Auch die Lehre kann zur höheren Bildung führen © CC ShortSword

Auch die Lehre kann zur höheren Bildung führen

Schweizer Berufslehre als Exportschlager

Heinz Moser / 12. Nov 2015 - Die Schweizer Berufsausbildung wird weltweit kopiert. Doch Bildungs-Staatssekretär Dell’Ambrogio dämpft die Begeisterung.

Die schweizerische Berufsbildung wird immer häufiger als Modell für andere Länder gehandelt. Gemäss «Blick» sind sogar die USA «scharf auf das duale Bildungssystem in der Schweiz». Erst vor einigen Wochen haben unser Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann und der US-Arbeitsminister Thomas E. Perez (53) eine Absichtserklärung zur stärkeren Zusammenarbeit in der Berufsbildung unterzeichnet.

Dass die Bäume dennoch nicht in den Himmel wachsen, hat Mauro Dell’Ambrogio, Staatssekretär für Bildung, Forschung und Innovation in einem Gastkommentar in der NZZ festgehalten. Dell’Ambrogio, notabene aus dem gleichen Departement wie Schneider-Ammann, sieht die Perspektiven nüchterner und kritisiert den missionarischen Eifer und die Hoffnung auf Prestigegewinn für die Schweiz. Diesen hätte die Schweiz mit all ihren Affären in den letzten Jahren um Steuern und Banken zwar im Wirtschaftsbereich bitter nötig. Doch für Dell’Ambrogio ist es nicht so einfach, das schweizerische Modell der Berufsbildung mit den Rahmenbedingungen andernorts in Einklang zu bringen.

Diese Vorbehalte gegen den Exportschlager der dualen Berufsbildung irritieren Alt-Nationalrat und Ökonom Rudolf Strahm. Er wirft unter dem Titel «Dissonanz auf höchster Ebene» – ebenfalls in der NZZ – dem Bildungsstaatssekretär vor, seinem obersten Chef in den Rücken zu fallen. Es sei ja bekannt, dass Dell’Ambrogio im Innersten ein Gegner der Berufsbildung sei und die Akademisierung vorantreibe. Dieser stecke in jener Akademisierungsfalle fest, die Strahm in seinen Publikationen immer wieder geisselt.

Die Erfolgsgeschichte des dualen Bildungsgedankens

Strahms jüngstes Buch zur Akademisierungsfalle geht denn auch von der These aus, dass nicht alle Jugendlichen an die Uni müssen. Der Akademisierungstrend sei schon deshalb problematisch, weil damit für die berufspraktischen Ausbildungsgänge nur noch die schulschwachen Jugendlichen übrigbleiben. Warnende Beispiele sind für ihn südeuropäische Länder wie Italien, Spanien und Portugal, wo die traditionellen Bereiche der Textilindustrie (Bekleidung, Schuhe, Lederwaren) in wenigen Jahrzehnten durch die ostasiatische Konkurrenz verdrängt worden sei. Grund dafür sei dafür auch die fehlende praktische Berufsbildung.

Es schleckt keine Geiss weg: Das duale System der Schweiz ist eine Erfolgsgeschichte – vor allem seit sich über die Entwicklung der Fachhochschulen die Karrieremöglichkeiten für all jene erweitert haben, die sich für eine Berufslehre entschieden haben. Über die Berufsmaturität und die Fachhochschulen können auch sie den Zugang zur höheren Bildung erreichen. Diese breite Palette von Bildungsgängen – akademischen und berufsbezogenen – zeichnet unser Bildungssystem gegenüber all jenen Ländern aus, welche allein ein akademisches Studium als Ziel sehen.

Die Abschottung der Universitäten

Trotzdem ist die Kritik an der Akademisierung, die bei uns immer wieder erhoben wird, einäugig. Auch die Universitäten kennen nicht nur Studienrichtungen, die berufsfern und ohne praktischen Bezug sind. Schliesslich werden Ärzte oder Juristen für ihre Berufskarriere an den Universitäten ausgebildet. In Deutschland, das ebenfalls ein duales Bildungssystem kennt, gehen sogar die Lehrpersonen in den meisten Bundesländern an die Universität und nicht an eine pädagogische Fachhochschule.

