Berufsbildung ist der wichtigste Standortvorteil

Rudolf Strahm © rs
Rudolf Strahm / 09. Jul 2013 - Trotz überstarkem Franken und trotz hohem Lohnniveau bleibt die Schweizer Wirtschaft konkurrenzfähig. Sogar im Industriebereich.

Red. Die Schweizer Teilnehmer an der Weltmeisterschaft der Berufe «WorlsSkills2013» in Leipzig vom 2. bis 7. Juli haben neun mal Gold, drei mal Silber und vier mal Bronze geholt. Das bestätigt die hohe Qualität der Schweizer Berufsausbildung. Die Preisträger sind nach dem Kommentar von Rudolf Strahm namentlich aufgeführt.

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  • So gut wird die Leistungsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft beurteilt:
  • Im ersten Rang der internationalen Konkurrenzfähigkeit im Ranking des World Economic Forum WEF.
  • Im zweiten Rang der globalen Wettbewerbsfähigkeit im IMD-Ranking.
  • Im ersten Rang im European Innovation Scoreboard von Eurostat.
  • Mit der industriellen Wertschöpfung pro Kopf der Bevölkerung weltweit an der Spitze, deutlich vor Irland, Finnland, Japan, Deutschland und Oesterreich.

Trotz hoher Löhne und Preise international konkurrenzfähig

Wenn wir unsere Industriestärke vergleichen, dann sind wir Schweizer trotz hoher Löhne und Preise international konkurrenzfähig. Beweis dafür ist ein geradezu «unanständig hoher» Handelsbilanz-Überschuss.

Auch die Schweiz erlebt einen Desindustrialisierungsprozess, vornehmlich bedingt durch die Verlagerung ausgereifter Produktionsabläufe ins Ausland. Aber mit 23 Prozent Anteil der Industriebeschäftigten an der Gesamtbeschäftigung ist der industrielle Sektor immer noch doppelt so stark wie in der (ehemaligen) Industrienation Frankreich, die nur noch einen Anteil von 11 Prozent aufweist, ein riesiges Handelsbilanzdefizit produziert und mit ihren arbeitslosen Hochschulabgängern in der Akademisierungsfalle steckt.

Das Rückgrat der schweizerischen Wirtschaft sind die kleinen und mittleren Unternehmen KMU. Sie stellen über 99 Prozent aller Firmen und zwei Drittel aller Beschäftigten in der Schweiz. Auch die Performance der KMU-Wirtschaft ist top: In der internationalen Befragung von Topmanagern durch das Lausanner IMD figuriert die Schweizer Wirtschaft bezüglich der Effizienz der KMU nach Deutschland im zweiten Rang vor Oesterreich, Schweden und Taiwan.

Arbeitsqualität ist matchentscheidend

Was macht denn die Schweiz so reich und wettbewerbsfähig? Es sind nicht, wie es vom weltweiten Schweiz-Cliché suggeriert wird, die Banken. Der Anteil des ganzen Bankensektors am Bruttoinlandprodukt beträgt gemäss Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung nur 6 Prozent. Viel mehr sind es die politische Stabilität (als wichtigster Faktor) und die qualifizierten Arbeitskräfte (als zweitwichtigster Faktor), welche die hohe Wettbewerbsfähigkeit und Standortgunst ausmachen. Erst danach folgen Standortfaktoren wie tiefe Steuern (3. Rang), verlässliche staatliche Infrastruktur (4. Rang) und hohes allgemeines Bildungsniveau (5. Rang). So lauten die Ergebnisse aus der IMD-Managerbefragung.

Das Geheimnis hinter dem Erfolg der schweizerischen Wirtschaft ist die hohe Qualifikation der Arbeitskräfte. Dieser Faktor wird von vielen Hochschulökonomen ignoriert. Weil sie die Produktionsprozesse und die Märkte nicht kennen. Nur wer selber mit einem Bein in der Produktion steht oder stand, weiss, wie entscheidend in einem Hochpreisland Eigenschaften wie Arbeitsqualität, Präzision, Exaktheit, Zuverlässigkeit, Termintreue im Produktions- und Marktprozess sind – ja überhaupt, wie hohe Produktivität und internationale Konkurrenzfähigkeit zustande kommen.

Duale Berufsbildung ermöglicht Qualitätsarbeit

Das Geheimnis hinter der hohen Arbeitsqualität ist das duale Berufsbildungssystem. Die Lehrlinge werden schon früh mit dem Eintritt ins Berufsleben arbeitsmarktnah in die Betriebs- und Qualitätskultur der Branche eingeführt. Betriebe, die ausbilden sind top. Und sie vermitteln ihre Qualitätskultur über die Berufslehre auch an zukünftige Fachleute weiter.

