UMA Migration Schule © angisreal/iStockphoto

«Instrumentalunterricht aber ist leider zu teuer für unsere Jugendlichen»

«Sie wollen sich eine Zukunft aufbauen»

Christoph Schlatter / 20. Jul 2016 - «Flüchtlingsströme» prägen die öffentliche Debatte. Jugendliche, allein aus der Fremde gekommen, sitzen in unseren Schulen.

Red. Menschen, die immer wieder Schlagzeilen machen, trifft Sekundarlehrerin Franziska Bischofberger jeden Tag im Klassenzimmer. Sie unterrichtet in einer Zürcher Aufnahmeklasse unbegleitete minderjährige AsylbewerberInnen, so genannte UMAs. Das Gespräch mit ihr führte Christoph Schlatter.

---

Du unterrichtest Flüchtlingskinder, die ohne Begleitung in die Schweiz gekommen sind. Wie kam es dazu?

Meine erste Stelle hatte ich an einer Sekundarschule im Zürcher Langstrassenquartier. Ich arbeitete dort mit Jugendlichen unterschiedlichster Herkunft. Viele von ihnen hatten nicht Deutsch als Muttersprache. Daher habe ich mich in dieser Zeit im Bereich interkulturelle Bildung und Deutsch als Zweitsprache weitergebildet. Es folgten fast acht Jahre in der Bildungsdirektion im Sektor interkulturelle Pädagogik. Dann war – vor zwei Jahren – wieder Zeit für Schulpraxis. Ich kam als Lehrerin in eine der neu gegründeten Aufnahmeklassen. Dort unterrichte ich derzeit 13 Kinder ab 12 Jahren mit dem Ziel, dass sie nach spätestens einem Jahr in die Regelklasse wechseln können. Was ambitioniert und nicht immer möglich ist.

Welche Herkunftsländer sind vertreten?

Die meisten meiner Schülerinnen und Schüler stammen aus Eritrea, aus Afghanistan und aus Somalia. Seit Kurzem ist auch ein Junge aus Syrien in meiner Klasse.

«Viele sind nur kurz oder schon länger nicht mehr zur Schule gegangen»

Wie muss man sich den Unterricht in einer solchen Klasse vorstellen?

Das Schwergewicht liegt natürlich auf dem Erwerb der deutschen Sprache. Ansonsten ist es ein ganz normaler Schulunterricht mit Mathematik-, Hauswirtschafts-, Handarbeits- und Sportlektionen. Die Klassen sind integriert in eine öffentliche Schule – wir sind Teil dieser Schule. Die Schulregeln, die Schulanlässe, all das gilt auch für die Aufnahmeklassen. Typisch für meine Schülerinnen und Schüler ist, dass viele nur kurz – oder schon länger nicht mehr – zur Schule gegangen sind. Einige bringen solide Bildung mit. Das heisst, dass wir im Unterricht verschiedene «Programme» anbieten müssen.

Die deutsche Sprache ist wohl der Schlüssel zu fast allem. Wenn jemand rasch Deutsch lernt, öffnen sich alle Türen. Oder?

Ich bin nicht ganz dieser Meinung. Natürlich sind Deutschkenntnisse ausgesprochen wichtig. Aber diese Jugendlichen haben nur noch sehr kurze Zeit zum «Einspuren» in unser Bildungssystem. Sie sind bereits in der Pubertät und müssen bald einen Plan haben für das, was nach der Schule kommt. Sie haben viele Fragen etwa zu Politik, Geografie, Sexualität und zum Leben in der Schweiz, die nicht warten können, bis die deutschen Sprachkenntnisse ausreichen – sie benötigen also auch Unterstützung in ihrer Herkunftssprache.

Du deutest an, dass einige nur rudimentären Schulunterricht besucht haben.

Die Unterschiede sind ungemein gross. Eine 15-Jährige aus Somalia besucht hier zum ersten Mal eine Schule. Sie lernt, wie eine Erstklässlerin, Rechnen, Schreiben, Lesen und ist entzückt, dass sie mit den gelernten Buchstaben plötzlich auch Texte in Somali lesen kann – eine Sprache, die ebenfalls in lateinischer Schrift geschrieben wird. Einiges beherrscht sie schnell, trotzdem wird sie unmöglich altersgerecht eine Sek-Regelklasse besuchen können. Was also?

Es gibt auch Jugendliche, die das schaffen?

Ein 14-Jähriger aus Afghanistan hat nur zwei Jahre regulären Schulbesuch in seiner Heimat hinter sich, hat Selbststudium zu Hause betrieben, lernt diszipliniert und kommt rasch voran. Er konnte nach einem Jahr in die zweite Sekundarklasse übertreten. Für Schülerinnen und Schüler, die eine gute schulische Bildung mitbringen, ist es am einfachsten, in einer Regelklasse Fuss zu fassen. Weil wir erst seit anderthalb Jahren mit unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden arbeiten, haben wir an unserer Schule aber noch wenig Erfahrung mit Übertritten in die Regelklasse.

