Bahnpendler © Hanspeter Guggenbühl

Bahnzukunft: 51 Prozent mehr Passagiere im Jahr 2040 als heute

Verkehrsentwicklung: Wie Unerwünschtes wächst

Hanspeter Guggenbühl / 31. Aug 2016 - Der Verkehr auf Strasse und Schiene soll bis 2040 stärker zunehmen als in den letzten 30 Jahren. Darauf baut der Bund.

Verkehr entsteht, wenn die Leute nicht dort sind, wo sie sein sollen oder sein wollen. Das ist immer häufiger der Fall. Zudem sind unsere Arbeits-, Einkaufs- und Ferienziele immer weiter von unseren Stand- und Wohnorten entfernt. Darum wuchs der Verkehr. Und er wird, wenn es nach den Vorstellungen der Forscher geht, weiterhin stark wachsen – mit all seinen unerwünschten Nebeneffekten wie ungedeckten Kosten, langen Stauzeiten, Lärm, Energie- und Landbedarf.

Das jedenfalls prophezeien die Schweizer «Verkehrsperspektiven bis 2040», die verschiedene Bundesämter gemeinsam erarbeiteten und gestern veröffentlicht haben. Demnach wird der inländische Personenverkehr insgesamt von 2010 bis 2040 um 25 Prozent zunehmen, der Güterverkehr sogar um 37 Prozent. Dabei vermehre sich der öffentliche Personenverkehr mit 51 Prozent stärker als der motorisierte Privatverkehr (plus 18 Prozent).

Man stelle sich das vor: Nochmals ein Fünftel mehr Verkehr auf den heute schon häufig verstopften Schweizer Strassen. Und gar anderthalb Mal mehr Passagiere in den Bahnen. Unsere Nachkommen werden das Leben in vollen Zügen geniessen. Oder dabei verdriessen.

Ausbau des Angebots fördert Nachfrage

Das alles sagen die Bundesämter nicht nur voraus. Sie bauen auch darauf: «Für den Strassen- und den öffentlichen Verkehr sind weitere Ausbauten nötig. Das ASTRA (Bundesamt für Strassen) und das BAV (Bundesamt für Verkehr) sind daran, diese Ausbauten zu planen», teilte das federführende Departement für Umwelt, Verkehr und Energie gestern mit. Dieser Ausbau des Angebots wird die Transportnachfrage ebenfalls fördern – und mithelfen, die Prognosen zu erfüllen.

Im Vergleich zu früher werde der Verkehr künftig aber weniger stark zunehmen als in den vergangenen Jahren, trösten uns die Verkehrsforscher. Das stimmt prozentual: In den letzten 30 Jahren, so zeigt die Verkehrsstatistik, nahm der gesamte Personenverkehr um 32 Prozent zu. Doch was stört, sind nicht Prozentzahlen, sondern die Menge. Diese Menge, so sagen die Perspektiven des Bundes voraus, werde von 2010 bis 2040 um 30 Milliarden Personenkilometer und damit stärker wachsen als von 1980 bis 2010 (plus 28 Mrd. Pkm).

Trösten mag die Erfahrung, dass die Entwicklung (nicht nur im Verkehr) selten hält, was Szenarien an die Wand malen. Das lehrt – zum Beispiel – die vor 40 Jahren erstellte Schweizer Gesamtverkehrs-Konzeption (GVK). Für den Zeitraum von 1974 bis 2000 prophezeite sie eine Zunahme des gesamten Personenverkehrs um 73 Prozent. In Realität aber wuchs der Schweizer Personenverkehr in diesem Zeitraum «nur» um 48 Prozent. Was bestätigt: Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die – weit entfernte – Zukunft betreffen.

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3 Meinungen

Die auf die bestehenden und die zu erwartenden Kapazitätsengpässe gestützten Ausbaubegehren bei den Nationalstrassen und der Bahninfrastruktur sind die Quittung für das ungehinderte Mobilitätswachstum in der Schweiz. Dieses wird verursacht durch die wegen der PFZ übergrosse Zuwanderung, die zu tiefen Mobilitätskosten und den hohen Wohlstand in der Schweiz. Sollen jetzt die geplanten Tarif-, Gebühren- und Steuererhöhungen dazu dienen, dieses Mobilitätswachstum via Kapazitätsausbau der Verkehrsanlagen noch anzukurbeln? Sind das dadurch unterstützte quantitative Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) und die ungehinderte Mobilität für alle die wichtigsten Ziele der Verkehrspolitik? Sind die Sonntagsreden vom Energiesparen, Umweltschutz und vom Stabilisieren des Flächenverbrauchs bereits wieder vergessen? Wäre es nicht gescheiter, mit der Erhöhung der Mobilitätskosten primär den Betrieb und den Unterhalt der bestehenden Verkehrsinfrastruktur zu garantieren und den allfälligen Überschuss in die allgemeine Bundeskasse zu lenken statt mit neuen Verkehrskapazitäten neue Zuwanderungsströme auszulösen? Das Schweizer Mittelland soll nicht zu einem Hongkong vom Genfer- bis zum Bodensee verkommen. Dem rein quantitativen Wachstum von Bevölkerung und Wirtschaft muss ein Ende gesetzt werden. Nur mit einem qualitativen Wachstum und einer gerechteren Einkommensverteilung kann das BIP pro Kopf für die meisten Leute in der Schweiz gesteigert und die Lebensqualität erhalten werden.
Alex Schneider, am 31. August 2016 um 16:12 Uhr
@ Alex Schneider
Es gibt kein qualitatives Wirtschaftswachstum. Diese Grösse wird überhaupt nur quantitativ erfasst. Die Wirtschaft wächst quantitativ, oder sie wächst gar nicht.
Die Wirtschaft kann sich aber sehr wohl qualitativ verändern, ohne zu wachsen. Dies kann geschehen, wenn neue Aktivitäten kommen und alte Aktivitäten verschwinden.

Ein Entscheidender Treiber des unseligen Verkehrswachstums ist der Irrglaube, man könne die Staus auf der Strasse abschaffen und das Phänomen der überfüllten Züge überwinden. Mit dieser Absicht werden laufend neue Kapazitäten geschaffen, welche dann, bevor sie das beabsichtigte Ziel erreichen könnten, einen neuen Anreiz zur Steigerung des Verkehrsvolumens setzen.

Der (meist bürgerliche) Verkehrspolitiker auf Mission Impossible im Hamsterrad...
Daniel Heierli, am 01. September 2016 um 18:08 Uhr
Es ist nicht nur die Politik, sondern auch die menschliche Natur. Ich würde sofort nur lokale Handwerker anstellen, die per Velo (oder Elektroroller) und Anhänger kommen, wie früher der Kaminfeger per Töffli. Lokale Kaminfeger gibt es bei uns nicht mehr, und alle Handwerker kommen immer mit einem Wagen voller Material, auch wenn sie nur einen Schraubenzieher oder so brauchen. Ich hatte mal einen Schreiner, der tatsächlich per Velo und Anhänger kam. Und einen Gärtner, der auch per Velo oder ÖV kam und unsere Werkzeuge benutzte. Als beide älter wurden, war es damit vorbei, und ich finde niemanden mehr.
Hier würde nicht einmal die Kostenwahrheit nützen, den der Kunde muss die Kosten zahlen und ist auf vorhandene Handwerker angewiesen. Ein Marktversagen.
Theo Schmidt, am 05. Oktober 2016 um 15:25 Uhr

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