Wer die Akademisierung pauschal kritisiert, schneidet sich letztlich ins eigene Fleisch. Denn das Selbstverständnis der höheren Berufsbildung als «nicht-akademischer» Bildungsbereich wird von den Universitäten gerne aufgenommen. Denn hier wird die unliebsame Konkurrenz der Fachhochschulen gefürchtet – und man schottet sich ganz gerne gegen die mehr praktisch orientierte Konkurrenz ab. So wird gerade von der universitären Seite abgelehnt, dass die Fachhochschulen selbst Doktorate verleihen und ihren Nachwuchs damit selbst rekrutieren können. Nicht zuletzt deswegen hat die Forschung in vielen Bereichen der Fachhochschulen Mühe, sich genügend zu entwickeln, da sie nicht auf eigene Doktoranden zählen kann, die dafür eingesetzt werden können.

Es droht die Abseitsfalle

Dies alles schwächt den direkten Zugang der praktischen Bildungsgänge zur höheren Bildung. Anstatt hier verstärkte Durchlässigkeit zu schaffen, wird daran gedacht, in der eigenen höheren Berufsbildung neue Diplombezeichnungen wie den «Professional Bachelor» und den «Professional Master» zu schaffen. Doch wer ausserhalb der Schweiz wird diese Titel verstehen und anerkennen? Den Export des Berufsbildungssystems gleich noch mit solchen Titelproblemen zu belasten, unterstützt die Vorbehalte, dass dieses Modell für Länder attraktiv ist, welche eine ganz andere Bildungstradition haben.

So darf die Begeisterung für unsere Berufsbildung nicht vergessen lassen, dass es auf der Fachhochschulebene auch bei uns noch zu tun gibt – wenn die Spiesse zwischen akademischem und berufsbezogenem Bildungssystem gleich lang sein sollen. Je besser wir unsere Hausaufgaben hier machen, desto attraktiver wird auch unser Modell gegen aussen.

Vornehme Zurückhaltung hilft nicht weiter

Das schliesst dennoch nicht aus, wie der Bildungsstaatssekretär Dell’Ambrogio betont, ausländischen Bildungspolitikern unsere Erfahrungen mit der dualen Berufsbildung zugänglich zu machen. Der Stolz auf das geglückte Modell der dualen Berufsbildung sollte dabei allerdings nicht zu hasenfüssig verkauft werden. So meint Dell’Ambrogio, dass man die Begeisterung nicht «leichtsinnig anheizen» und «mit der notwendigen Vorsicht» vorgehen müsse, um die «bescheidenen Hoffnungen» realistisch einzuschätzen. Wer sein Erfolgsmodell mit so vielen Wenn und Aber präsentiert, ist wohl kein überzeugender Verkäufer seiner Sache.

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Keine

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2 Meinungen

Man beachte im Tagesanzeiger von gestern den Bericht über das missglückte vom Bund bezahlte Experiment in Sachen Berufslehre, zumal für Mädchen, in Nigeria. Es glückte so wenig wie der vor 20 Jahren im Tagesanzeiger-Magazin denkwürdig geschilderte Export der Raiffeisen-Idee nach Afrika. Das Raiffeisen-Ethos einer Dorfbank liess sich nicht auf die Stammesverhältnisse übertragen.
Pirmin Meier, am 12. November 2015 um 11:00 Uhr
Bitte entschuldigen Sie meine themenfremde Anmerkung: es passt irgendwie nicht, in Artikeln auf diesem Portal auf Amazon zu verlinken. Ich richte mich hier eher an die geschätzte Redaktion: warum nicht eine sanfte aber klare Weisung an die Schreiber der Artikel, doch bitte eher auf neutrale Quellen zu verweisen? Im vorliegenden Falle wäre dies z.B. der Eintrag in Helveticat: http://www.helveticat.ch/lib/item?id=chamo:1757722&theme=Helveticat
Thomas Bissegger, am 13. November 2015 um 08:19 Uhr

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