«Dass man sich selber organisieren kann, dass man individuell Hilfe bekommt, wenn man etwas nicht verstanden hat, ist für viele neu»

Bei so unterschiedlichen Voraussetzungen stelle ich mir das Unterrichten sehr schwierig vor. Eigentlich müsstest du 13-mal ein Individualprogramm fahren …

… was natürlich unmöglich ist. Wir leiden ein wenig darunter, dass wir nicht allen gerecht werden können. Allerdings hat eine Lehrerin an einer stark durchmischten 25-köpfigen Regelklasse ähnliche Schwierigkeiten. Für meine Klasse gilt, dass auch diejenigen mit Schulerfahrung eine ganz andere Schule kannten als die unsere. Nämlich: 50 Kinder auf engem Raum. Ein Lehrer, der an der Tafel doziert. Und wer nicht mitkommt, sitzt still und schweigt. Dass man sich selber organisieren kann, dass man individuell Hilfe bekommt, wenn man etwas nicht verstanden hat, ist für viele neu. Ich stelle fest, dass die schiere Dauer des früheren Schulbesuchs gar nicht so aussagekräftig ist; manche haben auch aus langer Schulzeit wenig mitgenommen, andere – Kinder aus Afghanistan beispielsweise – haben zuweilen privat oder in Untergrundschulen gelernt.

Die Schülerinnen und Schüler haben eine Flucht hinter sich, haben möglicherweise Traumatisierendes erlebt, sind jedenfalls längere Zeit ohne die Sorge und Behütung gewesen, auf die sie in ihrem Alter angewiesen wären. Wie wirkt sich das auf den Unterricht aus?

Sehr häufig wird über Kopf- oder Bauchschmerzen geklagt. Immer wieder kommt es vor, dass jemand müde und überhaupt nicht aufnahmefähig ist. «Ich habe Stress», sagen sie dann. Das kann Heimweh bedeuten. Oder ein Problem mit dem Asylverfahren. Oder Angst. Einige besuchen eine spezielle Traumagruppe. In der Schule sprechen wir die Fluchtgeschichte nicht gezielt an. Nachbohren könnte dazu führen, dass Dinge hervorbrechen, die wir nicht aufzufangen vermögen. Wir sind in der Schule vielmehr auf das Hier und Heute bezogen. «Was hast du gestern gemacht?», «Wie geht es dir?» oder «Was hast du heute gegessen?» sind meine Fragen.

«‹Ich habe Stress›, sagen sie dann. Das kann Heimweh bedeuten. Oder ein Problem mit dem Asylverfahren. Oder Angst.»

Wie wohnen und leben «deine» Jugendlichen?

Sie befinden sich sozusagen in einem permanenten Klassenlager, sowohl jene, die in der Wohngemeinschaft in Leutschenbach wohnen, als auch jene aus der Messehalle Oerlikon. An beiden Orten werden sie zwar sozialpädagogisch betreut, aber es wird ihnen für ihr Alter ein grosses Mass an Selbständigkeit zugemutet. Zudem: Andere Gleichaltrige können mal die Tür ihres Zimmers hinter sich schliessen. Solche Ruhe finden sie kaum.

Ich stelle mir dieses Leben schwierig vor. Zumal man es mit 13, 14 oder 15 Jahren eh schon nicht immer einfach hat.

Das ist sicher eine sehr anspruchsvolle Situation. Die Frage des Essens müsste man meines Erachtens anders lösen. Vier Franken für das Hort-Essen sind bei einem Tagesbudget von rund elf Franken sehr viel. Dass sie deshalb darauf verzichten, stattdessen zu Hause kochen und essen, führt dann nicht unbedingt zu gesündester Ernährung … Andererseits: Es sind sehr clevere Menschen. Sie merken schnell, wie etwas läuft, sonst wären sie gar nicht bis hierher gelangt. Sie sind mutig, gewitzt, sie fragen sich durch. Sie wissen, wo sie – manchmal auch bei Landsleuten – Unterstützung finden. Und sie sind extrem motiviert zu lernen. Sie wollen vorankommen und sind frustriert, wenn es nicht so schnell geht wie erhofft.

«Neulich, als ich nach kurzer Krankheit wieder in die Schule kam, wurde ich gleich umarmt»

Wahrscheinlich bist du eine der wenigen näheren Bezugspersonen?

Das ist sicher so. Sehr wichtig sind auch die Beistände, die durch das Asylverfahren begleiten. Wir Lehrerinnen und die Sozialpädagogen sind täglich mit den Jugendlichen zusammen. Neulich, als ich nach kurzer Krankheit wieder in die Schule kam, wurde ich gleich umarmt. Auch einige, die inzwischen die Regelklasse besuchen oder umplatziert wurden, kommen immer wieder auf einen Schwatz in ihrer alten Schule vorbei. Unsere Schülerinnen und Schüler sind erstaunlich fröhlich und lustig – und etwas anhänglicher als der Durchschnitt der Gleichaltrigen.

Und wie gehst du selber mit den spezifischen Belastungen der Situation um?

