Gratiswerbung im «Tages-Anzeiger»

Jürg Lehmann © jl
Jürg Lehmann / 29. Okt 2013 - Wie das Zürcher Blatt im Lokalteil redaktionelle Gratis-PR für neue Geschäftsideen macht.

Was haben Nicolas Haeberli und und Claudio Raneri gemeinsam? Beide sind in Zürich in Geschäftsnischen tätig, die sich im Markt durchsetzen wollen. Dafür brauchen sie Kundschaft.

Haeberli und Raneri haben Glück, dass der Zürcher «Tages-Anzeiger» sie in ihrem Bemühen breitwillig unterstützt. Haeberli hat ein Möbelsystem entwickelt, das er in einer Box verkauft. Raneri bietet im Tuk-Tuk Fonduefahrten durch Zürich an.

Der «Tagi» rührt die Werbetrommel für die beiden, allerdings nicht im Inseratenteil, in einer bezahlten Publireportage oder in einer speziellen Rubrik. Er tut es vielmehr gratis und prominent als Redaktionsbeiträge im Lokalteil mit der Publikation eines jeweils halbseitigen Porträts samt Kontaktdaten. Haeberli und Raneri stehen stellvertretend für andere aus Zürich mit neuen Geschäftsideen, denen die gleiche Gunst in Form redaktioneller Beträge gewährt wird.

Bloss: Nach welchen Kriterien wählt die Redaktion die Glücklichen aus? Wer wird berücksichtigt und wer nicht und warum? Handelt es sich um augenzwinkernde Freundschaftsdienste? Werden kleine Gefälligkeiten ausgetauscht? Die Leserschaft darf munter raten, denn die Redaktion macht ihre Auswahl-Kriterien nicht transparent.

Ein halbseitiges «Tagi»-Inserat an gleicher Stelle würde rund 13'000 Franken kosten. Man rechne! Darum dürfen sich alle, die in das Privileg redaktioneller Betrachtung kommen, freuen. Hunderten anderen, die das sicher auch gerne möchten, bleibt dieser Zugang verwehrt.

Eine andere Frage ist, wie sich solche Artikel mit der redaktionellen Ethik des Blattes vertragen. Der Journalistenkodex (Erklärung der Pflichten und Rechte) des Schweizer Presserats mahnt die Macher: «Sie vermeiden in ihrer beruflichen Tätigkeit als Journalistinnen und Journalisten jede Form von kommerzieller Werbung (...).»

In der Chefetage des grössten Zürcher Blattes muss man diesen Passus hartnäckig ignorieren, sonst hätte man die redaktionelle PR-Unsitte im Lokalteil längst abgestellt.

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Markus Seger, am 31. Oktober 2013 um 21:37 Uhr

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