Fotovoltaik-Anlagen erzeugen im Winter, wenn der Energiebedarf am höchsten ist, wenig Strom © Beatrix Mühlethaler

Solarstrom folgt den Spuren der Atomenergie

Hanspeter Guggenbühl / 07. Feb 2017 - Je mehr Solarstrom wir produzieren, desto mehr müssen wir verschwenden. Damit droht eine ähnliche Entwicklung wie beim Atomstrom.

Nicht erneuerbare muss durch erneuerbare Energie ersetzt werden. Diese zweite Forderung ist richtig und wichtig, wenn wir die erste – die Verminderung des Energiekonsums – ebenso strikt verfolgen. In der wachstumsorientierten Wirtschaft besteht jedoch das Risiko, auf dem Weg zum zweiten das erste Ziel zu verfehlen. Das gilt speziell im Bereich Elektrizität: Geblendet vom Wunsch, mit unbegrenzt verfügbarer Sonnenenergie den dreckigen Kohle- und Atomstrom aus der Welt zu schaffen, schwenkt die Solarlobby langfristig auf den unseligen Weg ein, den die Atomlobby vorgespurt hat.

Atomstrom: Mehr Angebot, mehr Verbrauch

Um diese grobe These zu erläutern, müssen wir auf den Spuren der Atomenergie 49 Jahre zurück schreiten: 1968 verbrauchten Haushalte und Wirtschaft in der Schweiz 25 Milliarden Kilowattstunden (Mrd. kWh) Strom, nicht einmal halb so viel wie heute. Die damalige Nachfrage konnten die inländischen Wasserkraftwerke mit ihrer Produktion von 30 Mrd. kWh locker decken. Zwischen 1969 und 1984 setzten dann die Schweizer Elektrizitätsunternehmen schrittweise fünf Atomkraftwerke in Betrieb. Damit wuchs der Produktions- respektive Exportüberschuss. Noch stärker aber stieg der Stromverbrauch im Inland, nämlich schon bis 1990 auf 50 Mrd. kWh (2016: 62 Mrd.).

Der Grund für die Verdoppelung in nur 22 Jahren: Um ihren überschüssigen Atomstrom absetzen zu können, belohnten die Stromverkäufer die Kundschaft mit Mengenrabatt auf allen Tarifen. Gleichzeitig förderten sie mit speziell tiefen Nachttarifen die Installation von Elektrospeicher-Heizungen und Elektroboilern, später von Wärmepumpen. Stromverschwendung wurde damit finanziell belohnt, um die fragwürdige Nutzung der Atomenergie zu rechtfertigen. Inzwischen aber hat die weiter wachsende Nachfrage, welche die Atomlobby förderte, das höhere Angebot ein- und zum Teil schon überholt. So verbuchte die inländische Strombilanz im Kalenderjahr 2016 und in allen Winterhalbjahren seit 2003 einen Import-Überschuss.

Eine Spirale von Überangebot, Absatzförderung und Verschwendung droht auch, wenn wir die Verstromung der Sonnenenergie maximieren. Im Unterschied zu Deutschland sind wir davon allerdings noch weit entfernt. Gemessen am Schweizer Stromkonsum betrug der Anteil der inländischen Produktion von Solarstrom 2016 erst 2,2 Prozent, jener der Atomenergie immer noch 30 Prozent.

Der Aufbau eines solaren Matterhorns

Doch das soll sich ändern. Der Branchenverband Swissolar setzte sich schon 2011 das Ziel, den Anteil der Sonnenenergie an der Schweizer Stromerzeugung bis 2025 auf 20 Prozent oder rund 12 Mrd. kWh zu erhöhen. Die Umweltallianz, bestehend aus den grossen Umweltverbänden, will bis 2035 den – gleich hoch bleibenden – Schweizer Stromverbrauch zu hundert Prozent mit erneuerbarer einheimischer Energie decken. Dazu soll Solarstrom einen Anteil von 25 Prozent oder 15 Mrd. kWh beitragen. Das wäre elf Mal mehr als heute. Mengenmässig könnte Solarstrom dann drei Viertel der heutigen inländischen Atomstromproduktion ersetzen. Im Winterhalbjahr allein hingegen, wenn der Strombedarf am höchsten ist, erzeugen Fotovoltaik-Anlagen weniger als einen Drittel ihres Stroms (selbst wenn kein Schnee auf den Panels liegt). Das zeigt: Selbst mit einer solaren Anbauschlacht lässt sich mit Sonnenergie allein die Atomkraft nur teilweise substituieren.

