Malalai Joya: Ausserordentliche Kämpferein für Menschen-, insbesondere Frauenrechte in Afghanistan © Rodrigo Guim

Malalai Joya: Ausserordentliche Kämpferein für Menschen-, insbesondere Frauenrechte in Afghanistan

«US-Rückzug aus Afghanistan ist eine Täuschung»

Red. / 01. Sep 2012 - Die Menschenrechtsaktivistin Malalai Joya über «unheilvolle Verbindungen zwischen der Regierung Karzai, der Nato und den Taliban.»

Red. Bereits seit ihrer Jugend ist Malalai Joya in Afghanistan politisch engagiert. 2005 wurde sie in die afghanische Nationalversammlung gewählt und ist damit die jüngste Person, die je ein solches Amt innehatte. Nach einer Rede im Jahr 2007, in der Joya die Zustände im Land öffentlich kritisierte, wurde die 34-jährige ihres parlamentarischen Amtes enthoben. Seitdem setzt sich die Karzai-Kritikerin international gegen die US-Besetzung sowie die Taliban und Jihaddis ein und kämpft unerschrocken für Frauenrechte.

Ihre Geschichte – ein Leben in Flüchtlingslagern im Iran und in Pakistan, 1998 die Rückkehr und ein Leben unter den Taliban, überlebte Mordanschläge – steht symptomatisch für Entwicklungen des Landes. 2009 erschien ihre Autobiografie «Ich erhebe meine Stimme» (Raising My Voice). Im Folgenden ein Interview, das Julia Mac Gowan mit Malalai Joya geführt hat.

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INTERVIEW

Die afghanische Filmregisseurin Saba Sahar sagte, dass im Land derzeit zwei verschiedene Welten existieren: Während eine neue Generation für eine liberale und offene Zukunft kämpfe, wollen streng konservative Kräfte jedes «unislamische» Verhalten bestrafen. Wie kann Ihrer Ansicht nach Frieden zwischen diesen Fronten geschaffen werden?

Malalai Joya: Momentan sind die Menschen in Afghanistan von drei Seiten eingekesselt: Von ausländischen Truppen, die unschuldige Kinder und Frauen bombardieren und töten, von Jihaddis, die für Vergewaltigungen, Entführungen und Säureattacken auf Frauen verantwortlich sind, und von den Taliban, die öffentlich Frauen auspeitschen lassen, sie exekutieren und ihre unvorstellbaren Gräueltaten fortsetzen. Die ZivilistInnen kämpfen gegen all diese Fronten.

Ein Grund, warum ich für den Rückzug der US-Truppen bin, ist der, dass sie der Bevölkerung das Leben zur Hölle gemacht haben, indem sie unschuldige ZivilistInnen massakriert und das brutale Regime Karzais unterstützt haben. Die Geschichte lehrt uns, dass sich Nationen sehr wohl selbst befreien können. Mehr noch: Demokratie und Gerechtigkeit können nicht durch ausländische Mächte aufgezwungen werden. Gerade die USA, die seit dem Zweiten Weltkrieg für eine lange Geschichte von niedergezwungenen Demokratien sowie dem Einsatz und der Unterstützung von Diktatoren in unzähligen Ländern verantwortlich sind, werden uns diesen Frieden nicht geben können.

Es wird nie eine Versöhnung zwischen den Fronten geben. Die konservativen Fundamentalisten sind bis aufs Mark misogyn, antidemokratisch und Feinde von Freiheit und Unabhängigkeit, sie sind die Todfeinde der Frauen. Von ihnen und den US-Agenten, die ihre eigenen Ziele vorantreiben, die Gesellschaft spalten und als Auslöser für einen Aufstand benutzen wollen, werden ethnische Feindschaften geschürt. Die USA können dadurch wiederum ihre Vergehen und die Ausbeutung fortsetzen bzw. die Aufmerksamkeit der Menschen von diesen Machenschaften ablenken.

Für die Menschen selbst ist das keine Streitfrage – sie sind bereit, in Frieden zusammen zu leben.

Der für 2014 angekündigte Nato-Rückzug ist eine Ihrer wichtigsten Forderungen. Welche Befürchtungen und Hoffnungen hegen Sie diesbezüglich?

Der Nato-Rückzug ist wie «Sand in die Augen» des afghanischen Volkes. Die Menschen werden getäuscht, denn die USA haben keine wirklichen Rückzugsabsichten. Vielmehr wollen sie eine «Stadt innerhalb der Stadt» errichten – so hat Noam Chomsky die US-Botschaft in Baghdad genannt. Sie haben ihr Militär und ihre Geheimdienste überall im Land stationiert, sie sind im Land, um ihre eigenen geopolitischen und ökonomischen Interessen durchzusetzen. Selbst wenn es einen Rückzug geben sollte, wird er sich auf einige wenige Tausend beschränken, die Mehrheit wird bleiben.

Weder die afghanische Armee noch die Polizei wurden zum Wohl unserer Gesellschaft aufgebaut. Sie wurden trainiert, um als Kanonenfutter zu enden, das reduziert die Zahl der Verluste in der Nato. Zudem bestehen Armee und Polizei vor allem aus kriminellen Gruppen, die mit Warlords wie Qanooni, Amrullah Saleh, Atta, Sayyaf und Dustom zusammenarbeiten. Sehr viele der Kommandanten aus Armee und Polizei begehen Verbrechen gegen die afghanische Bevölkerung, dies passiert in allen Provinzen Afghanistans.