Gewiss, für Innovationen braucht es Ingenieure, Informatiker, hochqualifizierte Hochschulabgänger, ja Erfinder. Aber die praktische Umsetzung von Innovationen erfordert wiederum Arbeitspräzision, Anpassungsfähigkeit und technisches Grundwissen von der Pike auf. Und diese Fähigkeiten kommen von der Berufslehre, die eben Skills und Knowledge – handwerkliches Können und berufliches Fachwissen - kombiniert. So manche Innovationsidee verpufft in Ländern ohne Berufslehre, weil ihnen die Umsetzungskapazität fehlt.

Wer die Überlegenheit des dualen Berufsbildungssystems nicht anerkennen mag, sollte mal die Jugendarbeitslosenquoten vergleichen: Während in der EU jeder vierte Jugendliche unter 15 Jahren arbeitslos gemeldet ist, beträgt die Jugendarbeitslosenquote in der Schweiz derzeit 3 bis 4 Prozent. Und jene wenigen Länder, die auch unter 10 Prozent liegen, sind Deutschland, Österreich und Holland – eben Länder mit einem dualen Berufsbildungssystem. Länder jedoch mit nur universitären Bildungssystemen und ohne Berufslehre stecken in der Akademisierungsfalle.

Höhere Berufsbildung als Schicksalsfrage

Rund 30 Prozent eines Jahrgangs absolvieren heute in der Schweiz eine Hochschule (sog Tertiär A: ETH, Universität, Fachhochschule). Und weitere 30 Prozent eines Jahrgangs junger Menschen durchlaufen nach der Berufslehre eine berufliche Weiterbildung oder Höhere Berufsbildung (sog. Tertiär B: Höhere Fachschule, Eidgenössische Berufsprüfung oder Höhere Eidgenössische Fachprüfung).

Diese Fachleute mit Höherer Berufsbildung stellen die Kader in der KMU-Wirtschaft. Sie sind heute die wichtigsten Träger der Technologiediffusion in der Wirtschaft. Denn viele absolvieren auch noch im Alter von 25, 30 oder 40 Jahren berufsbegleitend eine höhere Berufsbildung, die ihnen das neuste Wissen über technologische Innovationen und Prozesstechniken vermittelt.

Titel «Professional Bacheler» einführen

Die Bedeutung der Höheren Berufsbildung wird oft verkannt. Akademiker und ausländische Konzernmanager wissen kaum, was dahinter steckt. Es gibt keinen einheitlichen Abschlusstitel, sondern über 500 Spezialisten-Bezeichnungen. Deshalb ist die Einführung eines übergreifenden Titels mit dem «Professional Bachelor» und dem «Professional Master» für die Zukunft der Berufslehre matchentscheidend. Eine solche Titeläquivalenz wird jetzt von Parlamentariern und von der KMU-Wirtschaft zu Recht gefordert. Wirtschafts- und Bildungsminister Johann Schneider-Ammann schiebt den Entscheid vor sich her.

Die akademische Welt geniesst hohes Medieninteresse. Die Medien stürzen sich auf jeden neuen Forschungsgag. Doch für die Berufsweltmeisterschaften «WorldSkills 2013», die Anfang Juli mit Delegationen aus rund 60 Ländern und mit grosser Schweizer Beteiligung stattgefunden haben, mochte sich kein Journalist und kein Vertreter unseres gebührenfinanzierten SRG-Fernsehens und auch sonst kaum ewin Redaktor interessieren. - Das Berufsbildungssystem hätte eine höhere Wertschätzung in der Gesellschaft verdient.

Die Preisträger von «Worls Skills 2013»:

Gold

Thomas Etterlin, CAD-Konstrukteur

Andrea Selina Schmidheiny, Drucktechnikerin

Thomas Fabian Siegenthaler, Fliesenleger

Silvan Melchior, Elektroniker

Samuel Schenk, Elektrotechniker

Prisco Egli, Bauschreiner

Noemi Kessler, Restaurantbedienung

Pascal Lehmann, Autolackierer

Thomas Josef Barmettler, Pascal Flüeler, Landschaftsgärtner

Silber

Stefan Oppliger, Zimmermann

Jonas Samuel Wälter, IT Software Lösungen

Armin Beckenbauer, Polymechanik/Automatisierung

Bronze

Pascal Sieber, CNC-Fräsen

Dominique Nicole Zwygart, Modetechnologie

Lukas Hediger, Automobiltechnologie

Julia Scheuber, Köchin

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Dieses Essay erschien erstmals in der Unternehmer-Zeitung (Zürich) , Nr. 7-8 Juli 2013.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor ist seit 2008 Präsident des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung (SVEB), dem Dachverband von rund 600 Bildungsanbietern.

