Die Sonnenenergie darf eingefangen werden © SRF

Die Sonnenenergie darf eingefangen werden

Geldspar-Kampagne für «Ja» zur Energiestrategie

Hanspeter Guggenbühl / 02. Mai 2017 - Die Befürworter verbreiten auf einem bescheidenen Prospekt Argumente zur Energiestrategie. Dazu hier ein Faktencheck.

«Geld bleibt hier – Einheimische Energie nutzen statt teuer importieren.» Unter diesem Titel wirbt das «Komitee Energiestrategie JA» für die Zustimmung zur Vorlage, über die wir am 21. Mai abstimmen. Seine Argumente sandte das befürwortende Komitee in einem vierseitigen Faltprospekt an die Haushalte in der Schweiz. Umfangmässig unterscheidet sich diese Botschaft deutlich von der zwei Wochen früher versandten zwölfseitigen Abstimmungs-Zeitung des «Überparteilichen Komitees gegen das Energiegesetz c/o SVP Schweiz».

Nachdem infosperber am 17. April die sechs wichtigsten Argumente der Gegnerinnen und Gegner einer Informationskontrolle unterzogen hat («Warmdusch-Kampagne gegen neue Energiestrategie»), nehmen wir hier die Argumente der Befürworterinnen und Befürworter nach dem gleichen Raster unter die Lupe. Weil die Propaganda des Ja-Komitees sparsamer und damit auch inhaltsärmer ausfällt, ist dieser Faktencheck kürzer:

1. Bleibt Geld hier?

Mit dem Titel «Geld bleibt hier» stellen die BefürworterInnen analog zu den GegnerInnen die finanziellen Folgen in den Mittelpunkt ihrer Kampagne. Fest steht: Die neue Energiestrategie setzt sich die Ziele, den Energieverbrauch im Inland zu senken und vermehrt mit erneuerbarer Energie zu decken. Damit steigt der Anteil der wirtschaftlichen Wertschöpfung im Inland an der inländischen Energieversorgung, zum Beispiel durch vermehrte Gebäudesanierungen, vermehrte Installation von Solaranlagen im Inland. Gleichzeitig nimmt der Anteil der Wertschöpfung im Ausland ab, weil weniger im Ausland gefördertes Erdöl und Erdgas importiert werden muss. Die Behauptung «Geld bleibt hier» ist also tendenziell richtig, nicht aber absolut. Denn ein Teil der Wertschöpfung – von der Förderung des verbleibenden Öl- und Gasbedarfs bis hin zur Produktion von Solarpanels – bleibt im Ausland.

In der Schweiz gibt es heute rund 55 000 Photovoltaik-Anlagen. Zusammen werden sie 2015 etwas mehr als eine Milliarde Kilowattstunden (kWh) Solarstrom produzieren; das sind annähernd zwei Prozent des Schweizer Elektrizitätsverbrauchs. Den Grossteil dieses Stroms speisen sie ins Netz ihres kommunalen oder kantonalen Stromverteilers ein. Dafür erhalten sie eine Vergütung. Soweit so einfach.

Unter dem Untertitel «Gut fürs Portemonnaie» argumentiert das Ja-Komitee, die neue Strategie bringe Einsparungen «beim Heizen», «beim Tanken» und beim Stromkonsum «im Haushalt». Richtig ist: Der Verbrauch von Heizenergie, Treibstoff und Strom pro Kopf wird sinken, wenn die Schweiz die im revidierten Energiegesetz enthaltenen «Richtwerte» pro Person zur Senkung des Energie- und Stromverbrauchs umsetzt. Unsicher ist hingegen, ob wir damit für unsere Energieversorgung tatsächlich weniger bezahlen. Das hängt davon ab, wie sich die Preise von importierter Energie entwickeln und wie rentabel die Mittel zur Steigerung der Energieeffizienz sowie zur vermehrten Nutzung von erneuerbarer einheimischer Energie sind.

Wären alle Massnahmen fraglos rentabel, müssten wir Gebäudesanierungen oder erneuerbare Energie nicht stärker quersubventionieren, wie dies das revidierte Energiegesetz zumindest vorübergehend vorsieht. Bei einem langfristigen Preiszerfall auf dem globalen Energiemarkt kann Import von Energie trotz tieferem Konsum billiger sein als die Nutzung von einheimischer Energie. Umgekehrt verhält es sich, wenn die globalen Energiepreise stark steigen. Ob die Behauptung «Gut fürs Portemonnaie» sich bei einem Ja oder bei einem Nein zur Energiestrategie eher erfüllt, bleibt damit offen.