Ja, ich bin hoffnungslos. Und ja, ich glaube, dass die Nato andere Wege finden wird, um dieses Land für ihre eigenen Zwecke zu beeinflussen. Sie werden die loyalsten Söldner in die Machtpositionen stecken. Im afghanischen Volksmund gibt es die Redewendung «Gibt es etwas Schwärzeres als Schwarz?» – und ja, in diesem Fall ist es die Zusammenarbeit von Taliban, Jihaddis und den US-Agenten, dem Iran, Pakistan etc., geschützt durch die USA. Dies wird nur noch mehr Leid, Armut und Zerstörung verursachen und könnte Afghanistan in die schwärzeste Ära seiner Geschichte stossen.

Wie sehen Sie die derzeitige Situation von Frauen in Afghanistan? Was hat sich verbessert, was verschlimmert?

Die Rede von der «Verbesserung von Frauenrechten» ist ein schmerzhafter und lächerlicher Witz auf Kosten der am stärksten von Leid geschüttelten und unterdrückten Frauen dieser Welt. Für gebärende Frauen ist Afghanistan das schlimmste Land, laut dem «State of the World’s Mothers» Report von 2011 sterben hier täglich fünfzig Frauen bei der Geburt.

Ich kann Ihnen zahllose Beispiele von Mädchen und Frauen geben, die Opfer häuslicher Gewalt oder von Männern ihrer Umgebung vergewaltigt und getötet wurden, oder von Mädchen und Frauen, die sich selbst verstümmeln oder Selbstmord begehen, um etwa einer gewalttätigen oder Zwangsehe zu entkommen. In den Medien wird nur wenig darüber berichtet, da diese in den Händen der misogynen Verbrecher sind, die alle JournalistInnen, die solche Berichte veröffentlichen, töten oder mit Morddrohungen zum Schweigen bringen.

Wurden Frauenrechte vereinnahmt, indem sie als Grund für eine militärische Intervention vorgeschoben wurden? Und wie distanzieren Sie sich von Diskursen, die dem Islam pauschal Frauenfeindlichkeit unterstellen?

Der Kampf gegen die Unterdrückung von Frauen war immer ein Propagandawerkzeug, um international für die Besetzung durch die USA und Nato Stimmung zu machen und diese zu verteidigen, das bestätigen sogar Wikileaks-Dokumente. Fakt ist, dass nun die Situation für Frauen viel schlimmer als vor elf Jahren ist.

Die Fundamentalisten beziehen sich auf gewisse Diskurse und Suren im Islam und rechtfertigen so die inhumane Behandlung von Frauen.

Die Parlamentarierin Fawzia Kofi befürchtet, dass eine Aussöhnung mit den Taliban eine «Talibanisation» von Afghanistan zur Folge hätte. Wie kann man – auch angesichts der jüngsten Ereignisse, die einen Anstieg der Gewalt erkennen lassen – mit diesen neu erstarkten Kräften umgehen?

Seit der Bildung dieses Mafia-Regimes 2001 sitzen frühere Taliban in der Regierung wie zum Beispiel Mullah Zaeef, Mullah Rakiti oder Motawakil. Sie verüben Verbrechen am Volk, vor allem an Frauen, und dies straffrei und durch Immunität geschützt. Aber nicht nur die Taliban, sondern auch Mitglieder der kriminellen Gulbuddins-Partei sind in der Regierung und stellen die sogenannten Technokraten, Minister, Botschafter, Gouverneure, Kommandanten etc.

Karzai ist einer der Hauptverhandler zwischen den USA und den Taliban. Um letztere zu besänftigen, unterstützt er viele frauenverachtende Ulemas, die sogenannten religiösen Gelehrten, in ihrem Bemühen restriktive Gesetze zu erlassen. Diese erlauben Frauen nicht, ohne Begleitung eines männlichen Familienmitglieds das Haus zu verlassen. Dadurch wird das Machtgefälle zwischen Frauen und Männern weiter vergrössert. Die Ulemas verlautbarten gerade, dass sogar Nawroz, das Neujahrsfest, unislamisch und daher verboten sei. Dabei ist dieses Fest eines der ältesten in Afghanistan und Teil unserer Kultur. Auf diesem Niveau stehen Karzai und der Verrat seines Regimes am Volk!

Dieses Regime und sämtliche politische Verantwortliche der letzten dreissig Jahre sollten entwurzelt und abgesetzt werden. Jihaddis, Taliban und die früheren Marionetten der Sowjets sollten für ihre unverzeihlichen Vergehen gegen Frauen, Kinder und Männer bestraft und vor Gericht gestellt werden. Nur unabhängige, freie, demokratische und an Frauenrechten orientierte Kräfte können Frieden und Freiheit bringen, und dies ist nur möglich durch den selbstbestimmten und andauernden Kampf unserer Gesellschaft.

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Dieses schriftlich geführte Interview erschien zuerst im feministischen Magazin an.schläge

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Die Menschenrechtsaktivistin Malalai Joya stellt sich selber vor:

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Julia Mac Gowan ist Kultur- und Sozialanthropologin sowie Lebens- und Sozialberaterin. Seit einer Rucksackreise vor acht Jahren hat sie das Afghanistan-Fieber gepackt.

Weiterführende Informationen

Zum Magazin An.Schläge
Webseite des Defense Committee for Malalay Joya

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