Um pro Jahr 15 Mrd. kWh Solarstrom zu erzeugen, benötigte die Schweiz eine installierte Fotovoltaik-Leistung von 15 Gigawatt (oder 15 Mio. Kilowatt). Wird dieses hochgesteckte Ziel ohne flankierende Massnahmen erreicht, entsteht 2035 folgendes Überfluss-Problem: An einem Sommertag erzeugen die Schweizer Flusskraftwerke weiterhin eine konstante Leistung von rund 3 Gigawatt. Zusätzlich türmen die vorwiegend nach Süden ausgerichteten Fotovoltaik-Anlagen um die Mittagszeit, wenn schweizweit die Sonne scheint, eine Leistung bis zu 12 Gigawatt auf. Bis Sonnenuntergang sinkt dann die solare Leistung auf Null, bevor sie ab nächstem Sonnenaufgang wieder steil ansteigt (siehe Illustration)

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Dieses solare Matterhorn, unterlegt von den Flusskraftwerken, erreicht also eine Mittagsspitze von 15 Gigawatt, selbst wenn alle alpinen Speicherkraftwerke temporär abgestellt und alle Atomkraftwerke bis 2035 stillgelegt werden (wozu aber keine Gewähr besteht). Die beanspruchte Spitzenleistung aller Verbraucher im Inland beträgt an einem sommerlichen Werktag aber nur rund 8 Gigawatt (siehe Illustration), an einem Sonntag noch deutlich weniger.

Speicherung als Ausweg – und als Problem

Fachleute kennen dieses Problem. Um das solare Matterhorn einzuebnen respektive die stark schwankende Solarstrom-Produktion dem ebenfalls schwankenden Konsum anzupassen, entwickelten sie vielfältige Speichertechniken. Das Spektrum reicht von zentralen Pumpspeicher-Kraftwerken bis zu dezentralen Batterien, die in Heizungskellern oder Elektro-Autos platziert werden (siehe: «Wirkungsgrad von Speichern»). Auch Steuerungen werden entwickelt, welche die Spitzenproduktion der Solaranlagen kappen oder den Stromkonsum mittels «Smart-Grids» temporär verlagern. Die Ausrichtung der Panels nach Osten oder Westen, welche die Produktionsmenge etwas verringert, kann die Mittagsspitze ebenfalls glätten.

Doch mit jeder Speicherung, Umrichtung oder Abriegelung geht ein – mehr oder weniger grosser – Teil des produzierten Stroms verloren. So schwankt der Speicherverlust zwischen 15 (Lithium-Ionen-Batterien) und 65 Prozent (Umwandlung von Strom zu Methangas). Zudem verschlingt die Herstellung der Batterien und ihre spätere Entsorgung ebenfalls Energie und Rohstoffe. Die Folgerung daraus: Je mehr Strom wir speichern, desto mehr müssen wir produzieren, und desto stärker wächst die Energieverschwendung.

Der Ausweg: Optimieren statt Maximieren

Wollen wir die verlustreiche Speicherung minimieren, sollten wir die Produktion von Solarstrom also optimieren statt maximieren. Das physikalische Optimum der Solarstrom-Produktion ohne zusätzliche Speicher liegt, wenn im Inland einmal alle Atomkraftwerke stillgelegt sind, bei einer Menge von sieben bis zehn Prozent des nationalen Stromverbrauchs. Das entspricht einer installierten Fotovoltaik-Leistung von 5 bis 6 Gigawatt. Denn damit läge die Spitze des solaren Matterhorns, also die Produktion von Solar- plus gewässerschutz-konformen Flusskraftwerken, selbst an sonnigen Sommertagen meist unter der im Inland beanspruchten Verbrauchsleistung. Zudem könnten die Verteilnetze diese Mengen ohne wesentliche Aus- und Umbauten oder Speicher bewältigen und umverteilen.

