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Neu erschienen: Drei Bücher zur Migration

Migration als helvetische Konstante

Jürg Müller-Muralt / 05. Nov 2015 - Gleich drei bemerkenswerte Bücher beschäftigen sich mit dem allgegenwärtigen Thema Migration aus Schweizer Perspektive.

Flucht, Auswanderung, Einwanderung, Heimatlosigkeit, Exil: Migration in ihren zahlreichen Facetten ist eine historische Konstante, auch in der Schweiz. Drei jüngst erschienen Bücher widmen sich dem derzeit hochbrisanten Thema. Zwei Schweizer Autorinnen gelingt es in hervorragender Weise, unterschiedliche Formen von Migration in Romanform lebendig werden zu lassen. Ein drittes Werk geht das Thema wissenschaftlich an. Bei allen drei Büchern steht die Schweiz im Zentrum, alle drei Bücher machen klar, in welch hohem Masse dieses Land geprägt ist von der Ein- und Auswanderung.

Walser wandern durch Jahrhunderte

Stellvertretend für viele Auswandererschicksale in der Schweiz schildert Therese Bichsel in ihrem Roman «Die Walserin» eine Familiensaga über mehrere Jahrhunderte. Die Autorin beginnt ihr spannendes Buch mit der Frage aller Fragen für alle, die ihre Heimat verlassen müssen: Sollen wir wirklich gehen? Gibt es keine andere Lösung, als ins Unbekannte aufzubrechen? Die schwangere Walserin Barbara und ihr Mann Conrad stehen vor dieser Frage, nachdem sie im Lötschental wieder einmal nach einem Lawinenniedergang knapp dem Tod entgangen sind. Sie geraten aber auch aus anderen Gründen unter Druck: Das heimische Tal gibt wirtschaftlich zu wenig her, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren. Sie entscheiden sich, zusammen mit anderen, zum Aufbruch. Ums Jahr 1300 machen sie sich auf den gefährlichen und beschwerlichen Weg über die Berge ins unwirtliche hintere Lauterbrunnental im Berner Oberland.

Was aus heutiger Sicht wie eine unspektakuläre Binnenwanderung aussieht, war damals eine Reise ins Unbekannte. Die Walser gründeten den Weiler Ammerten, aber auch Gimmelwald und Mürren. Und es kamen immer mehr: «Neue Auswanderer sind eingetroffen, denn man hat in Lötschen festgestellt, dass keiner zurückgekommen ist», im Gegenteil, die Lötschentaler hatten von den Auswanderern «im vergangenen Herbst gute Kunde erhalten», heisst es im Roman. Eine Art Familiennachzug schon damals also. Im 18. Jahrhundert wurde die Siedlung aufgeben, die Ammerter liessen sich in Isenfluh nieder, hoch über dem vorderen Lauterbrunnental.

Vom Lauterbrunnental in die weite Welt

Während die Romanfigur Barbara, «Urmutter» der Ammerter, historisch nicht belegt ist, ist die im Mittelteil des Buches geschilderte Auswanderung der Ammerters im 19. Jahrhundert gut dokumentiert. Auch hier steht zu Beginn die alles entscheidende Frage: Gehen oder nicht gehen? Die Frage wird anfänglich nicht explizit gestellt, sie bohrt sich allmählich in die unter wirtschaftlicher Not leidenden Menschen. Gute Nachrichten aus dem Kaukasus von einem bereits ausgewanderten Familienmitglied befördern den Entscheid. Eine weitere Familie wandert 1879 aus. Sie produziert Käse, bringt es zu Wohlstand – und wandert nach der Enteignung im Gefolge der Russischen Revolution von 1917 erneut aus, nach Kanada.

Therese Bichsel hat ausgiebiges Quellenstudium betrieben und zitiert ausführlich aus Briefen der Auswanderer im 19. und 20. Jahrhundert. Die farbigste Figur bleibt jedoch jene Barbara aus dem Lötschental, die mit grosser Tapferkeit, Durchstehvermögen, aber auch Schicksalsergebenheit ihr hartes Leben als Auswanderin meistert. Die einfache und schlichte Sprache der Autorin passt zur Kargheit des Lebens jener Menschen, die immer wieder alles zurücklassen müssen, um andernorts wieder von vorne zu beginnen. Der in Unterseen bei Interlaken lebenden Therese Bichsel ist ein mit viel Berner Oberländer Lokalkolorit gespicktes literarisches Denkmal von Schweizer «Wirtschaftsflüchtlingen» gelungen.

Wagemutige Rettungsaktionen

Um eine andere Art von Migration, nämlich um politische Flüchtlinge, geht es im Roman von Eveline Hasler: «Stürmische Jahre. Die Manns, die Riesers, die Schwarzenbachs». Die drei Namen stehen für die Personengruppen, um die sich alles dreht: Thomas Mann und seine Kinder Erika und Klaus, die als politisch Verfolgte in der Schweiz Aufnahme fanden, das Theaterdirektorenpaar Ferdinand Rieser und Marianne Rieser-Werfel und die Fabrikantenfamilie Schwarzenbach.