3. Gut für Gewerbe und Arbeit?

Unter dem Untertitel «Gut für Gewerbe und Arbeitsplätze» schreibt das Ja-Komitee, energetische Gebäudesanierungen sowie die Förderung von einheimischer erneuerbarer Energie bringe mehr Arbeit und Wertschöpfung im Inland. Das stimmt zumindest teilweise. Von der – teils subventionierten – zusätzlichen Arbeit profitieren primär das Bau- und Installationsgewerbe sowie die sogenannte «Cleantech-Branche». Andere Branchen, die ihren Umsatz mit Energieverschwendung erhöhen (etwa die Ölproduzenten, Heizölhändlerinnen, Tankstellenbetreiber etc.) haben hingegen weniger zu tun. Unter dem Strich dürfte neben mehr Geld auch mehr Arbeit im Inland bleiben. Ob es «gut» ist, wenn das Land mit der weltweit höchsten Beschäftigungsquote und überdurchschnittlich langen Arbeitszeiten mehr Arbeit an sich rafft, ist eine andere Frage.

Die meisten Solarstrom-Produzenten strebten die KEV an. Doch nur ein Fünftel von ihnen (11 000 Anlagen) kommt bislang in den Genuss dieser Vergütung. Grund: Das Geld, das in Form eines Zuschlags in den KEV-Topf fliesst, ist begrenzt, und der für die Photovoltaik reservierte Anteil kontingentiert.

4. Weniger Öl und Atomenergie?

Für kleine Photovoltaik-Anlagen (unter zehn Kilowatt) hingegen gibt es seit 2014 überhaupt keine KEV mehr. Diese hat der Bund ersetzt durch eine Einmalvergütung, die maximal dreissig Prozent der Investitionskosten deckt. Vorteil: Wer eine kleine Anlage baut, bekommt sofort Geld und darf einen Teil des erzeugten Stroms direkt im eigenen Gebäude nutzen (Eigenverbrauch). Der Nachteil: Für den ins Netz gespeisten Strom kann der Anlagebetreiber nicht mit einer kostendeckenden Vergütung rechnen. Das heisst in der Praxis: Vier Fünftel der Betreiber von Solaranlagen in der Schweiz, die zusammen zwei Drittel des Solarstroms produzieren, sind heute abhängig von der Vergütung ihres Elektrizitätswerks.

Unter dem Untertitel «Weg vom Erdöl und Atom» erklären die Urheber der Ja-Kampagne, der sparsamere Umgang mit Energie und die vermehrte Nutzung von erneuerbarer Energie diene als «Ersatz von Öl, Gas und Atom» und «sichert den geordneten Ausstieg aus der Atomenergie». Die erste Aussage stimmt. Die zweite ist fragwürdig. Denn der «Ausstieg aus der Atomenergie» verläuft – sowohl nach einem Ja als auch einem Nein am 21. Mai – nicht geordnet. So lässt die Gesetzesvorlage offen, wann welches Atomkraftwerk in der Schweiz stillgelegt wird. Es gibt dafür weder Fristen noch eine Abschaltplanung. Ebenso offen ist, wieweit die Steigerung der Energieeffizienz und die vermehrte Nutzung von erneuerbarer Energie den ungeordnet wegfallenden Atomstrom ersetzen können. Vor allem im Winter dürfte der Ersatz schwer fallen, falls die Nutzung von Strom in den Bereichen Wärmeerzeugung (Wärmepumpen) und Mobilität (Elektroantrieb von grossen automobilen Verpackungen mit kleinem Transportinhalt) voran getrieben wird.