Die «Probleme» dieser Beschränkung: Die Schweiz müsste einen höheren Anteil des wegfallenden Atomstroms im Winterhalbjahr einsparen oder durch Biomasse-Kraftwerke ersetzen. Und: Die Speicher-Branche – von Smart-Grid-Verkäufern bis zu den Batterieproduzenten – könnte ihre Expansionspläne nicht verwirklichen.

Die ökonomischen Anreize sind falsch

Die Verschwendung mittels Stromspeicherung hat allerdings schon begonnen und wird sich fortsetzen, längst bevor die Schweiz das physikalische Optimum der Solarstrom-Produktion erreicht. Dafür sorgen ökonomische Fehlanreize, insbesondere die heute sehr tiefen Einspeisetarife ins lokale Stromnetz für Solarstrom-Betreiber, die sich nicht rechtzeitig eine kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) ergattern konnten.

Das illustriert folgendes Rechenbeispiel: Ein Hausbesitzer (Hauseigentümer sind mehrheitlich männlich) lässt sich eine Fotovoltaik-Anlage mit einer Leistung von 6 Kilowatt mit 6000 kWh Jahresproduktion zum Preis von 15‘000 Franken auf das Dach seines Niedrigenergie-Hauses installieren. Die Produktion seines Solarstroms kostet damit etwa 15 Rappen pro kWh. Als umweltbewusster Konsument, der keine überflüssigen Elektrogeräte besitzt und seinen bescheidenen Wärmeverbrauch mit Holz und Solarkollektoren deckt, verbraucht dieser sogenannte Prosument pro Jahr nur 1500 kWh Strom. Davon bezieht er in den dunklen Stunden 800 kWh vom örtlichen Elektrizitätswerk und zahlt dafür 25 Rappen pro kWh (Produkt- plus Netztarif plus Abgaben). Die übrigen 700 kWh Solarstrom zu Kosten von 15 Rappen/kWh konsumiert er vom eigenen Dach.

Nach Abzug seines Eigenverbrauchs speist der Prosument also 5300 kWh 15 Rappen teuren Solarstrom ins Stromnetz ein. Dafür zahlen viele Elektrizitätswerke einen Einspeisetarif von nur noch 5 Rappen/kWh (einige noch weniger). Dieser tiefe Tarif ist gesetzlich zulässig, denn er muss nicht höher sein als der reine Marktpreis für Strom (exklusive Netzkosten und Abgaben). Für seinen eingespeisten Solarstrom legt der Produzent also 10 Rappen/kWh drauf. Der aus dem Netz bezogene Strom zum Volltarif von 25 Rappen (inklusive Netzkkosten und Abgaben) hingegen kostet ihn 10 Rappen mehr als der selbst erzeugte Solarstrom.

Strom selber verbrauchen – aber wofür?

In dieser Situation treten die Produzenten von Solar- und Speicheranlagen auf den Plan. Sie empfehlen Eigentümern von Fotovoltaik-Anlagen, den Eigenverbrauchs-Anteil zu maximieren. Dazu bieten sie ihnen Batterien an, in denen Hausbesitzer ihren tagsüber erzeugten Solarstrom speichern, statt ihn zum tiefen Tarif ins Netz einzuspeisen. In den dunklen Stunden können sie dann den Solarstrom aus der Batterie beziehen statt für 25 Rappen/kWh aus dem Stromnetz.

Daneben gibt es weitere Möglichkeiten zur Maximierung des Eigenverbrauchs: Betreiber von Fotovoltaik-Anlagen steigen zum Beispiel vom Velo auf ein Elektroauto um und laden mittags mit ihrem überschüssigen Solarstrom die Autobatterie; das tut etwa ein prominenter Solarunternehmer in Erlenbach am Zürichsee, der kürzlich einen Tesla kaufte. Oder sie können ihren von Holz und Solarwärme gespeisten Boiler durch einen Elektroboiler ersetzen. Die viel propagierten Elektro-Wärmepumpen, die Häuser heizen, taugen hingegen nicht zur Glättung der Solarstrom-Spitze, weil das solare Matterhorn an Wintertagen zum Hörnli schrumpft.