Eveline Hasler entreisst vor allem das heute wenig bekannte Ehepaar Rieser der Vergessenheit. Ferdinand Rieser als Besitzer des damals privaten Theaters am Pfauen, heute Schauspielhaus Zürich, hat zusammen mit seiner Frau in den dunklen Dreissigerjahren des 20. Jahrhunderts ausserordentlichen Mut gezeigt: Die beiden haben berühmte und in Deutschland verfolgte Theaterleute um sich geschart, Wolfgang Langhoff, Kurt Hirschfeld, Therese Giehse, Leopold Lindtberg. Ferdinand und Marianne Rieser waren Juden und verfolgten nicht zuletzt deshalb mit grosser Sorge die Entwicklungen in Deutschland. Linke und jüdische Künstler gerieten ab 1933 rasch ins Visier der Nazis. Rieser holte viele von ihnen in zum Teil wagemutigen Rettungsaktionen in die Schweiz. Bereits ab 1933 wurden nazikritische Stücke aufgeführt. erstmals in Europa überhaupt.

Die Schwarzenbachs und die Frontisten

Mitten im Geschehen steht auch die Journalistin und Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach, Tochter einer reichen Industriellenfamilie. Sie verkehrte mit den Emigranten, vor allem mit Erika Mann, die mit ihrem Kabarett Pfeffermühle wie Riesers Theater mit künstlerischen Mitteln gegen den Nationalsozialismus kämpfte. Die Mutter von Annemarie dagegen, Renée Schwarzenbach-Wille, Tochter des Schweizer Generals Ulrich Wille, unterstützte auch finanziell die nazifreundliche Nationale Front. Gut herausgearbeitet ist auch die Figur von James Schwarzenbach, Annemaries zwielichtigem Cousin, der als Frontist eine trübe Rolle spielte und auch bei manchen Krawallen gegen Aufführungen an Riesers Theater mitmischte. Mit seiner Schwarzenbach-Initiative «gegen die Überfremdung», die 1970 abgelehnt wurde, profilierte sich Schwarzenbach dann als erster Rechtspopulistenführer der Schweizer Nachkriegszeit.

Eveline Hasler hat mit einer Mischung aus Fakten und Fiktion ein eindringliches Buch über politisch verfolgte Künstlerinnen und Künstler geschrieben. Während Therese Bichsel die Emigration einfacher Leute aus der Schweiz thematisiert, porträtiert Eveline Hasler einzelne Figuren der von den Nationalsozialisten terrorisierten geistigen Elite, die in der Schweiz Zuflucht fanden. Sie macht die von Angst und Anspannung geprägte Zeit spürbar, zeigt aber auch den Mut eines Theaterdirektors, der trotz Störaktionen und Drohungen von Rechtsextremisten nicht klein beigibt.

Jeder zehnte Schweizer ein Emigrant

Das Buch mit dem Titel «Die Schweiz anderswo – La Suisse ailleurs, AuslandschweizerInnen – SchweizerInnen im Ausland» bewegt sich thematisch im gleichen Umfeld wie der Roman von Therese Bichsel – nur als wissenschaftliches Werk. Es vereinigt Dokumente und Referate eines Symposiums von 2012. Das Buch behandelt unterschiedlichste Aspekte der Schweizer Auswanderung und der Schweizer Präsenz im Ausland aus verschiedenen Jahrhunderten – und es ruft in Erinnerung, dass heute jeder zehnte Schweizer und jede zehnte Schweizerin im Ausland lebt. Dieser Sammelband belegt eindrucksvoll, wie es dazu gekommen ist und welch prägende Bedeutung die Ein- und Auswanderung in Geschichte und Gegenwart der Schweiz hat.

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Therese Bichsel, «Die Walserin», Zytglogge Verlag, Oberhofen 2015, 292 Seiten, CHF 37.90

Eveline Hasler, «Stürmische Jahre. Die Manns, die Riesers, die Schwarzenbachs», Verlag Nagel&Kimche, München 2015, 224 Seiten, CHF 25.90

Brigitte Studer, Caroline Aerne, Walter Leimgruber, Jon Mathieu, Laurent Tissot (Hg.), «Die Schweiz anderswo – La Suisse ailleurs, AuslandschweizerInnen – SchweizerInnen im Ausland», Schweizerisches Jahrbuch für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, 2015, 318 Seiten, 31 Abbildungen, CHF 58.-

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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Eine Meinung

Wer schreibt den neuen Bestseller: «Die Schweiz als Profiteur der islamischen Völkerwanderung aus Nahost» - eine helvetische Migrationskonstante. Ich werde das Buch sofort kaufen. Wer wird der Autor sein?
Beda Düggelin, am 06. November 2015 um 10:09 Uhr

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