Hier beginnt die grosse Lotterie. Denn die aktuellen Einspeisetarife der kantonalen, regionalen und kommunalen Elektrizitätswerke – insgesamt mehr als 500 in der Schweiz – schwanken massiv (siehe Tabelle: «Ausgewählte Einspeisetarife»). Das kommunale Elektrizitätswerk (EW) in Windisch etwa zahlt Besitzern von Photovoltaik-Anlagen, die allen Solarstrom ins Netz speisen (ohne Eigenverbrauch), einen Tarif von 30 Rappen pro kWh; das ist weit mehr, als sie für den Bezug des Stroms zahlen. Ebenfalls grosszügig erweisen sich die Industriellen Werke Basel-Stadt (IWB), die den Solarstrom mit 23 Rappen (Einheitstarif) vergüten.

Tarife im Sinkflug]]

In seinem Faltblatt wirbt das Ja-Komitee mit Personen und Institutionen, die die Gesetzesvorlage unterstützen. Aufgelistet werden alle Parteien – von der FDP über die SP bis zu den Grünen –, welche die Ja-Parole herausgaben, 150 Parlamentarier (die Parlamentarierinnen sind offenbar mitgemeint), die der Vorlage zustimmten, vielen zustimmenden Verbänden aus Umwelt und Wirtschaft sowie kantonalen und kommunalen Behörden. Diese Auflistung ist nicht vollständig, aber richtig. Allerdings: Breite Unterstützung bietet nicht unbedingt Gewähr für hohe Qualität.

Immerhin gewährt das EKZ den Besitzern von älteren Anlagen mit früheren Verträgen noch den ursprünglichen Einspeisetarif; dies aber nur befristet. Denn die EKZ-Verträge erlauben eine jährliche Anpassung der Tarife. Bei den meisten andern Stromverteilern gelten die herabgesetzten Vergütungen sofort auch für ältere Anlagen. Solarstrom-Produzenten ohne KEV wissen darum nie, ob und wieviel Geld sie mit ihrer Anlage verdienen oder drauflegen. Sie tragen damit das gleiche Risiko wie Eigentümer von nicht subventionierten Grosskraftwerken.

Mit Einspeisetarifen von weniger als zehn Rappen lassen sich Photovoltaik-Anlagen kaum amortisieren, sofern ihre Besitzer nicht einen Grossteil des erzeugten Stroms selber konsumieren. Doch rechtlich lässt sich dagegen an den meisten Orten wenig einwenden. Denn im nationalen Energiegesetz steht: «Die Vergütung (des eingespeisten Solarstroms) richtet sich nach den Kosten, die bei einer Beschaffung für gleichwertige Energie am Markt anfielen.» Konkret empfiehlt das Bundesamt für Energie dazu als Minimum, den Solarstrom zum gleichen Tarif zu vergüten, den die EW von den Haushalten kassieren. Dieser reine Stromtarif (ohne Netztarif und Abgaben) bewegt sich in den meisten Gemeinden zwischen fünf und elf Rappen pro kWh.

[[Tiefste Tarife anfechtbar]]

Siehe auch:

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Hanspeter Guggenbühl ist Autor des Buches "Die Energiewende, und wie sie gelingen kann", Verlag Somedia/ Rüegger.

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4 Meinungen

Zu Punkt 4: Ja, das Wort «geordnet» vor «Ausstieg aus der Atomenergie» hätten sie wohl besser weggelassen. Aber man kann es auf zwei Arten verstehen. Ich habe mich schon lange völlig «geordnet» von demjenigen Teil der Atomenergie verabschiedet, den ich unter Kontrolle habe, nämlich beim direkten Einkauf. AKW-freie Energie kostet bei unserem Anbieter Netzulg 1.6 Rp/kWh mehr als ein Mix von etwa hälftig Wasser- und Atomstrom. Anhand diesem Beispiel wäre rein finanziell grechnet der Ausstieg schon heute für schweizweit grob 1 Milliarde Franken pro Jahr zu haben, wenn ich mich nicht verrechnet habe. Nicht unter Kontrolle habe ich die graue Energie, kann jedoch nach Möglichkeit zu atomstromarmen Produkten wechseln.

Beim Öl ist es daselbe: ich heize schon seit Jahrzehnten mit Holz, Sonne und wenig Strom, kann aber im ÖV nicht direkt auswählen, mit was der Bus betrieben wird, und beim Einkaufen nicht auf den Verpackungswahn völlig verzichten.

Physikalisch sieht es anders aus: ich produziere im Sommerhalbjahr viel mehr Solarstrom, als ich konsumiere, im Winter jedoch weniger. Es wäre jedoch relativ einfach, meinen Holzpelletskessel mit zusätzlicher Stromproduktion zu ergänzen. Ich werde das auch tun, warte nur noch auf ein nicht allzu teures, zuverlässiges Produkt.

