Szene aus der TV-Serie «Am Scheideweg der Geschichte» © CCTV
Szene aus der TV-Serie «Am Scheideweg der Geschichte» © CCTV

Made in China: Pilcher politisch

Peter G. Achten / 06. Okt 2014 - Parteigeschichte als Doku-Soap: Eine neue chinesische TV-Serie erzählt vom Leben und Wirken des grossen Reformers Deng Xiaoping.

Chinas Politik der Reform und Öffnung steht mit dem Parteiplenum im Oktober an einem Scheideweg. Wohl nicht ganz zufällig trägt eine TV-Serie über den «Architekten der Reform», Deng Xiaoping (1904–1997), den Titel «Am Scheideweg der Geschichte». In 48 Folgen wird Dengs Weg vom Sturz der ominösen, kulturrevolutionären «Vierer-Bande» im Oktober 1976 bis ins Jahr 1984 nachgezeichnet, als die Politik der Wirtschaftsreform und Öffnung hin zum «Sozialismus mit chinesischen Besonderheiten» in vollem Schwunge war.

Die Fernsehserie ist spannend, unterhaltend und in einigen Aspekten auch überraschend. Einige sensible historische Vorfälle während dieser Zeit werden zum ersten Mal im chinesischen Fernsehen gezeigt und beschrieben. Auf dem ersten Kanal des Zentralfernsehens CCTV ausgestrahlt, ist die Serie ein durchschlagender Publikumserfolg, vor allem bei Chinesinnen und Chinesen jener Generation, die noch die Kulturrevolution (1966–76) und den Beginn der Reform in den 1980er-Jahren miterlebt hat. Ein Blogger auf Sina-Weibo meint gerührt: «Ich bin so glücklich über die Serie. Mein Sohn lernt daraus, wie wir damals gelebt haben und dass der gegenwärtige Wohlstand hart erarbeitet worden ist.»

Für Zuschauer und Historiker überraschend

Fünf Jahre lang wurde am 48-Teiler unter Aufsicht des Literatur-Forschungszentrums des Partei-Zentralkomitees gearbeitet und gedreht. Kostenpunkt: für chinesische Verhältnisse happige 120 Millionen Yuan (umgerechnet 18 Millionen Franken). Einige Darsteller, so berichteten die Medien gerührt, hätten gar auf ein Honorar verzichtet, weil es eine grosse Ehre sei, in diesem historischen TV-Epos mitzuspielen. Ob auch der Darsteller von Deng Xiaoping auf seine Gage verzichtet hat, ist nicht bekannt. Die Hauptrolle ist mit dem 59-jährigen TV- und Filmstar Ma Shaohua gut besetzt, auch wenn er die historische Figur fast um einem Kopf überragt. Deng Xiaoping war nur 1.52 Meter gross, während es Ma Shaohua auf vergleichsweise stattliche 1.72 bringt. Ma stammt wie Deng aus der Provinz Sichuan und parliert in der Serie mit einem Sichuan-Akzent.

Mit der Filmpremiere in der Grossen Halle des Volkes in Peking wurde der 110. Geburtstag von Deng gefeiert, der auf den 22. August fällt. Inhaltlich gibt es einige Überraschungen für die Zuschauer und für parteipolitisch korrekte Historiker. So sagt etwa Maos Gefolgsmann und spätere Nachfolger Hua Guofeng im Film, Mao habe den Fall der berüchtigten Vierer-Bande noch vor seinem Tode geplant. Die Vierer-Bande wurde von Maos Frau Jiang Jing angeführt. Nach 1976 wurde Hua Schritt für Schritt vom Reformer Deng ausmanövriert. Auf Maos Klassenkampf folgte die Politik der Öffnung nach Aussen und der Wirtschaftsreform. Regisseur Wu Ziniu sagt: «Wenn ich in der Vergangenheit eine solche TV-Serie hätte machen wollen, wäre das, so fürchte ich, fast unmöglich gewesen.»

Ebenfalls erstaunlich ist die historisch korrekte Darstellung von Parteichef Hu Yaobang im Film. Der damals im Volk beliebte Hu war lange Zeit Wunschkandidat Deng Xiaopings als potenzieller Nachfolger. Nach ersten Studentenunruhen in der Provinz Anhui Anfang 1987 wurde er jedoch von Deng des höchsten Parteiamtes enthoben, weil er zu viel Sympathie für die unruhige intellektuelle Jugend gezeigt hatte.