Ökonomisch mag sich die Maximierung des Eigenstromverbrauchs für einige Solarstrom-Produzenten auszahlen, falls die Preise für Fotovoltaik-Anlagen und die Einspeisetarife weiter fallen. In der Stromversorgung als Ganzes wächst damit aber nicht nur die Verschwendung in Form von Speicherverlusten und zusätzlichem Einsatz von grauer Energie. Die dezentrale Speicherung führt auch zu einer Umverteilung. Denn die Tarife des bestehenden Stromnetzes, die Fotovoltaik-Produzenten mit hohem Eigenverbrauch sparen können, werden auf die übrigen Stromkonsumenten überwälzt, insbesondere auf Mieterinnen und Mieter ohne eigene Hausdächer.

Zuerst reduzieren, dann substituieren

Vor allem aber torpediert die Maximierung der Solar- und auch der Windstrom-Produktion das primäre Ziel der neuen Schweizer Energiestrategie, nämlich die Reduktion des gesamten Energie- und des Stromverbrauchs. Das ist die Kehrseite der – an sich wünschenswerten – Substitution von nicht erneuerbarer durch erneuerbare Energie.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Dieser Artikel ist zuerst in der Wochenzeitung WOZ erschienen. Hanspeter Guggenbühl ist Autor des Buches «Die Energiewende, und wie sie gelingen kann», Rüegger-Verlag 2013. Ein Kapitel dieses Buches widmet sich speziell der Stromversorgung im Winterhalbjahr.

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke
Wie sich das solare Matterhorn einebnen lässt (Infosperber vom 2.3.2012)
Matterhorn_gross

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14 Meinungen

Das einzige Energieproblem, so scheint mir manchmal, ist der Glaube der von den Energiekrisen der 70-er Jahren geprägten Energiespezialisten. Ihr Glaube ist oft, wir müssten Energie sparen (oder wir müssten alle Energie nutzen, keine Möglichkeit der Nutzung auslassen und keine Energie verschwenden). Müssen wir nicht! Das Sparen von Energie ist kein Selbstzweck, das Nutzen auch nicht. Wir dürfen die Umwelt nicht zerstören und unser Leben nicht gefährden. Damit hat es sich. Wenn dabei Energie verschwendet wird oder Energie ungenutzt bleibt, dann sei es drum. Das postulierte Strommatterhorn, kann da sein, es kann auch ruhig für nichts da sein. Es darf ungenutzt bleiben. Es kann so hoch sein, wie es will. Es ist kein Problem. Wenn es teilweise doch genutzt wird, weil der Strom dann gratis ist: Auch kein Problem! Das Problem von gelegentlich zu viel Energie besteht nur im Kopf. Ausser das Problem läge bei den Kosten, wo es tatsächlich besteht. Sehr gravierend wird die Kostenproblematik, wenn nicht nur dreckiger Strom vermieden werden soll. Und warum sollte nur dreckiger Strom vermieden werden? Das Winterproblem ist gravierend. Aber glücklicherweise scheint auch anderswo die Sonne. In den Bergen, zum Beispiel, und jenseits der Landesgrenzen, wo es auch Platz gäbe. Und: Warum sollte nicht auch der Verbrauch dem Angebot angepasst werden? Das ist in beide Richtungen möglich. Es spricht nichts dagegen, ausser eventuell ein Irrglaube — und allenfalls ein fehlendes Preissignal.
Peter Vogelsanger, am 07. Februar 2017 um 12:34 Uhr
"Verschwendung» scheint mir im Fall der Photovoltaik ein geringeres Problem zu sein, als im Fall der Atomkraft. Das Schicksal der Photonen ist nicht so arg verschieden, ob sie jetzt auf Dachziegel oder auf Solarzellen fallen, und die Auswirkungen auf die Umwelt auch nicht.
Der Photovoltaikbesitzer kann also seinen Strom in Speichern beliebig niedrigen Wirkungsgrades speichern, er ist immer noch effizienter als der Nichtphotovoltaikbesitzer, der die Sonne nur benutzt, um das Dach aufzuheizen.

