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Der Einfluss der Artenvielfalt auf die globale Wirtschaft wird drastisch unterschätzt. © IPBES/Tomasz Filipek, Unsplash

Weltbiodiversitätsrat gibt Unternehmen 100 Ratschläge

Daniela Gschweng /  Die biologische Vielfalt beeinflusse jedes Unternehmen – ob es naturnah wirtschafte oder nicht, warnt Ipbes.

«Alle Unternehmen sind von biologischer Vielfalt abhängig», stellt der Weltbiodiversitätsrat (Ipbes) in seinem Anfang Februar verabschiedeten Bericht «Business and Biodiversity» fest – auch solche, bei denen das nicht auf den ersten Blick so scheine. Wir erleben ein beispielloses Artensterben, das kein Unternehmen unberührt lässt.

Gesunde Natur ist die Grundlage jeder Wirtschaft. Angefangen bei fruchtbaren Böden, ausreichend sauberem Wasser und stabilen natürlichen Rahmenbedingungen. Die Natur sei immer der erste und beste Lieferant, schreibt Veronica Veneziano von der Biodiversity in Good Initiative in einem Gastkommentar zum Bericht. Die Hälfte des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) hänge von der biologischen Vielfalt ab.

Nachhaltig werden oder aussterben

«Entweder Unternehmen werden nachhaltiger, oder sie riskieren ihr eigenes Aussterben», sagt Matt Jones, einer der drei Co-Vorsitzenden des Ipbes-Berichts, gegenüber der «Süddeutschen Zeitung». Das Problem: Kurzfristig belohne der Markt Handeln gegen die Interessen der Natur. Was sich für Unternehmen finanziell lohnt, schadet der Artenvielfalt. Langfristig bedrohen sie sich damit selbst.

Es gebe zu viele Anreize, dieses «Business as usual» beizubehalten. Andererseits trage auch jedes Unternehmen eine Verantwortung, die es wahrnehmen könne, um die biologische Vielfalt – und damit sich selbst – zu schützen.

Der Bericht, an dem 80 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler drei Jahre gearbeitet haben, liefert 100 konkrete Handlungsempfehlungen. Sie reichen von Selbstverständlichem – Umweltgesetze einhalten, ambitionierte Biodiversitätsziele festlegen, Risiken, Kosten und Nutzen der Biodiversität in die Kostenplanung einschliessen – bis zu Konkretem: Monitoring-Programme aufsetzen, Lieferketten überprüfen, den Lebenszyklus jedes Produkts nachvollziehen, Partnerschaften mit Forschenden und indigenen Organisationen pflegen.

Die meisten Methoden dafür seien verfügbar und erprobt. Dennoch erfassten oder publizierten weniger als ein Prozent der Unternehmen eine Einschätzung ihrer Wirkung auf die Biodiversität. Oder breiter gefasst: Auf die Natur. So drückt es Ximena Rueda aus, die zweite der drei Vorsitzenden.

Das klingt nach viel Arbeit oder besser: hohen Kosten. Wer tut so etwas? Vor allem, wenn er der Erste damit ist und das einen Wettbewerbsnachteil bedeutet? Für die Autorinnen und Autoren des Berichts ist diese Frage klar beantwortbar: Jedes Unternehmen, das überleben will. Oder überhaupt jedes Unternehmen. Eine der zehn Kernaussagen des Berichts lautet: «Alle Unternehmen haben Verantwortung, sich mit ihren Auswirkungen und Abhängigkeiten auseinanderzusetzen.»

Was bisher nicht funktioniert hat

Freiwillige Selbstverpflichtungen, nicht messbare Industrieinitiativen, Ausgleichsmassnahmen ohne echte Schadensreduktion – Jones zählt gegenüber der «Süddeutschen» klar auf, welche Massnahmen bisher gescheitert sind.

Diese Ausführung macht auch deutlich: Es braucht rechtliche und politische Rahmenbedingngen, etwa Berichtspflichten, Kontrollen und verbindliche gesetzliche Anforderungen. Ansätze, die zum Beispiel das jüngst abgeschwächte deutsche Lieferkettengesetz oder die Umweltgesetzgebung verschiedener Länder verfolgen.

Das grösste Hindernis bleibt die Subventionspolitik: 2023 flossen laut den Autoren und Autorinnen 7,3 Billionen Dollar in ökologisch schädliche Aktivitäten, ein Drittel davon öffentliche Gelder – aber nur 220 Millionen Dollar in den Schutz der Artenvielfalt.

Würden Umweltkosten konsequent eingepreist – etwa über eine Biodiversitätsabgabe analog zur CO₂-Bepreisung – könnte sich vieles ändern. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt zum Beispiel das Konzept «Wahre Preise», True Costs oder TCA (True Cost Accounting).

Biodiversitätsverlust als Sicherheitsrisiko

Dass es sich dabei nicht um akademische Wunschvorstellungen handelt, zeigt ein Bericht, den das britische Umwelt- und Landwirtschaftsministerium (Defra) im Januar veröffentlichte .«Neben dem Klimawandel gehört der Biodiversitätsverlust zu den grössten mittel- bis langfristigen Risiken für die heimische Lebensmittelproduktion» heisst es in dem Bericht, an dem auch Geheimdienste beteiligt waren. Das Vereinigte Königreich sei abhängig von Lebens- und Düngemitteln, die es auf globalen Märkten kaufe. Obst, Gemüse und Zucker würden teilweise importiert, die Tierhaltung sei auf Sojafutter aus Südamerika angewiesen.

Ein Schub in der Umweltzerstörung würde demnach die Ernährungssicherheit gefährden. Armut und Migration würden zunehmen, die organisierte Kriminalität könnte die Situation nutzen. Sowohl innerstaatliche wie globale Konflikte würden wahrscheinlicher. Grossbritannien hat die schwindende Artenvielfalt als Gefahr für die nationale Sicherheit eingestuft.

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Zum Infosperber-Dossier:

Schmetterling Mathisa

Artenvielfalt / Biodiversität

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