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Old Trafford - Das Heimstadion von Manchester United © cc/flickr/Paolo Camera

Manchester United: Trotz Titel – Ärger der Fans

Peter Balzli /  Manchester United hat soeben zum 20. Mal den englischen Meistertitel gewonnen. Doch kaum ein Club hat so viele unzufriedene Fans.

Eigentlich wollte Duncan Drasdo nur ein ganz gewöhnlicher Fan von Manchester United sein. Jetzt ist er Geschäftsleiter des Manchester United Supporter’s Trust (MUST), der grössten Fan-Vereinigung des Clubs, und kämpft sieben Tage pro Woche gegen die Besitzer seines Lieblingsvereins. Und das kam so: 2005 kaufte ein amerikanischer Geschäftsmann namens Malcolm Glazer Manchester United. Weil er nicht genügend Geld hatte, machte er einen sogenannten «Leveraged Takeover» (fremdfinanzierte Übernahme). Er kaufte den Club – gegen den Willen der Fans – mit geborgtem Geld und lud die Schuld auf den Verein. So hatte der vormals schuldenfreie Club auf einmal 700 Millionen Pfund Schulden (zum damaligen Kurs 1,75 Milliarden Franken). Die Folge: Manchester United musste auf einmal jedes Jahr rund 60 Millionen Pfund (damals 150 Millionen Franken) Schuldzinsen bezahlen. Dann enthüllten Journalisten, dass der vermeintliche Milliardär Malcolm Glazer in Tat und Wahrheit nahezu bankrott war und sich finanziell nur über Wasser hielt, weil er sich an den Finanzen von Manchester United bediente.

Ich konnte vor dem Gewinn der 20. Meisterschaft für Manchester United in London mit Duncan Drasdo sprechen.

Duncan Drasdo, Laut dem amerikanischen Wirtschaftsmagazin Forbes ist Manchester United der wertvollste Sportverein der Welt. Ist das so?

Für mich als Fan ist es sicher der wertvollste (lacht). Aber finanziell gesehen ist das umstritten. Real Madrid und Barcelona machen mehr Umsatz. Bayern München hat auch höhere Einnahmen und ist erst noch schuldenfrei. Aber Manchester United hat die meisten Fans weltweit. Deshalb kam Forbes wohl zu diesem Schluss.

Warum hat Manchester United so viele Fans?

Dafür gibt es viele Gründe. Die Geschichte mit dem Flugzeugabsturz der Mannschaft 1958 in München. Der attraktive Fussball, der hier gespielt wird und die vielen Stars. Und nicht zuletzt: Die Premier League hat die grösste globale Aufmerksamkeit aller Fussball-Ligen. Früher hatten wir auch die beste Stimmung in den Stadien. Heute findet man in der Bundesliga indes die bessere Stimmung.

Wie bitte? Ein Engländer sagt, die Deutschen hätten die bessere Stimmung in den Stadien als die Engländer?

Ja. Die Premier League hat die Stimmung auf den Rängen ruiniert mit der Abschaffung der Stehplätze und den hohen Ticketpreisen. Das war ein Fehler. Auch wirtschaftlich gesehen, denn die Fernsehzuschauer schalten beim Fussball auch deshalb ein, weil ihnen die Stimmung in den Stadien gefällt. Es macht keinen Spass, ein Spiel am Fernsehen zu schauen, wenn ein Teil der Sitze leer bleibt. Deshalb ist es so wichtig, dass ein Verein seine Fans pflegt. Und Deutschland macht das derzeit viel besser als wir in England. Die deutschen Fans sind oft auch Miteigentümer ihres Vereins. Und deshalb können sie sich Gehör verschaffen. Deshalb gibt es in Deutschland vernünftige Ticketpreise, Stehplätze und ein Bier in der Halbzeitpause.

Es ist verrückt: Manchester United ist der populärste Fussballclub der Welt und dazu einer der erfolgreichsten. Und trotzdem sind die meisten Fans extrem unzufrieden mit den Clubbesitzern.

Ja. Denn es geht ja nicht darum, ob die Besitzer den Verein zum Erfolg führen. Manchester United war schon sehr erfolgreich, bevor die Glazer-Familie den Verein aufkaufte. Der Erfolg ist in erster Linie das Resultat der Arbeit von Trainer Alex Ferguson. Er gibt weniger Geld für Spieler aus, als Barcelona und Real Madrid. Auch die Lohnsumme seiner Spieler ist tiefer.

Warum sind denn die Glazers so unbeliebt?

Als Malcolm Glazer den Verein übernahm, war er schuldenfrei und hatte Geld auf der Bank. Nach der Übernahme hatten wir auf einmal Schulden, enorme Schulden. Bisher hat die Glazer-Familie den Verein rund 600 Millionen Pfund gekostet für Schuldzinsen und Schuldenrückzahlungen. Das ist Geld, das der Verein für Spieler, für das Stadion oder für die Fanarbeit hätte ausgeben können.