Speichertechnologien müssen sich noch entwickeln, und dazu muss ein Bedarf bestehen. Es macht also nichts, wenn wir einige Überproduktion aufbauen.
Stefan Werner, am 07. Februar 2017 um 15:07 Uhr
Das «Rechenbeispiel» für die Erstellung einer Photovoltaikanlage stimmt nicht - wie IMMER bei solchen Berechnungen. Der Autor rechnet nur die Kosten der Erstellung und vernachlässigt weitere Kostenfaktoren: Die Installation einer Solaranlage hat eine Neuberechnung des Gebäudewerts durch die oblig. Gebäudeversicherung zur Folge, was sich in höheren Versicherungsprämien niederschlägt. Weil aber in vielen Kantonen der Eigenmietwert auf Grund der Einschätzung der Gebäudeversicherung errechnet wird, hat die Installation einer Solaranlage zudem höhere Einkommenssteuern zur Folge. Auf Grund unseres vor Jahren installierten Sonnenkollektors mit Installationskosten von rund 14'000 Franken kann ich klar nachweisen, dass allein die Kosten der höheren Versicherungsprämien und die steuerrelevante Erhöhung des Eigenmietwerts höher sind, als was an Minderverbrauch an Energie eingespart werden kann. Von einer Amortisation der Anlagekosten gar nicht zu reden. Ich habe noch nie eine saubere Kostenrechnung gesehen, wenn es darum geht, den Leuten die Installation von Solaranlagen (ob thermisch oder zur Stromerzeugung) mundig zu machen oder zu verkaufen. Entsprechend sind dann die Enttäuschungen, vor allem, bei Hausbesitzern, denen es nicht gelungen ist, «rechtzeitig eine kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) zu ergattern» (Originalton Hp. Guggenbühl)
Arnold Fröhlich, am 07. Februar 2017 um 18:08 Uhr
Guten Tag, Vorbemerkung an den Autor: ich glaube nicht, dass Hausbesitzer vorwiegend Männer sind. Ich gehe davon aus, dass bei den meisten Haushalten Güterteilung vorherrscht. Kann aber durchaus sein, dass sich die Frauen weniger um die technischen Details von Solaranlagen kümmern. Sei drum. Zum Thema: wir betreiben eine Ost-West ausgerichtete Fläche mit rund 13 000 kwh jährlich, und eine kleinere Fläche Süd ausgerichtet mit 4200 kwh jährlich. Die Produktionskurve mit dem Mittagsmaximum wird dadurch geglättet und unser Beitrag zum Matterhorn geringer. Ich denke, wäre eine Möglichkeit zur Optimierung (natürlich wäre eine Süd Ausrichtung ökonomisch maximaler). Natürlich ist dadurch das Winterdefizit nicht vom Tisch.
Guido Besmer, am 08. Februar 2017 um 07:30 Uhr
@A. Fröhlich: Ich weiss nicht, in welchem Kanton Sie leben, aber wir (Kanton ZH) haben eine 10kWp Solaranlage für ca. 26000 installiert, und dafür eine Einmalvergütung von rund 6000 bekommen. Die Prämie der Gebäudeversicherung ist um ca. 20 Franken pro Jahr angestiegen, der Eigenmietwert (bisher?) überhaupt nicht. Die jährliche Netto-Stromrechnung (Bei uns Haushaltsstrom, Heizung, Warmwasser) ist um rund 1000.- gesunken, die Benzinkosten um rund 400.-.

Fazit: Man macht sicher keine Riesengewinne mit einer Solaranlage, aber eine Amortisationszeit von um die 20 Jahre ist heute realistisch. Damit ein ähnlicher zeitlicher Horizont, wie eine neue Heizung. Und zwar als Vollkostenrechnung.
Stefan Werner, am 08. Februar 2017 um 08:23 Uhr
Zürich hat m.W. immer noch die tiefsten Gebäudeversicherungsprämien der Schweiz. In anderen, v.a. den privatrechtlich organisierten Kantonen, sind diese Prämien einiges höher.
Josef Hunkeler, am 08. Februar 2017 um 10:20 Uhr
@S. Werner: Tatsächlich ist die Erhöhung der Geb.versicherungsprämie von ca. 15 Fr/p.a. absolut vernachlässigbar. Bei der Erstellung der Anlage 1989 gab es im Kanton Solothurn nicht nur keine Vergütungen oder entsprechende Subventionen, vielmehr stellte die Solaranlage damals ein Accessoire dar, das als Luxus galt und das Haus somit in eine höhere Kategorie für die Berechnung des Eigenmietwerts katapultierte. Dieser erhöhte sich wegen des Sonnenkollektors um rund 2'500 Franken, was bei einem Grenzsteuersatz von 28% (Bund/Kanton/Gemeinde) die Einkommenssteuern um 700 Franken erhöht. Trotz Einsprachen ist diese Berechnung bis heute nicht geändert worden.
Arnold Fröhlich, am 08. Februar 2017 um 10:45 Uhr
Die Schlussfolgerung, man müsse den PV-Ausbau limitieren, sonst drohe ein Überflussproblem, ist falsch.

