Das Bier aus dem Hochland, das ein Schweiz-Tibeter braut. Dem Besucher hats geschmeckt. © Peter Achten

Das Bier aus dem Hochland, das ein Schweiz-Tibeter braut. Dem Besucher hats geschmeckt.

Shangri-la - Bier aus Tibet in Schweizer Qualität

Peter G. Achten / 08. Dez 2012 - Chinesen und Chinesinnen sind in den letzten zwanzig Jahren die grössten Biertrinker geworden. Ein Tibet-Schweizer mischt mit.

Im letzten Jahr wurden global 1,9 Milliarden Hektoliter Bier gebraut, 60 Millionen mehr als im Jahr zuvor. Dabei liegt China mit einem Jahreskonsum von 490 Millionen Hektolitern an der Spitze. Die Chinesen haben derart dem aus Reis und Gersten gebrauten Saft zugesprochen, dass sie ihre Position weiter ausbauen konnten.

Auf Platz zwei der Biertrinker folgen die USA mit 225 Millionen Hektolitern, gefolgt von Brasilien mit 133 Millionen und Russland mit 98 Millionen. Erst auf Rang 5 positioniert sich die Mutter aller Bierländer, Deutschland, mit 95 Millionen Hektolitern.

Aber die Deutschen können sich brüsten, Bier in China eingeführt zu haben. In der ehemaligen Kolonie Tsingtao – heute Dsingdao – sorgten vor hundert Jahren deutsche Brauer dafür, dass ihre kolonialistischen Landsleute auf der Halbinsel-Provinz Shandong nicht nach dem heimischen Gerstensaft dürsten mussten.

Tsingtao ist grösste Bierbrauerei

Das Tsingtao-Bier wurde eine Erfolgsgeschichte. Heute ist Tsingtao die grösste Bierbrauerei Chinas und weltweit die Nummer 10. Mittlerweile ist das sehr leichte Tsingtao-Bier bekannt in aller Welt, es wird in über 50 Staaten exportiert und ist von Atlanta, München, New York, Buenos Aires über Kapstadt bis Zürich erhältlich. Der Anteil des Tsingtao-Biers am riesigen Heimmarkt beträgt rund 18 Prozent. Der Markt ist sehr fragmentiert. Praktisch alle grossen ausländischen Bierbrauereien sind präsent, meist über Zukäufe lokaler Marken. Der Chinese und die Chinesin lieben – ähnlich wie der Schweizer und die Schweizerin – lokal gebrautes Bier besonders.

Ein weiterer Trend sind die zahlreich landauf, landab gegründeten Mikro-Brauereien. Meist stellen die chinesischen Brauer ein Bier her, das sich von der hauptsächlich auf Reisbasis hergestellten Massenware deutlich unterscheidet, weniger leicht ist und eher der Vorliebe der europäischen Gaumen entspricht.

Shangri-la-Bier, gebraut auf 3'200 Metern

Das Shangri-la-Bier zählt zu dieser Kategorie. Im Tibeter-Gebiet der Provinz Yunnan, nahe am Himalaya-Gebirge auf 3'200 Meter braut es ein Schweizer; will sagen ein Tibeter, der in der Schweiz geboren wurde, aufwuchs, zur Schule ging und studierte, perfekt Schweizerdeutsch spricht und in der Schweizer Immobilien-Branche arbeitet.

Shangri-la ist ein sagenumwobenes Gebiet irgendwo im Himalaya. Wo genau, ist unter Abenteurern, Forschungsreisenden und Geographen umstritten. Der Amerikaner James Hilton schrieb mitten in der Weltwirtschaftskrise zwischen den beiden Weltkriegen des letzten Jahrhunderts einen Bestseller mit dem Titel Shangri-la. Die Geschichte erzählt einen Flugzeugabsturz im Himalaya-Gebirge. Die Überlebenden können sich in ein Kloster retten, das von einem 200 Jahre alten belgischen Abt geleitet wird. Es ist die Geschichte immerwährender Harmonie. Und so hat der Name Shangri-la überlebt als Auffangbecken aller Friedens- und Harmonie-Sehnsüchte der westlichen Welt.

Adolf Hitler entsandte eigens eine Expedition ins Himalaya-Gebirge in der Hoffnung, den idealen Arier zu finden. US-Präsident Franklin D. Roosevelt benannte seinen Sommersitz Shangri-la, das heutige Camp David. Auch kommerziell wurde der Name genutzt, unter anderem von einer bekannten internationalen Hotelkette.

Es ist alles möglich geworden

Geschäftlich genutzt wird Shangri-la in grossem Stil auch heute. In der sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung ist alles möglich geworden. Nach langem Antichambrieren gewährte die chinesische Regierung vor rund zehn Jahren dem Ort Zhongdian im tibetischen Teil der Provinz Yunnan das Recht, sich Shangri-la nennen zu dürfen. Die Altstadt wurde wieder aufgebaut, ein grosses Lama-Kloster nach den Zerstörungen der Grossen Proletarischen Kulturrevolution wieder renoviert. Heute ist Shangri-la Weltkulturerbe der Unesco. Millionen von Chinesinnen und Chinesen besuchen die touristische Attraktion. Eine gut ausgebaute Strasse führt von Li Jiang aufs Hochplateau hinauf, wo auch ein moderner Flughafen – mit allem was dazugehört – gebaut worden ist. Und mitten in der Altstadt das Restaurant Soyala.