Finanzfachleute sagen, das sei eine sogenannte «fremdfinanzierte Übernahme», das sei ganz normal in der Geschäftswelt.

Fussballclubs sind nun einmal keine gewöhnlichen Firmen. Also kann man auch nicht erwarten, dass die Fans über solche Deals glücklich sind. Jene Fans, die noch Anteile am Verein hatten, wurden ja am Schluss gezwungen, ihre Aktien zu verkaufen. Das und der Schuldenberg hat viel böses Blut unter den Fans erzeugt.

Aber der Verein ist doch wirtschaftlich erfolgreich. Bestreiten Sie das?

Nein. Natürlich ist der Club derzeit wirtschaftlich und sportlich erfolgreich. Aber das ändert nichts daran, dass die Besitzer dem Verein grossen Schaden zugefügt haben und das immer noch tun.

Journalisten haben 2010 enthüllt, dass die Glazer-Familie nicht schwerreich ist, sondern mit ihrem Einkaufszentrum-Imperium finanziell am Abgrund stand und dass sie den Club gemolken haben wie eine Milchkuh.

Ja. Die Glazers haben die Einkünfte des Clubs verwendet, um ihre Schulden zurückzuzahlen. Der Club hat für dieses Geld nichts erhalten. Kein neues Stadion, keine neuen Spieler, nichts. Jedes Jahr haben sie rund 60 Millionen Pfund aus dem Verein abgesogen und dieses Geld fehlt dem Club. Ich bin überzeugt, dass die Glazers auch weiter Geld aus dem Verein rausnehmen werden, wenn die Schulden eines Tages zurückbezahlt sein sollten.

Falls die Glazer-Familie mit ihren Einkaufszentren Bankrott geht, könnte das auch Manchester United mit in den Abgrund reissen?

Nein. Das glaube ich nicht. Bis vor kurzem bestand diese Gefahr tatsächlich. Aber einerseits sind die Schulden auf dem Verein heute nicht mehr so hoch. Andererseits brachten die Glazers letztes Jahr wieder zehn Prozent der Club-Aktien an die Börse. Wenn die Familie also Geld braucht, dann kann sie einfach ein paar Aktien verkaufen und sich so Geld beschaffen.

Aber dann würden sie einen Teil der Macht über den Club verlieren.

Nein. Sie verkaufen ja Aktien an der Börse, die nur einen Zehntel des Stimmrechts einer normalen Aktie haben. So behalten sie die ganze Macht. Die Aktie an die Börse zu bringen war so gesehen eine grosse Chance, die verpasst wurde.

Wieso das?

Hätten sie alle Aktien an die Börse gebracht, dann hätten wir den Fans gesagt: Geht hin und kauft Euch die Aktien. Aber die Glazers haben nur zehn Prozent der Aktien an die Börse gebracht und diese haben nur eine Stimmkraft von einem Zehntel der normalen Aktien. Das heisst, wenn wir alle erhältlichen Aktien kaufen würden, kämen wir auf eine Stimmkraft von einem einzigen Prozent. Das ist nichts. So kriegen die Fans keinen Einfluss.

Die Firma ist auf den Cayman Islands registriert. Das klingt verdächtig nach mangelnder Transparenz.

Auf den Cayman Islands muss eine Firma praktisch nichts offenlegen. Alles bleibt intransparent. An der Londoner Börse wäre das illegal. Warum machen die Besitzer das? Weil sie wollen, dass alles geheim bleibt. Weil sie wissen, dass die Fans entrüstet wären, wenn sie die Wahrheit über die Clubfinanzen erfahren würden. Wir Fans würden gerne wissen, was in unserem Fussballclub passiert.

Möchten sie denn, dass die Fans über die Geschicke von Manchester United bestimmen?

Das ist unrealistisch. Wir wollen bloss, dass Fans einen Teil der Aktien erwerben, so dass sie einen gewissen Einfluss aufs Management ausüben können. Dass das Management die Gefühle der Fans berücksichtigt und deren Loyalität respektiert. Denn die Loyalität der Fans zum Verein ist das Wichtigste überhaupt im Fussball. Sie wird in England von Generation zu Generation weitergegeben. Sie schafft den Wert des Vereins. Aber wenn der Verein die Loyalität der Fans missbraucht, um Geld aus dem Verein zu melken, dann ist die ganze Kultur des Vereins in Gefahr.

Jetzt dramatisieren Sie.