Erstens: hpg geht von einer theor. Maximalleistung über Mittag aus, die de facto nie so hoch sein wird. Denn nicht alle Solaranlagen sind nach Süden ausgerichtet. Sobald die AKW mit ihrer unsteuerbaren Bandproduktion vom Netz sind, vermindert sich der Stromüberfluss. Zu gewissen Zeiten braucht es zwar Pufferkapazitäten, doch die haben wir bereits: Mit über 5 GW Pumpspeicher- und über 4 GW Exportleistung. Dazu kommen intelligente Verbrauchssteuerungen, E-Autos und Batteriespeicher. Im Extremfall kann auch die Solar-Spitzenproduktion gekappt werden.

Zweitens: Wir müssen bis etwa 2050 auf Erneuerbare umsteigen. Der Atomausstieg ist die kleinste Herausforderung, anspruchsvoller wird es bei der Wärmeversorgung und der Mobilität. Wahrscheinlich wird der Stromverbrauch steigen (Wärmepumpen, Elektroautos). Dies führt aber gleichzeitig zu Einsparungen, da diese Systeme viel effizienter sind, als ihre fossilen Vorgänger. Wärmedämmungen an Gebäuden senken den Verbrauch zusätzlich. Eine Vollversorgung der Schweiz mit Strom aus erneuerbaren Energien ist somit auch dann möglich. Nicht allein mit Solarstrom, aber mit einem beträchtlichen Anteil. Auf der Hälfte unserer Dachflächen könnten wir jährlich 30 GWhStrom produzieren – mehr als die Hälfte des heutigen Stromverbrauchs. Für die Energiewende braucht es beides: Eine Reduktion des Energiebedarfs UND den Ausbau von Erneuerbaren.
David Stickelberger, am 08. Februar 2017 um 11:31 Uhr
Nicht vergessen, hpg: Speichertechnologien haben noch enormes Entwicklungspotential, preislich wie auch beim Wirkungsgrad. Extrem viele neue Ansätze sind zudem in der Pipeline, von denen sich einige wenige, besonders effiziente durchsetzen werden, auch im Privatbereich. Die Entwicklung läuft ebenso rasant wie die bei der PV vor ein paar Jahren. Also: keine Bedenken.
Dazu kommen die oben genannten Argumente wie z.b. West-Ost-Anlagen. Also: Der Artikel dramatisiert, wir haben wichtigere Probleme, als deswegen PV auszubremsen.
Markus Vetterli, am 08. Februar 2017 um 12:04 Uhr
Vergessen geht in der Schlammschlacht von Guggenbühl (auf den Spuren der Atomenergie kann ja nur schlimmste Assoziationen wecken wie Verseuchungskatastrophe, Kostenexplosion, Endlagergau)
- dass Solarenergie unter allen Aspekten eine besonders umweltfreundliche Energie ist
- von der es eigentlich gar nicht genug geben kann, resp. von der als letzte eingespart werden müsste
- der behauptete Zusamenhang von Produktionshöhe und -verschwendung ein sehr zweifelhafter ist
- die Preisrelationen bei Guggenbühl völlig statisch betrachtet werden - dabei ist eine weitere deutliche Senkung der Preise aller Nutzungsarten im Solarbereich (inklusive der Speicherung) so sicher wie das Amen in der Kirche.
- die Kritik an der Speicherung von Energie mit Wirkungsverlusten kommt mir schliesslich vor, als ob man überschüssige Äpfel nicht im Keller lagern dürfe, weil da dann einige verfaulen.
- das geschilderte Problem tritt nur an einzelnen Tagen auf.

