Kamel Daoud: Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung © Claude Truong-Ngoc/Wikimedia Commons – CC BY-SA 3.0

Eine Geschichte wird neu erzählt

Aurel Schmidt / 25. Mrz 2016 - «Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung»: Kamel Daoud hat den Roman «Der Fremde» von Albert Camus fortgeschrieben.

Meursault ist weltberühmt geworden, vom Araber, den er aus Versehen oder Zufall erschossen hat, ist dagegen nicht einmal der Name bekannt.

Meursault ist die Hauptfigur im Roman «Der Fremde» von Albert Camus. Das Buch, das einen frühen Versuch unternimmt, Leere, Gleichgültigkeit, Sinnlosigkeit als Anstoss für die existenzialistische Philosophie zu definieren, ist 1942 erschienen und gehört zu den wichtigsten literarischen Werken des 20. Jahrhunderts. Ein Mensch muss darin ohne genau erkennbares Motiv sein Leben lassen, weil sein Weg sich mit Camus' Meursault an einem algerischen Strand gekreuzt hat. Er wird nur «der Araber» genannt. Wer er ist, bleibt eine offene Frage.

Der 1970 geborene algerische Schriftsteller Kamel Daoud hat sie in einem Roman «Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung» aufgegriffen und abgehandelt. Was Camus ausgelassen hat, wird hier nachgeholt.

In einer Bar bei einer Runde Wein gibt Haroun, der Bruder des Getöteten, einem nicht näher beschriebenen Gesprächspartner den Vorgang selbst und was sich seither ereignet hat wieder, eine aus vielen Erinnerungsstücken zusammengesetzte Geschichte, die sich zunehmend zu einem Bild der algerischen Vergangenheit und Gegenwart verdichtet. Vor allem führt Meursaults Opfer jetzt einen Namen: Moussa Ouled El Assase; ein Gesicht hatte er schon in Luchino Viscontis Film nach Camus' Roman bekommen.

Auch Haroun ist ein Fremder

Moussas Mutter hält sich für den Verlust ihres Sohnes Moussa an dessen Bruder Haroun schadlos, dem es unter der Dominanz der Mutter verwehrt bleibt, sein Leben selbständig zu führen. Diese Zurücksetzung hat Haroun der Mutter nie verziehen. Der Tod Moussas hat ihr Leben zerstört, aber auch sein eigenes.

Dass Daoud ergänzt, was bei Camus fehlt, ist der geniale Einfall des Buchs. Doch in dessen Verlauf rückt – ein zweites Mal, müsste man sagen – Moussa in den Hintergrund und dafür sein am Leben gebliebener Bruder mit seinen Schwierigkeiten, sich in der Welt zurechtzufinden, in den Mittelpunkt.

Mit seinem Land – mit Algerien – will Haroun nichts mehr zu tun haben. Er lebt wie ein Schlafwandler vor sich hin, wie ein Flüchtender, Gejagter. Auch er ist ein Fremder. Die symmetrische Entsprechung mit Camus' Werk ist nicht nur Leitmotiv, sondern geht soweit, dass auch Haroun einen Mord auf dem Gewissen hat, verübt an einem Franzosen, den er erschossen hat, genau wie Meursault den namenlosen Araber.

Gewalt und viele Lügen

Das ist ein willkürlicher starker Paukenschlag. Ein solcher Akt soll – nach Daoud – in den Tagen der algerischen Unabhängigkeitsunruhen ohne grössere Bedenken möglich gewesen sein. So lautet die sachliche Erklärung; Haroun war es eher darauf angekommen, der «Absurdität unserer Lage» etwas entgegenzusetzen. Womit Daoud den camusianischen Absurditätsdiskurs nach Algerien verlegt.

Zuletzt tritt Haroun aus der Gesprächssituation heraus, sitzt in einer Gefängniszelle und sieht seiner Hinrichtung entgegen, wie Meursault bei Camus. Und genau wie dieser hofft er, dass ihm, wenn es soweit ist, der Hass der Menge entgegenschlagen wird. Nur die alles andeutende Subtilität von Daouds Erzählweise macht diesen überraschenden Eklat erträglich. Haroun ist zum Schatten von Meursault geworden, zu dessen Widergänger, leider vielleicht nur um des luziden Spiels mit der spiegelbildlichen Umkehr willen. Denn indem der algerische Schriftsteller den französischen dekonstruiert, verbrüdert er sich auch mit ihm.

