Tages-Anzeiger und «Der Bund» informierten wenigstens mit einer kleinen Meldung © is

Medien schweigen ETH-Skandal weitgehend tot

Urs P. Gasche / 16. Mai 2014 - An der ETH Lausanne verfügt Nestlé über ein Vetorecht beim Anstellen von zwei Professoren. Dank der WoZ kam dieser Filz ans Licht.

Tages-Anzeiger, «Der Bund» und die NZZ informierten nur mit einer kleinen Meldung (siehe Bild). Ebenso das St. Galler Tagblatt unter der Rubrik «Schimpf und Schande». Die «NZZ am Sonntag» brachte einen 23-Zeilen-Kommentar mit dem Titel «Die ETH Lausanne ist daran, ihren Ruf zu verlieren». Radio SRF berichtete ebenfalls, nicht aber unsere «Tagesschau» oder «10vor10». Sogar in der Westschweiz haben «Hebdo», «Le Temps» und «Le Matin» die Information über diesen Vertrag komplett unterschlagen. Sowohl die ETH Lausanne (EPFL) als auch Nestlé werden im Waadtland von den Medien zuweilen wie heilige Kühe behandelt.

Viele andere Medien der Deutschschweiz informierten überhaupt nicht über den Vertrag zwischen der ETH Lausanne und dem Nestlé-Konzern, der nur dank rechtlichen Schritten der WoZ auf Basis des Öffentlichkeitsgesetzes letzte Woche bekannt wurde.

Gemäss Vertrag zahlt Nestlé via ihre Tochtergesellschaft Nestec für die beiden Professuren je eine Million Franken pro Jahr. Als Gegenleistung erhält Nestlé Einsitz in die Berufungskommissionen sowie das Recht, die Berufungen gutzuheissen. Nestlé besitzt also ein Vetorecht bei der Anstellung der zwei Professoren (siehe Link zur Kopie des Vertrags unten).

Das grosszügige Sponsoring könnte einen uneigennützigen Eindruck hinterlassen, falls Nestlé etwa eine Professur der Kunstgeschichte oder der alten Sprachen finanzieren würde. Tatsächlich aber geht es um Lehrstühle der neuen «Life Science»-Fakultät. Diese beschäftigt sich auch mit gesundheitsfördernden Nahrungsmitteln, die nach Angaben Nestlés ein Marktpotenzial von 100 bis 150 Milliarden Dollar pro Jahr haben. Zum Beispiel werde an der «Life Science»-Fakultät erforscht, wie bestimmte Nahrungsmittel und Nahrungsmittelzusätze die Entwicklung des Hirns beeinflussen, hatte Nicolas Henchoz, heute Adjunkt des ETH-Präsidenten, im Jahr 2006 als ETH-Pressesprecher gegenüber der WoZ erklärt, nachdem die Zusammenarbeit mit Nestlé publik wurde.

ETH Lausanne hat die Öffentlichkeit zweimal angelogen

Henchoz beteuerte damals, Nestlé erhalte kein Mitspracherecht, was die einzelnen Forschungsprojekte, die Besetzung der Lehrstühle und die Publikation der Forschungsergebnisse angeht. Die akademische Freiheit sei also gewährleistet. Die ETH Lausanne weigerte sich damals allerdings, den Vertrag mit Nestlé zu veröffentlichen.

Erste Lüge: Der jetzt veröffentlichte Vertrag gewährt Nestlé bei Forschungsprojekten sehr wohl ein Mitspracherecht: Die Nestlé-Tochter Nestec darf sogar die Hälfte des Gremiums besetzen, das über die Vergabe von jährlich 2-4 Millionen entscheidet, die Nestlé zusätzlich zu den beiden Professuren für konkrete Forschungsprojekte spendet. Laut ETH Lausanne hat dieses Gremium bisher 9,7 Millionen vergeben.

Zweite Lüge: Bei der Anstellung der beiden von Nestlé finanzierten Professoren hat Nestlé nicht nur ein Mitspracherecht, sondern sogar ein Vetorecht. Nestlé muss die Berufungen der Universität gutheissen.

Die WoZ fragte den heutigen Adjunkten von Universitäts-Präsident Patrick Aebischer, warum er damals 2006 gelogen habe. Nicolas Henchoz antwortete, man könne «achtjährige, aus dem Zusammenhang gerissene Aussagen leicht missverstehen». WoZ-Autor Marcel Hänggi beteuert allerdings, dass es damals «keinen missverständlichen Zusammenhang» gegeben habe.