Ich habe meine Schülerinnen und Schüler sehr gern – aber das war auch in meiner Zeit als «normale» Seklehrerin nicht anders. «Nah am Leben» ist man in meinem Beruf eigentlich immer. Und politisch auch. Gewiss: Es kommen schwierige Situationen vor, in denen ich meine Bestürzung nicht verbergen kann – und nicht verbergen will. Aber ich stehe in meiner Rolle dem Ganzen auch nicht hoffnungs- und machtlos gegenüber. Ich kann denjenigen, die mir für kurze Zeit anvertraut sind, etwas mitgeben. Was mich stresst und aufzehrt, ist die Knappheit der Ressourcen. Oft bin ich am Ende einer Schulstunde oder eines Tages unzufrieden, weil ich mich nicht allen genügend widmen konnte.

Es bräuchte also mehr von allem, mehr Betreuung, mehr Lehrpersonen?

Eine höhere Betreuungsdichte wäre gut, überhaupt alles, was Konstanz ins Leben bringt. Wobei man erwähnen muss, dass schon vieles erreicht ist, dass sich hier viele Menschen einsetzen und dass sich manches auch immer besser einspielt. Ideal wäre – das spüren auch die Betroffenen selbst – eine Familie, die sie aufnimmt. In einem deutschsprachigen Umfeld könnten sie viel schneller lernen, hätten mehr Zuwendung und mehr Konstanz. Es gibt tatsächlich Familien, die ihre Bereitschaft anmelden, ein Flüchtlingskind aufzunehmen. Aber sobald sie merken, dass es sich nicht um kleine Kinder handelt, sondern um Jugendliche, ziehen sich die meisten wieder zurück.

«Aber sobald sie merken, dass es sich nicht um kleine Kinder handelt, sondern um Jugendliche, ziehen sich die meisten wieder zurück»

Es gibt doch zahlreiche Leute, die den Flüchtlingen helfen wollen.

Aber ein 14-jähriges Kind bei sich aufnehmen? Das ist viel! Ich mache an dieser Stelle immer Werbung für das Programm «Mitten unter uns» des Roten Kreuzes, das fremdsprachige Kinder und Jugendliche für zwei bis drei Stunden pro Woche mit Schweizer Gastfamilien oder auch mit Einzelpersonen zusammenbringt. Jede zusätzliche Bezugsperson, die sich hier auskennt, die einen Rat geben oder einen Kontakt vermitteln kann, ist wertvoll.

Was treiben die Jugendlichen ansonsten in ihrer Freizeit?

Es gibt Angebote, beispielsweise der Offenen Jugendarbeit Oerlikon. Der dortige Billardtisch wird stark frequentiert. Es wird auch oft Fussball gespielt. Andere betreiben Leichtathletik. Die Asylorganisation Zürich fördert diese Aktivitäten gezielt. Einer unserer Schüler hat sogar ganz selbständig herausgefunden, wo und wann der Volleyballclub trainiert und hat dann dort in der Turnhalle gefragt, ob er mitmachen dürfe. Und weil er so gut ist, lassen sie ihn gratis mitspielen.

Auch Musik könnte eine solche integrative Rolle spielen.

Wir haben eine engagierte Musiklehrerin in unserer Schule, die die Klassen eine Stunde pro Woche unterrichtet. Instrumentalunterricht aber ist leider zu teuer für unsere Jugendlichen. Gerade gestern war ich mit meiner Klasse in der Tonhalle – bei einem moderierten Schülerkonzert des Tonhalleorchesters im Rahmen des Festivals «Blickfelder», was allen Beteiligten grossen Spass gemacht und bei allen grossen Eindruck hinterlassen hat.

«Die Jugendlichen wollen eine Zukunft aufbauen – wir wissen aber alle nicht, ob sie das hier tun dürfen oder können»

Solche Geschichten wecken Hoffnung. Sind diese jungen Leute hier, um zu bleiben?

Das weiss ich nicht. Die Jugendlichen wollen eine Zukunft aufbauen: Ausbildung und dann einen Beruf lernen und Geld verdienen. Wir wissen aber alle nicht, ob sie das hier tun dürfen und können. Ich weiss nur, dass sie alle, trotz ähnlicher Situation, sehr unterschiedliche Arten von Ausweisen haben – ich wusste gar nicht, dass es so viele davon gibt. Je nachdem, ob die Stadt oder der Kanton zuständig ist, gelten auch unterschiedliche Konditionen im täglichen Leben. Ich weiss zudem, dass es neben enormem Einsatz der einzelnen auch Glück braucht, damit es zum Beispiel mit einer Lehrstelle und dem Einstieg ins Berufsleben klappt. Und das ist ihnen allen zu wünschen.

---

Dieses Gespräch ist erstmals im VPOD-Magazin, Juli 2016, erschienen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Christoph Schlatter ist Redaktor des «VPOD-Magazins».

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

Noch keine Meinungen

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein, um Ihre Meinung unter Ihrem richtigen Namen zu äussern. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User, um Missbräuche zu vermeiden. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Achtung: Die Länge der Einträge ist beschränkt und wir erlauben nicht, zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander zu platzieren. Unnötig herabsetzende Formulierungen ändern oder löschen wir ohne Korrespondenz.