Ausgerechnet am Ausbau der in der Schweiz am vielversprechensten erneuerbaren Energie rumzukritteln - und sie gar auf eine Stufe mit der Atomenergie zu stellen - ist also gehörig verblendet von der eigenen Wachstumsskepsis. Wir werden so oder so in Zukunft mehr erneuerbaren Strom brauchen - in jedem Fall mehr Solarstrom, viel mehr. Einerseits für den Ersatz des Atomstroms, andererseits für zusätzliche Anwendungen in Verkehr und bei der Heizung. Diese Anwendungsarten bedingen so oder so eine Speicherungsform, Verluste hin oder her.
Guntram Rehsche, am 08. Februar 2017 um 17:56 Uhr
zu G. Rehsche: Ob diese euphorisch optimistische Einschätzung der Energiewende unter Ausblendung aller damit verbundenen Probleme von einer Volksmehrheit geteilt wird, werden wir dann am 21.Mai 2017 erfahren.
Arnold Fröhlich, am 08. Februar 2017 um 18:04 Uhr
Interessanter Artikel, interessante Kommentare!

Der tägliche Peak (ich würde ihn Mittaghorn nennen) ist in meinen Augen kein echtes Problem. Die kurzfristige Speicherung (z.B. bis zur Nacht oder zum nächsten Tag) ist schon heute recht gut möglich. Und notfalls kann man eine PV-Anlage ja vom Netz nehmen.

Im Gegensatz zum Mittaghorn stellt uns das Januarloch jedoch vor ernsthafte Herausforderungen. Die Speicherung von grossen Mengen von Strom vom Sommer für den Winter ist mehr als nur ein kleines technologisches Schrittchen entfernt. Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass dies bald möglich sein wird.

Ein logisches Rezept ist, auch bei erneuerbaren Energien zu diversifizieren, z.B. mit Windstrom von der Küste oder mit Sonnenstrom aus dem Süden. Die erforderlichen Leitungskapazitäten erstellen sich allerdings nicht von selbst.

Wenn wir ohne AKWs und mit weniger fossiler Energie auskommen wollen, müssen wir vor allem den Verbrauch im Winter senken. PV-Anlagen auf dem Dach entbinden uns nicht davon. Elektrische Wärmepumpen als Ersatz für fossil betriebene Heizungen sind nicht das Gelbe vom Ei, denn sie brauchen genau dann am meisten Strom, wenn dieser knapp ist. Meist wäre das Geld wohl klüger in eine bessere Isolation investiert.
Daniel Heierli, am 09. Februar 2017 um 23:01 Uhr
D. Heierli fasst die wichtigsten Punkte zusammen und weist richtigerweise auf das Effizienzgebot im Winter hin. Dass wir allerdings nicht «mit weniger fossiler Energie auskommen wollen», sondern schliesslich — und zwar schon recht bald — ganz ohne fossile Energie auskommen sollten, bzw. müssen (wegen Klimawandel, nicht weil das Zeug nicht da wäre), macht das saisonale Problem nicht kleiner (und Wärmepumpen für fast alle Heizzwecke praktisch unverzichtbar). Ohne sauberen Strom auch von anderswo her, aus Wind und aus Sonne, ist die saubere Energieversorgung für alle Anwendungen nicht wirklich denkbar. Die Tendenz von Linksgrün, sich auf ein Selbstversorgungsparadigma bei der Energiewende zu versteifen, ist nicht dienlich. Eine andere Tendenz von Linksgrün besteht darin, den Flächenbedarf für PV herunterzuspielen. Der Flächenbedarf ist zusammen mit den Kosten ein sehr starker Grund (verharmlosend ausgedrückt), für Sonne UND Wind und für den Import von Strom, der sauber anderswo günstiger produziert werden kann. David Stickelberger mag recht haben mit der Bemerkung, wir könnten heute auf der Hälfte unserer Dachflächen mehr als den halben Stromverbrauch decken. Aber in dieser Aussage könnten/sollten zwei oder drei Elemente untergebracht werden, welche die Aussage relativieren: «übers Jahr gerechnet» und: «nur». Und es könnte dieses Element eingebaut werden: «wenn der ganze Strom für den Ersatz der unsauberen Produktion nützlich ist», das Problem, auf das HP.G. zu Recht hinweist.
Peter Vogelsanger, am 10. Februar 2017 um 11:31 Uhr
"Je mehr Solarstrom wir produzieren desto ... » wichtiger werden Speicherlösungen.
Matthias Wiesmann, am 13. Februar 2017 um 15:56 Uhr

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