ETH Lausanne: «Interessen des Mäzens berücksichtigen»

Gegenwärtig sitzen auf diesen «Nestlé»-Lehrstühlen Professor Johan Auwerx (seit 2008) und Assistenzprofessor Johannes Gräff (seit 2013). Beide beteuern, dass sie ihre Forschung völlig unabhängig von Nestlé betreiben. Die WoZ aber frägt: «Können Lehrstuhlinhaber unabhängig über ein Thema forschen, das für Nestlé kommerziell höchst interessant ist, wenn ihre Einstellung Nestlés Plazet erfordert hat und für ihre Forschung Geldtöpfe zur Verfügung stehen, über die Nestlé wacht?» Die ETH Lausanne habe geantwortet: «Das ist unsere Politik. Es ist im Interesse der Hochschule, keinen Professor einzustellen, der den Interessen des Mäzens diametral entgegensteht, damit die Zusammenarbeit in einem Win-win-Geist funktioniert, ohne dass dadurch Forschungsfreiheit beeinträchtigt würde.»

Der heutige ETH-Mediensprecher Jérôme Grosse hält den Vertrag für «unproblematisch» und behauptet, es handle sich um einen «Standard-Vertrag», wie ihn auch andere Universitäten in der Schweiz und Europa verwenden würden.

Präsident der ETH Lausanne in einem Nestlé-Verwaltungsrat

2011 gründete Nestlé die Tochtergesellschaft «Nestlé Health Science». Deren Forschungsabteilung hat sich im ETH-Campus eingemietet und ETH-Präsident Aebischer liess sich in den Verwaltungsrat der «Nestlé Health Science» wählen. So weht der Win-win-Geist in Lausanne weiter.

Aufdeckung dank Öffentlichkeitsgesetz

ETH und Universitäten weigerten sich bisher stets, ihre Geschäfte mit Konzernen und Stiftungen im Internet offenzulegen. Sie stellen die Öffentlichkeit mit Beteuerungen (und Lügen) zufrieden, die Unabhängigkeit der Forschung sei in keiner Weise tangiert.

Marcel Hänggi von der WochenZeitung WoZ war der einzige Schweizer Journalist, der Fakten statt Beteuerungen forderte. Gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz beantragte die WoZ Anfang 2012 bei den beiden Eidgenössischen Technischen Hochschulen in Zürich (ETHZ) und Lausanne (EPFL) Einsicht in mehrere Dokumente. Die Hochschulen lehnten die Gesuche ab, weil das öffentliche Interesse weniger wichtig sei als das Geschäftsgeheimnis. Die WoZ zog den Fall an den Eidgenössischen Öffentlichkeitsbeauftragten Hanspeter Thür weiter. Dieser empfahl Ende Februar 2014, die Dokumente offenzulegen. Die beiden ETH akzeptierten diesen Entscheid und wollten es nicht auf einen Gerichtsfall ankommen lassen.

Erst jetzt, dank der Einsichtsgesuche aufgrund des Öffentlichkeitsgesetzes, veröffentlicht die ETH Zürich eine Liste aller privat unterstützten Lehrstühle.

Medien schweigen

Dieser Erfolg für die Pressefreiheit war den grossen Schweizer Medien keine Zeile wert. Die «NZZ am Sonntag» kommentierte sogar eher bedauernd: «Auf Drängen der WoZ hat die ETH Lausanne einen Kooperationsvertrag mit dem Nestlé-Konzern veröffentlichen müssen.».

Ebenso wenig war es den grossen Schweizer Medien eine Zeile wert, dass die ETH-Lausanne die Öffentlichkeit vor acht Jahren angelogen hatte. Viele Medien scheinen solche Lügen als nichts Aussergewöhnliches, sondern als etwas Normales anzusehen.

Jede Infosperber-Leserin und jeder Infosperber-Leser kann sich jetzt selber eine Meinung bilden, ob Tagesschau, 10vor10 sowie Zeitungen über diese erzwungene Veröffentlichung dieses Vertrags zwischen der ETH Lausanne und Nestlé nicht hätten ausführlich berichten sollen.

