Die Wachstumskurve mit aller Potenz anheben © cc
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Im Namen des heiligen Wachstums (1)

Urs P. Gasche / 14. Mai 2015 - Uns wird eingehämmert: Mehr Wirtschaftswachstum ist gut, egal was wächst. Egal auch, wenn nur Reiche und Superreiche profitieren.

Angeblich hängt unser Glück weitgehend davon ab, wie stark das Bruttoinlandprodukt BIP jedes Jahr wächst. Die Medien berichten als Hiobsbotschaft, wenn die Wachstumsprognosen etwas nach unten revidiert werden, und sie verbreiten es als Frohbotschaft, wenn die Wirtschaft etwas stärker gewachsen ist.

Es muss jedoch misstrauisch machen, dass nie gesagt wird, was denn eigentlich gewachsen ist und was wachsen wird. Das spielt offensichtlich keine Rolle für all jene, meist «Neoliberale», die «düstere Wachstumsaussichten», angebliche «Wachstumsschwäche» und «drohende Arbeitslosigkeit» als verfängliche Argumente nutzen, um Steuern zu senken, Subventionen zu erhöhen, Umweltvorschriften zu lockern, Renten zu kürzen und demokratische Mitsprache einzuschränken.

Wachstumsparadies USA

Neoliberale Deregulierer schauen neidisch auf die USA, die über Jahrzehnte hinweg ein höheres BIP-Wachstum hatten als Westeuropa. Folgende Grafiken zeigen die Entwicklung des Pro-Kopf-Wachstums seit 1980 und die indexierte Entwicklung von 2007 bis 2014 (Quelle OECD):

Das hohe Wachstum hält an. Mitte April hat der Weltwährungsfonds IWF den USA ein Wachstum im Jahr 2015 von 3,1 Prozent prognostiziert.

Nicht nur das Wachstum des Bruttoinlandprodukts ist in den USA gross. Auch die (Arbeits-)Produktivität nahm in den USA stärker zu als in der EU. Dazu hat die NZZ am 30.4.2015 eine eindrückliche Grafik veröffentlicht:

Dem Beispiel der USA nacheifern

Lobbyisten von Konzernen und Grossbanken sowie neoliberale Ökonomen schwärmen von den Produktivitäts- und Wachstumszahlen in den USA. Sie drängen darauf, dass auch die europäischen Staaten die Arbeitsgesetze lockern – namentlich den Kündigungsschutz –, die künftigen Renten einfrieren oder kürzen, den «ausufernden», «nicht bezahlbaren» Sozialstaat abbauen, die Unternehmenssteuern noch stärker senken sowie Umwelt- und Haftungsvorschriften weiter aufweichen. Solche Forderungen stellen sie mit den wohlklingenden Worten «Reformen», «Deregulierung» und «Schaffen von Arbeitspätzen». Ihr oberstes und prioritäres Ziel ist es, ein mindestens so hohes Wirtschaftswachstum wie in den USA zu erreichen.

Was denn wachsen, das heisst mehr produziert und konsumiert werden soll, bestimme der «Markt»: Auf diesem dominiert die Kaufkraft der Reichen und Superreichen. Die Produktion passt sich «marktgerecht» deren Bedürfnissen an.

Kollateralschäden wie verbreitete Armut im eigenen Land, die Übernutzung und Zerstörung der Natur, Atommüll oder die mit verursachte Armut in der Dritten Welt haben auf dem realen «Markt» keinen Preis und bleiben als Kosten vernachlässigt.

Kollateralschäden für breite Bevölkerung grösser als der Nutzen

Das einseitige Fokussieren auf Wachstumszahlen blendet die Kollateralschäden aus. Ein starkes Wirtschaftswachstum garantiert keinen Wohlstand für alle, keine Schonung der Natur und kein Ende der Arbeitslosigkeit. Im Gegenteil: Der Wachstumswahn der entwickelten Industriestaaten schafft und vergrössert die Probleme, die das Wachstum angeblich lösen soll.

Am Beispiel der USA ist dies leicht zu illustrieren.

  • Lesen Sie am kommenden Samstag die Fortsetzung: Das Land mit den höchsten Wachstumsraten und Produktivitätsfortschritten unter den Industriestaaten ist weit davon entfernt, ein Paradies zu sein. Infosperber berichtet, was die eindrücklichen Wachstumszahlen alles vernebeln.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Urs P. Gasche hat zusammen mit Hanspeter Guggenbühl das Buch «Schluss mit dem Wachstumswahn – Plädoyer für eine Umkehr» veröffentlicht.

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Führt Wachstum zu Glück oder Crash?

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Eine Meinung

Erinnert irgendwie an die Statistiken aus der Sowiet-Ära. Da gab es doch diese Industrie die mit einem 10-Tonnen Nagel die Produktionsstatistik aufblasen wollte. Bloss wusste niemand, wozu der grosse Nagel gebraucht werden konnte.

Etwas später verkündete das Wirtschaftsministerium in Polen, dass die Preise der Würste um 50% gestiegen seien, die Preise der Lokomotiven aber um ein Prozent gesenkt werden konnten. Umsatzgewichtet sei also der Konsumentenpreisindex gesenkt worden.

Die Wurstesser wussten diese Statistik zu schätzen.
Josef Hunkeler, am 15. Mai 2015 um 21:56 Uhr

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