Interessanter ist, was Daoud durch seine Erzählfigur über die Religion sagt. Haroun will seine Skepsis, seine Kritik in die Welt hinausschreien und ausdrücken, «dass ich frei bin und dass Gott eine Frage und keine Antwort ist und ich ihm ganz allein begegnen will, wie bei meiner Geburt und meinem Tod».

Wieweit sich Harouns Ansichten im Roman und Daouds eigener Standpunkt decken, erfährt man in einem Interview in «Die Welt», in dem Daoud, nachdem sein Buch schon erschienen war, erklärte, dass er die Religion ablehne, denn sie hätte «nicht den Frieden gebracht, sondern das Gegenteil: sehr viel Gewalt, eine enorme gesellschaftliche Spaltung und viele, viele Lügen.»

Nach einem Auftritt Daouds in einer französischen Fernsehsendung hatte der wahabitische algerische Iman Abdelfateh Zaoui Hamadache eine Fatwa gegen den Schriftsteller ausgesprochen, dieser sich davon jedoch nicht beeindrucken lassen. Dass Anfang März dieses Jahres der Imam zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, kann als positive Entwicklung zu einer algerischen Zivilgesellschaft gewertet werden.

Daoud von Vorwürfen umstellt

Zuletzt hatte Daoud in einem von vielen Printmedien nachgedruckten Beitrag zur «colognisation» (ein Wortspiel mit den französischen Ausdrücken für Köln und Kolonisation: «Cologne» und «colonisation») Aufmerksamkeit erregt. Nach den Silvester-Ereignissen 2015 vor dem Kölner Hauptbahnhof warf er westlichen Exponenten vor, in den Migranten nur Barbaren sehen zu wollen, brachte aber gleichzeitig auch das verquere Verhalten zur Frau, zur Sexualität und zum Begehren im Islam zur Sprache.

Die Folge war ein Aufschrei, auch in der westlichen Welt, ausgelöst unter anderem durch ein Kollektiv von Universitären, das Daoud die Verbreitung altbekannter islamophobischer Vorurteile und Phantasmen vorwarf. So war der Schriftsteller zwischen die Fronten westlicher Demagogen und islamistischer Integristen geraten.

Was Daoud über das islamische Frauenbild sagte, ist schon oft verbreitet worden. Falsch ist es nicht; es erlaubt im Gegenteil, Einblick zu nehmen in eine Denkweisen, die für Konfliktstoff zwischen den Kulturen sorgt.

Verteidigung der Meinungsfreiheit

Es gab auch Stimmen, die für Daoud Partei ergriffen, darunter diejenige des französischen Philosophen Pascal Bruckner, der wiederholt den im Westen weitverbreiteten Schuldkomplex als überzogen zurückgewiesen hat. Für Bruckner ist europäische Kultur auch eine Kultur der Kritik und Emanzipation. In den gegen Daoud erhobenen Vorwürfen erkannte er «die Fabrikation eines weltweit geächteten Meinungsverbrechens», mit dem versucht werde, freies Denken zu verhindern.

Kritik, Auseinandersetzung, Urteilsfreiheit sind aber unteilbare Werte und verdienen um jeden Preis, verteidigt zu werden, genau wie jede Dissidenz und jeder Widerstand gegen Staat, Obrigkeit, Überwachung und religiöse Bevormundung.

Tatsächlich ruft es Verwunderung hervor, wenn Vertreter der westlichen Intelligenz verschiedene Massstäbe anwenden. Wenn sie also Freiheit, Demokratie, Diskussion, Meinungspluralismus verteidigen – oder nicht einmal das –, aber bereit sind, diese Errungenschaften im Namen des Kulturrelativismus zu übergehen, sobald die ersten Wolken am Horizont der universalen Wertvorstellungen sich zusammenziehen.

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Bibliografische Angaben

Kamel Daoud: Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung. Roman. Aus dem Französischen von Claus Josten. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2016. ca. Fr. 24.90

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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