*Dieser* Teil der Energiewende ist für Hausbesitzer ein Klacks und findet schon lange laufend statt. Wo es am wenigsten klappt, ist bei Verkehr und Konsum: da wird es uns erst besser gehen, wenn es uns schlechter geht.
Theo Schmidt, am 02. Mai 2017 um 12:56 Uhr
Herr Guggenbühl würden Sie mir bitte erklären wie man Energie, auch wenn sie verbraucht wurde, wieder erneuern kann. Mit den Sonnenstrahlen welche gestern Strom oder Wärme generierten kann ich also heute wieder genau den gleichen Strom herstellen. Oder wie geht das.
Was die Abstimmung betrifft ist es doch himmeltraurig, dass die Bürger über etwas abstimmen sollen von dem sie keine Ahnung haben.
Solange man mir für waschechten Solarstrom 3.8Rp das kW bezahlt verstehe ich das niemand im Ausland Strom kauft.Diese Abstimmung regelt da überhaupt nichts.Die Verteiler haben das schön in der Hand. Minimalpreis 9Rp.und niemand braucht eine solche Abstimmung.Einfach halber.
Albrecht Marco, am 02. Mai 2017 um 16:50 Uhr
Als pens. Fachingenieur finde ich die Energiestrategie 2050 bezüglich Einhaltung des Klimaabkommens von Paris sehr mangelhaft. Es ist auch reines Wunschdenken, bis 2030 kein CO2 mehr zu produzieren. Dank des ZE-2-SOL- Konzept mit Hybryd-Solarpanels, Hochleistungswärmepumpen und Tief-Erdsonden könnte man weitgehend die Oel- und Erdgasfeuerungen ersetzen. Mit diesem System könnte man das vielgenannte Argument «ungenügender Sonnenenergiegewinn im Winter» entkräften. Wenn man den Wärmesektor bis 2030 sanieren würde, könnten wir durch Wegfall der Oel- und Gasimportkosten hohe Kosten einsparen und die Unabhängigkeit entscheidend verbessern. Die Kosten Kostenwären allerdings hoch, aber mit Berücksichtigung der Gewinne an unserem Klima tragbar. (s.www.energieconsult.ch)
Werner Aebischer, am 02. Mai 2017 um 17:24 Uhr
Zu Argument 1. «Bleibt Geld hier?» Ja, Geld bleibt hier! Aber tut es uns gut? Wird es die Schweiz wohlhabender machen? Gewiss nicht!
Würde uns abfliessendes Geld wirklich weh tun, müssten wir nicht Aussenhandel betreiben. Aber Aussenhandel macht uns wohlhabend und reich. Weil wir so insgesamt viel produktiver werden. Ist die Schweiz in der Herstellung von Sonnen- und Windenergie besonders produktiv - wohl eher nicht. Seit genau 200 Jahren hat David Ricardo herausgefunden, dass man einen sogenannten «komparativen Vorteil» haben sollte, um in einer Herstellung einzusteigen. Ökonomische Laien liegen mit ihrer Intuition sehr oft falsch. Für diese Sichtweise gibt es auch einen Begriff: Merkantilismus.

Hat die Schweiz einen komparativen Vorteil? Sehr, sehr unwahrscheinlich! Ziemlich klar nein, auch wenn alle Theorien ganz grobe Vereinfachungen darstellen. Geld-bleibt-im-Land ist auf jeden Fall noch viel schlechter!

Könnte es vielleicht noch einen wünschenswerten sozialen Ausgleich geben? Schwieriger zu beantworten. Aber es erscheint auch eher unwahrscheinlich, dass Arbeitslose, Geringverdiener oder ältere Arbeitnehmer in die Branchen Elektrotechnik, Haustechnik oder als Industriekletterer auf Windkraftanlagen tätig werden.

Die Schweiz hat auch sonst kein Handelsbilanzdefizit, eine (zu?) starke Währung, sehr wenig Arbeitslose. Aus all diesen Gründen ist Argument 1 völlig gegenstandslos.
Alessandro Meier, am 14. Mai 2017 um 16:32 Uhr

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