet diesmal in Hundertsteln (Perzentilen), nicht in Zehnteln (Dezilen). Auf der horizontalen Achse sind die Perzentile Nr. 91 bis 100 eingetragen, also die zehn einkommensstärksten Gruppen. Die vertikale Achse zeigt an, welcher Anteil der betreffenden Personen sich nach zehn Jahren immer noch in derselben Gruppe befand.

Die rote Kurve zeigt die Beständigkeit der Einkommensverteilung über die 1990er Jahre; die blaue Kurve zeigt die Beständigkeit in den 2000er Jahren. Dass die blaue Kurve über der roten Kurve liegt, deutet darauf hin, dass die Verteilung in den Neunzigern durchlässiger war als in den Nullerjahren. So gehörte gut ein Drittel der Personen, die 1991 zur obersten Gruppe zählten (dem Perzentil Nr. 100), auch im Jahr 2000 noch zur obersten Klasse. Für den Zeitraum zwischen 2000 und 2010 erhöhte sich dieser Anteil auf knapp die Hälfte.

Eine ähnliche Entwicklung hat in vielen Ländern stattgefunden. Studien zu den USA, die verschiedene Dekaden seit den 1970er Jahren abdecken, deuten ebenso wie die Ergebnisse aus der Schweiz darauf hin, dass die Einkommensmobilität konstant geblieben ist oder leicht abgenommen hat. Keine einzige Studie vermochte eine Zunahme der Mobilität festzustellen.

Unter dem Strich zeigt sich somit, dass der zunehmende Einkommensungleichheit nicht von einem Anstieg der Einkommensmobilität begleitet war. Die soziale Polarisierung, die Forscher in Momentaufnahmen messen, wurde also nicht durch eine grössere Durchlässigkeit der Einkommensklassen über die Zeit kompensiert. Zu diesem Schluss kommt auch eine kürzlich von der OECD veröffentlichte Studie.

Gewisse Ökonomen betonen gerne, dass es in der Gesellschaft ein gewisses Mass an Einkommensungleichheit braucht – damit positive Anreize entstehen und die Menschen sich anstrengen. Hinsichtlich dieser These waren die letzten Jahrzehnte ernüchternd. Niedrigverdiener mögen zwar härter gearbeitet haben – doch sie wurden dafür nicht belohnt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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2 Meinungen

Hat auch schon die PdA seit längerem als Feststellung in ihren Unterlagen stehen. Heute gilt vom Tellerwäscher zum Sozialhilfeempfänger... das mit dem Millionär war bei kühler Betrachtung schon immer ein Märchen das alle hier ein Leben lang im Kontext eines Karrierebegriffs hetzen sollte bis zum Umfallen... früher Rückenschäden und heute Burnout.
Uwe Borck, am 04. September 2016 um 12:58 Uhr
Weltweit werden Steuern gesenkt, obwohl man genau weiss, dass dies zur Destabilisierung der Wirtschaft führt und dies wiederum zu mehr Armut und weniger Chancen sich aus der Armut zu befreien. Einige Wenige profitieren jedoch von dieser instabilen Wirtschaft, weil sie durch Derivate einen Haufen Geld verdienen können wenn die Wirtschaft zusammenbricht. Dies war ja bereits 2008 der Fall und genau diese Leute arbeiten bereits an der nächsten Wirtschafskrise weil sie sich damit noch mehr bereichern können. Und sogar in der Schweiz, wo die Menschen politisch mitbestimmen können werden Parteien, die für mehr Ungleichheit politisieren - namentlich FDP und SVP - von den Wählern der unteren Schichten bevorzugt gewählt. Da sieht man, dass die unteren Schichten nicht nur arm, sondern auch dumm gehalten werden, sonst würden sie wohl kaum ihren eigenen Metzger wählen.
Daniel Zapf, am 05. September 2016 um 15:53 Uhr

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