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KOPIE DES VERTRAGS ETH LAUSANNE - NESTLÉ

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Bei der Universität Zürich gab ein Vertrag mit der Grossbank UBS zu reden: Die NZZ aber schwieg. (Infosperber am 3.12.2013)

Appell gegen Wissenschafts-Sponsoring der UBS. (Infosperber am 2.3.2013)

Kopie des Rahmenvertrags zwischen der Universität Zürich und der UBS

Liste der privat unterstützten Lehrstühle der ETH Zürich und der ETH Lausanne

Kommentar dazu von Marcel Hänggi: «Geheimverträge und Paternalismus statt Transparenz»

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NACHTRÄGE

Aufsichtsratspräsident Fritz Schiesser meldet sich: «Vetorecht Nein, Mitsprache ja», Infosperber am 16.5.2014

Tages-Anzeiger und «Der Bund» greifen das Thema erst gross auf, nachdem Aufsichtsratspräsident Schiesser das Vetorecht von Nestlé kritisierte: «ETH-Aufseher spricht Machtwort zu Nestlé-Vertrag», 17.5.2014. Schiesser, der auch im Stiftungsrat der «Avenir Suisse» sitzt, verteidigt das Mitspracherecht von Nestlé.

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Podiumsdiskussion in Basel: «UNIVERSITÄTEN ALS PARTNER ODER SPIELBALL DER WIRTSCHAFT?» im Rahmen des «Bildrausch Filmfestival Basel» mit der Dokfilm-Première «At Berkeley», ein Film, der sich mit dieser Thematik befasst:

Sonntag, 1. Juni 2014, 17.00 Uhr, Literaturhaus Basel, Eintritt frei.

Teilnehmende: Antonio Loprieno, Rektor der Universität Basel und Präsident der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten; Matthias Daum, Journalist «Die Zeit»; Ursula Pia Jauch, Professorin für Philosophie und Kulturgeschichte an der Universität Zürich und Initiantin des «Zürcher Appells»; Susan M. Gasser, Professorin in Molekularbiologie und Direktorin des Friedrich Mieschers Instituts, Basel.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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2 Meinungen

Tatsächlich: die Westschweizer Medien schonen die EPFL über alle Massen. Weiteres, krasses Beispiel: Dieser Tage war EPFL-Präsident Aebischer während einer ganzen Stunde (!) Vormittags-Gesprächsgast bei Radio RTS La Première; die sonst aufmüpfigen RTS-Journalisten erwähnten dabei den ominösen Nestlé-Vertrag kein einziges Mal ...
Toni Koller, am 16. Mai 2014 um 20:06 Uhr
Die Feststellung von Urs P. Gasche, dass die Schweizer Medien den Nestlé/EPL-Fall weitestgehend totschweigen, kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Als Mitautor eines von der Gruppe kontrapunkt erarbeiteten Konzepts mit Regeln für legitimes Universitätssponsoring habe ich Thomas Zemp, der im Tagesanzeiger vom 29. April einen guten Beitrag zur Kontroverse im Zürcher Kantonsrat über das UBS-Sponsoring verfasst hatte, am selben Tag angeschrieben und ihm die vollständige, teilweise oder veränderte Publikation unseres Textes angeboten, der auf der Website von kontrapunkt einsehbar ist: http://www.rat-kontrapunkt.ch/wissenschaft/wissenschaft-kontrapunkt-texte/universitatssponsoring-im-spannungsfeld-zwischen-offentlichen-und-privaten-interessen/

Da im Gegensatz zu vielen früheren Kontakten mit Redaktoren des TA (und manchen aus meiner Feder akzeptierten oder sogar angefragten Beiträgen) jegliche Reaktion ausblieb, erinnerte ich Thomas Zemp - mit Kopie an die Redaktion allgemein - anlässlich der kurzen TA-Meldung zum Nestlé/EPFL-Fall kurz daran. Doch wiederum blieb jede Reaktion aus. Vielsagendes Schweigen als stilloses Symptom des journalistisches Konformitätsdrucks?

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Dr. Peter Ulrich, Prof. em. Universität St. Gallen
Email: peter.ulrich@unisg.ch
http://www.alexandria.unisg.ch/Personen/Person/U/Peter_Ulrich
Peter Ulrich, am 16. Mai 2014 um 23:21 Uhr

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