Tiananmen 1989 bleibt politisches Tabu

Die Studentenproteste von Anhui werden jedoch im 48-Teiler nicht gezeigt, ebensowenig die Proteste von Intellektuellen, Arbeitern, und Parteikader auf dem Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens Tiananmen im Juni 1989. Die Serie endet im Jahr 1984, fünf Jahre bevor Deng Xiaoping nach einigem Zögern den Einsatz der Armee zur Räumung Tiananmens befahl. Deng wollte damit seine Wirtschaftsreform und Öffnung nach Aussen retten und «Chaos» verhindern. Drehbuchschreiber Long Pingping vom Literatur-Forschungsinstitut der Partei erklärt gegenüber der amtlichen Nachrichten-Agentur Xinhau (Neues China): «Die Geschichte nach 1984 ist zu komplex, um nachgezeichnet zu werden. In einem Buch könnte man das beschreiben, aber zum Dramatisieren wäre das ganz einfach zu schwierig.»

In einem Kommentar der «Global Times» – einem Ableger des Sprachrohrs der Partei «Renmin Ribao» (Volkszeitung) – wird die Deng-TV-Serie im chinesischen Kontext erstaunlich selbstkritisch als «signifikanter Fortschritt» gepriesen und angemerkt: «Einige Themen, welche die TV-Serie nicht anspricht, bleiben diffizil.»

«China Daily», offizielles englischsprachiges Organ der Regierung, beurteilt das TV-Spektakel als «Durchbruch in der Diskussion um alte neuralgische Themen der Geschichte». In Zeiten eines breiten Zugangs zum Internet, fügt China Daily hinzu, «werden manche politische Tabus durch offene Diskussionen abgelöst». Was Tinanmen 1989 betrifft, ist das Thema in China noch immer absolut tabu. Dazu «China Daily»: «Andere heikle Themen in Chinas Geschichte werden wahrscheinlich dereinst auch zur Diskussion gebracht, doch das wird zur richtigen Zeit geschehen.» Das werde einen harmonischen Effekt auf die Bevölkerung haben, «weil sie spüren wird, dass ihre Meinungen angehört und respektiert werden». Die Bevölkerung, vor allem aber Journalisten und Internet-Blogger, warten nun auf die im Kommentar angekündigte «richtige Zeit».

Brücke zur Gegenwart

Von Deng Xiaoping profitiert jetzt Staats- und Parteichef Xi Jinping. Seit knapp zwei Jahren im Amt, hat Xi sich als starker, überzeugender Reformer profiliert. Kurz vor dem entscheidenden Parteiplenum im Oktober ist der Glanz von Reformer Deng, der jetzt auf seinen Nach-Nach-Nachfolger Xi fällt, politisch durchaus erwünscht, wenn nicht gar provoziert. Wu Hui, Professor an der Parteihochschule meint, dass die TV-Serie zu einer Zeit komme, wo Chinesinnen und Chinesen grosse Hoffnungen in die Führung von Xi Jinping legten. Xi habe bewiesen, dass er alte Probleme wie Korruption oder grosse Einkommensunterschiede effektiv lösen könne. Deshalb hätte das Volk, so Professor Wu, «Hoffnung, dass Xi wie Deng handeln und ein neues Kapitel für die Nation aufschlagen wird».

Geschichtsprofessor Yuan Wuzhen aus Xi’an bringt es noch präziser auf den Punkt: «Reformen sind in eine komplizierte Phase getreten. Wir können viel Nützliches von Dengs Theorie und Praxis lernen.» Das Parteiblatt «Renmin Ribao» (Volkszeitung) schreibt, das Xis Reformanstrengungen viel mit Dengs Vision zu tun haben und formuliert deshalb chinesisch-poetisch: «Einige Leute sagten in der Vergangenheit: ‹Wenn es Entbehrung auf dem Weg gibt, denke an Deng Xiaoping.› Jetzt heisst es: ‹Wenn es Entbehrung gibt, schaue einfach auf Xi Jinping›». Die «Jugend-Tageszeitung» wiederum drückt sich in einer Kritik der TV-Deng-Serie recht pragmatisch aus: «Die Show mag vordergründig Dengs Geburtstag feiern, doch die verborgene Botschaft ist klar: Förderung der Politik der Reform und Öffnung in einem komplexen nationalen und internationalen Umfeld.»

Ein Kaiser zum anfassen

Die Meinung Ihres Korrespondenten zum Deng-Fernsehspektakel: gut gemacht, interessant, historisch erhellend, spannend. Das Publikum erfährt zudem viele persönliche Details aus dem privaten Alltagsleben des Staatsmannes. Deng wird nicht nur als Übervater der Reform dargestellt, sondern auch als liebender konfuzianischer Vater einer Grossfamilie mit Frau, Kind und Kegel. Sogar kochend am Herd ist Deng zu bewundern. Mit andern Worten: ein Kaiser zum anfassen. Der 48-Teiler ist alles in allem also – kulturell ins Deutsche übersetzt – so etwas zwischen Geschichts-Dokumentation, «Bergdoktor» und Rosamunde Pilcher.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Peter Achten arbeitet seit Jahrzehnten als Journalist in China.

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