Mutter gründete das erste Waisenhaus in Tibet

Womit wir wieder beim Tibet-Schweizer wären. Soyala ist das Pendant zum Schweizer Jutzer, erklärt Songtsen Gyalzur, ein Ausdruck der Freude. Songtsens Mutter stammt aus Lhasa, der Vater wurde in Zhongdian, also Shangri-la geboren. Vater Lobsang Gyalzur, einst Lehrer, arbeitete fast vierzig Jahre in der Schweiz in einer Fabrik. Mutter Tendol Gyalzur kam vor etwas mehr als 20 Jahren zum ersten Mal zurück nach Tibet. In Lhasa gründete sie, die einst selbst ein Waisenkind war, 1993 das erste Waisenhaus Tibets mit dem Namen Toelung bei Lhasa.

1997 kam in der Provinz Yunnan das zweite Waisenhaus in Gzalthag/Kham dazu. In beiden Waisenhäusern kümmern sich Pflegeeltern um die Kinder. Tendol und Lobsang Gyalzur verbringen mehrere Monate im Jahr persönlich in den Waisenhäusern. Ein drittes Projekt in der Provinz Sichuan finanziert die Schulausbildung von bedürftigen Nomadenkindern. All diese Projekte werden von einer Stiftung geführt.

Kein lokales Bier? Also braute Songtsen Gyalzar es

Hier kommen der 39 Jahre alte Sohn Songtsen Gyalzar und das Restaurant Soyala ins Spiel. Er kam vor vier Jahren erstmals nach Shangri-la, dem Geburtsort seines Vaters. Zur Ausbildung von Waisenkindern aus der Stiftung seiner Mutter gründete er das Restaurant, wo jedes Kind eine Lehre machen kann. Bereits jetzt arbeiten die ersten Abgänger erfolgreich in Hotels und Restaurants.

Songtsen, unterdessen verheiratet mit einer Frau aus Shangri-la und Vater eines zwei Jahre alten Knaben und eines acht Monate alten Mädchens, hat, neben seinen Immobilien in der Schweiz, weitere Pläne. Weil es kein lokales Bier gab, kam er auf die Idee, ein eigenes zu brauen. Mit Hochlandgerste entstand daraus nach einigen Versuchen ein feines Bier mit dem Namen Shangri-la. Songtsen hat in der Schweiz Braukurse absolviert.

Doch irgendwie war er von seinem Hochland-Bier nicht überzeugt. Auch der angestellte chinesische Braumeister bekam es nicht in den Griff. Durch Swiss Experts fand er den pensionierten und passionierten Brauer Fredy Stauffer. Nach einigem Tüfteln im Labor fand Stauffer den richtigen Trick, in dieser Höhenlage mit den andern Druckverhältnissen und den tieferen Siedepunkten richtig umzugehen. Kam dazu, dass die Hochlandgerste anders reagiert als die Braugerste. Das in der Mikro-Brauerei hergestellte bernsteinfarbige Bier verkauft sich jetzt wie verrückt.

Ausbaupläne liegen vor

Bereits sind Pläne reif, eine Brauerei für Spezialitäten-Bier mit einem jährlichen Ausstoss von 18 Millionen Litern. Ein Grundstück von 32'000 Quadratmetern ist gesichert, die Verhandlungen mit den Lokalbehörden fortgeschritten. Das Projekt soll nachhaltig werden, erklärt Songtsen Gyalzur. So können Bauern, die ähnlich wie in abgelegenen Schweizer Alptälern ihre Felder aufgegeben haben, wieder Hochlandgerste anpflanzen. Die Brauerei sorgt zudem für Arbeitsplätze. Der Glaube und die Hoffnung der Familie Gyalzur: langsam und stetig das Los der Tibeter verbessern. Das hat unter den Exiltibetern in der Schweiz wenig Begeisterung ausgelöst. Im Gegenteil. Als Songtsen Gyalzur eine Städtepartnerschaft von Arosa mit Shangri-la anregte und auch durchbrachte, trug ihm das unter Exiltibetern heftige Kritik ein.

Biermarke Shangri-La ist jetzt rechtlich geschützt

Unterdessen hat Songtsen für sein Shangri-la-Bier von einem Cousin – ein ebenfalls in der Schweiz geborener Tibeter – eine Analyse des chinesischen Biermarktes anfertigen lassen sowie einen Businessplan aufgestellt (Infos unter: s.gyalzur@gmail.com) und schliesslich auch die Marke Shangri-la-Bier rechtlich sichern lassen. Bei einem saftigen Yak-Burger im Soyala-Restaurant schlürfen wir Schangri-la-Bier, hergestellt aus dem reinen örtlichen Quellwasser, mildem Hopfen, einer Mischung aus tibetischer Hochland- und australischer Braugerste sowie Spitzen-Hefe aus der Schweiz.

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