Etwa 100 Menschen wurden auf dem Maidan erschossen - immer noch ist unklar, von wem © ARD/YouTube

Etwa 100 Menschen wurden auf dem Maidan erschossen - immer noch ist unklar, von wem

Maidan-Tote: Zweifel an der offiziellen Version

Red. / 11. Apr 2014 - Wer schoss am Maidan auf Zivilisten? Ein ARD-Bericht nährt Zweifel an der offiziellen Version der neuen Regierung in Kiew.

Die neue ukrainische Regierung machte stets allein Ex-Präsident Viktor Janukowitsch und den russischen Geheimdienst für das Blutvergiessen auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew verantwortlich. Zwölf Mitglieder der mittlerweile aufgelösten Spezialeinheit «Berkut» wurden festgenommen und als Hauptschuldige präsentiert. Sie sollen friedliche Demonstranten erschossen haben. Doch an der Version der Justiz gibt es erhebliche Zweifel.

Nach Recherchen des ARD-Magazins «Monitor» erscheint es unwahrscheinlich, dass die tödlichen Schüsse auf Demonstranten ausschliesslich von Seiten des alten Regimes ausgingen. «Monitor» zitiert ein hochrangiges Mitglied des Ermittlerteams der ukrainischen Regierung, das die Aussagen der Generalstaatsanwaltschaft in Zweifel zieht: «Meine Untersuchungsergebnisse stimmen nicht mit dem überein, was die Staatsanwaltschaft in der Pressekonferenz erklärt hat», sagt der Ermittler, der anonym bleiben wollte.

«Gibt es da noch mehr Scharfschützen? Und wer sind die?»

Die Recherchen von «Monitor» stützen die These, dass auch die Opposition am Blutbad auf dem Maidan beteiligt war. Dem ARD-Magazin liegt ein Mitschnitt des Funkverkehrs von Scharfschützen vor, die dem Lager des mittlerweile gestürzten Präsidenten Janukowitsch zuzuordnen sind. Sie waren am Vormittag des 20. Februar auf verschiedenen Dächern im Kiewer Zentrum stationiert. Darauf ist zu hören, wie ein Scharfschütze einen seiner Kollegen über Funk fragt: «Wer hat da geschossen? Unsere Leute schiessen nicht auf Unbewaffnete.» Kurze Zeit später sagt ein anderer: «Den hat jemand erschossen. Aber nicht wir.» Und dann: «Gibt es da noch mehr Scharfschützen? Und wer sind die?» Das Gespräch hat ein ukrainischer Amateurfunker mitgeschnitten.

Schüsse nicht nur aus dem Regierungslager

Auf Videos ist ausserdem zu erkennen, dass die Oppositionellen auf der Institutska-Strasse nicht nur aus Richtung der Regierungsgebäude beschossen wurden, sondern auch vom Hotel «Ukraina», das in ihrem Rücken lag. Im Interview mit «Monitor» bestätigt das ein Augenzeuge, der sich am betreffenden Tag zwischen dem Hotel und den Regierungsgebäuden aufgehalten hatte und auf mehreren Videos auszumachen ist: «Wir wurden von vorn beschossen und auch von hinten, etwa aus der achten oder neunten Etage des Hotel Ukraina. Das waren auf jeden Fall Profis.»

Das Hotel, in dem auch Medienvertreter untergebracht waren, befand sich an jenem Tag fest in der Hand der Opposition. Es gab Einlasskontrollen, in das Hotel kam nur noch, wer einen Zimmerschlüssel hatte oder sich ausweisen konnte.

Auch die Anwälte von Angehörigen und Verwundeten erheben schwere Vorwürfe gegen die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft. Die bisherigen Ergebnisse der Ermittlungen würden ihnen fast komplett vorenthalten. Einer der Anwälte vergleicht das sogar mit den Zuständen in der Sowjetunion und unter Janukowitsch: «Die Staatsanwaltschaft ermittelt nicht richtig. Die decken ihre Leute, die sind parteiisch, so wie früher.»

Der 20. Februar war der blutigste Tag der Unruhen rund um den Unabhängigkeitsplatz in Kiew. Nach offiziellen Angaben starben allein an diesem Tag auf der Institutska-Strasse mehr als 30 Menschen.

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«Monitor» vom 10. April 2014

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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Eine Meinung

Hier der exakte Bericht eines Insiders, wie die Scharfschützenaktion am Maidan abgelaufen ist.
http://bumibahagia.com/2014/03/15/glasklare-auskunfte-durch-general-major-alexander-jakamenko-chef-geheimdienst-der-ukraine-bis-20-02-2014/
Thomas Ramdas Voegeli, am 12. April 2014 um 14:32 Uhr

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