Keineswegs. Wenn ein Verein beginnt, seine Fans, wie Kunden im Supermarkt zu behandeln, dann werden diese sich irgendwann auch so benehmen, wie Kunden im Supermarkt. Allerdings: Kein Kunde geht in den Supermarkt und singt ein Lied für seinen Supermarkt. Aber wir Fans wollen Lieder singen für unseren Verein. Bloss: Wenn die Fans merken, dass sie nur missbraucht werden, um Profite zu generieren, die dann von einem amerikanischen Geschäftsmann abgeschöpft werden, dann fühlen sie sich idiotisch und missbraucht. So hat man auch keine Lust zu singen.

Wollen Sie denn nicht, dass der Club wirtschaftlich erfolgreich ist?

Doch natürlich. Wenn das Geld in den Verein zurückfliesst in Form von Spielerkäufen, Jugendförderung oder ins Stadion oder um die Ticketpreise tief zu halten, dann ist das gut. Aber wenn die Besitzer so viel Geld wie möglich aus dem Verein herausnehmen, dann haben wir ein Problem.
Und das ist derzeit bei Manchester United der Fall?
Ja. Die Fans schauen sich etwa die Sponsoren an und haben keinerlei Bezug zu diesen Firmen. Man fühlt sich als Fan ausgebeutet und lächerlich. Wenn man hingegen sieht, dass das Sponsorengeld tatsächlich dem Verein hilft, dann wird der Sponsor von den Fans geschätzt und gemocht.

Ist die Situation bei Manchester United denn wirklich schlimmer, als anderswo?

Das Problem mit der Glazer-Familie als Clubbesitzer ist das: Es ist ein ausbeuterisches System. Die Clubführung sagt: Unsere Fans sind so loyal, da können wir die Ticketpreise noch einmal erhöhen. Aber irgendwann ist Schluss. Und wer einmal entscheidet, nicht mehr ins Stadion zu gehen, dessen Loyalität wird zerstört. Seine Beziehung zum Verein geht kaputt.

Sehen Sie hier schon Anzeichen dafür?

Sicher. Manchester United hatte früher lange Wartelisten für Saisonkarten. Die gibt es nicht mehr. Auch wenn es der Verein nicht zugibt: Sie können heute anrufen und eine Saison-Karte für die nächste Spielzeit kaufen.

Sind sie pessimistisch für ihren Verein?

Nein, aber solange die Glazers den Verein besitzen ist das, wie wenn ein Parasit ständig Blut aus einem Tier heraussaugt. Leider zeigen die Daten: Je mehr ein Verein für Spieler ausgibt, desto mehr Erfolg hat er. Und Barcelona und Real Madrid geben mehr Geld für Spieler aus. Ohne Schuldzinsen von 60 Millionen Pfund pro Jahr hätte der Verein Christiano Ronaldo wohl nicht nach Madrid ziehen lassen. Und wir könnten jetzt vielleicht Lionel Messi von Barcelona kaufen.

Sehen Sie eine Lösung?

Ja. Eines Tages werden die Glazers verkaufen. Und wenn wir dann das richtige Besitzer-Modell wählen – etwa so wie die meisten Bundesligaclubs oder die spanischen Spitzenvereine – dann bin ich sehr optimistisch.

Warum glauben sie, dass die Glazers den Club eines Tages verkaufen werden?

Alle Dynastien enden eines Tages. Geschäftsleute behalten eine Anlage nur solange, wie sie gut rentiert. Wenn sie sehen, dass der Kurs sinkt, oder wenn sie eine andere Gelegenheit sehen, die besser rentiert, dann verkaufen sie.

Und wann könnte das sein?

Wenn unter dem Nachfolger von Trainer Alex Ferguson der Erfolg ausbleibt, dann kämen die Zuschauer nicht mehr ins Stadion. Die Sponsoren bezahlen weniger, der Wert der Aktie sinkt. Wäre ich der Besitzer, würde ich dafür sorgen, dass ich dann nicht mehr Mehrheitsaktionär wäre.

Sind sie bereit zu handeln?

Ja. Wir vom Manchester United Supporter’s Trust bringen die Fans in Stellung. Die Besitzer sagen, dass der Club 659 Millionen Fans habe. Wenn die alle zwei oder drei Pfund investieren würden, dann wäre eine Übernahme einfach (lacht). Auch wenn wir nur zwei bis drei Millionen Fans finden, die bereit sind, einen kleinen Betrag zu investieren, dann sähe es nicht schlecht aus.

Nachtrag: Gelb-grüner Protest

Die Fans stiegen schon 2004 gegen den Verkauf des Vereins auf die Barrikaden, um den Verkauf an Malcolm Glazer zu verhindern. Der Slogan der Widerstandsbewegung war «Love United Hate Glazer» oder kurz LUHG. Die Rebellen tragen bis heute gelb-grün statt der Clubfarben rot und weiss. Grund: gelb-grün waren die Clubfarben von Newton Heath, jenem Verein, aus dem Manchester United 1902 hervorging.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Das Interview erschien in der Fussballzeitschrift „ZWÖLF“

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