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5 Meinungen

Was R. Strahm zum dualen Bildungssystem sagt, kann ich doppelt unterstreichen. Mühe habe ich dagegen mit seinen ständigen Spitzen gegen die schweizerische Hochschulbildung. Dem NZZ-Folio vom Frühjahr 2013 zufolge sind von einem Jahrgang rund 20% Maturanden, 14% gehen an die Hochschulen, dabei ein Gutteil in die Technik- und Naturwissenschaften. Wenn Strahm mit 30% pro Jahrgang an den Hochschulen rechnet, so kommt der Grossteil also aus der dualen Bildung, die er ja vehement befürwortet. Und gegen die Technik- und Naturwissenschaften kann er ja auch nichts einzuwenden haben, da die wirtschaftliche Nachfrage hier offenkundig ist. Ergo macht Strahms Kritik eigentlich nur Sinn, wenn er jene Wissenschaften im Visier hat, die weder technisch-wirtschaftlich-juristisch orientiert sind noch an auf der dualen Bildung aufruhen. Mithin die klassischen Geisteswissenschaften. Strahm zufolge könnte man meinen, sie seien omnipräsent. Aber wo denn bitte? Soll das «gebührenfinanzierte Fernsehen» die sonntägliche «Sternstunde» abschaffen? Haben wir wirklich ein Problem damit, dass unsere jungen Leute den Schalmeien der Gesellschaftswissenschaften erliegen und einen falschen Bildungsweg einschlagen, dass sie - wider ihre Begabung und falsch beraten - Germanist/in werden statt Polymechaniker/in? Haben wir wirklich ein Problem mit unserer technisch-wirtschaftlichen Innovationsfähigkeit, wenn man die einschlägigen Rankings betrachtet? Oder nicht eher eines damit, dass unser wirtschaftlich-politisches System immer schlechter mit den gesellschaftlichen Anforderungen und Werten zurecht kommt und dass hier eigentlich ein enormer Innovationsbedarf besteht? Ich würde mir im Gegenteil wünschen, dass die Gesellschaftswissenschaften hier, auf einem ihrer ureigenen Gebiete, offensiver agieren würden. - Aber das eine tun und das andere nicht lassen: Als langjährig in der höheren Berufsbildung Tätiger wünsche ich mir, dass diese endlich von der Politik die gebührende Aufmerksamkeit und Wertschätzung erhält und mit den angemessenen finanziellen Mitteln ausgestattet wird.
Christian Schaefer
Christian Schaefer, am 09. Juli 2013 um 17:46 Uhr
Wie ich nachträglich merkte, wollen Sie die vollständige Anschrift zu meiner Meinungsäusserung haben. Nun denn:
Christian Schaefer, Fabrikstrasse 29, 8005 Zürich
Christian Schaefer, am 09. Juli 2013 um 17:53 Uhr
Das duale Bildungssystem in der Schweiz, aber auch in Deutschland gibt auch eine begründete Hoffnung, dass die extreme Schere in der Einkommensverteilung, die nach den USA seit etwa 2010 auch nach Europa überschwappt nich die US-Extreme erreichen wird. Zwar vielleicht nicht im Anteil des obersten 1% versus den restlichen 99%, aber bei Perzentilen weiter unten.

Werner T. Meyer (werner.meyer7@bluewin.ch)
Werner Meyer, am 09. Juli 2013 um 19:35 Uhr
Diesen Beitrag finde ich sehr gut und treffend. Da ich weiss, wie viel die WorldSkills-Kandidaten/innen leisten, muss die Anerkennung und Wertschätzung in der Gesellschaft unbedingt
verbessert werden. Für Brasilien 2015 muss das für jeden, der Einfluss und Möglichkeiten hat, ein Ziel sein.
Ich glaube England mit der WorldSkills 2011 in London war ein nachzuahmendes Beispiel. Ich bin gespannt, ob man in zwei Jahren von den Verantwortlichen eine Verbesserung feststellen kann.
Urs Schwab (urs_schwab@bluewin.ch)
Urs Schwab, am 09. Juli 2013 um 21:05 Uhr
Ich kann die Ausführungen nur unterstützen. Auf dem so genannten akademischen Niveau werden inzwischen eine ganze Reihe von völlig unnützen Bachelor- und Mastertiteln verliehen, deren Bezeichnungen fast an Debilität grenzen und allein den Sinn haben, Gelder in die Hochschule zu spülen. Teilweise sind Höhere Berufsprüfungen wie die HöFa II in der Pflege abgeschafft oder in sinnlose MAS umgewandelt worden. Der sehr gute frühere Praxisbezug ging weitgehend verloren. Akademisierung ist in diesen Fällen oft Verschlechterung der Niveaus.

Volker Jäger, vol_jaeger@outlook.com
Volker Jäger, am 11. Juli 2013 um 16:45 Uhr

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