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Bizarrer Baumschmuck: Lieferfahrer hängten Handys in Bäume von US-Städten. © Bloomberg.com

Warum vor Amazon-Lagerhäusern Handys im Baum hängen

D. Gschweng /  Anfang September machte eine skurrile Entdeckung die Runde durch die Medien. Sie sagt einiges über die Gig-Economy aus.

Wer sich Anfang September in den USA in die Nähe eines Amazon-Lagerhauses oder einer «Whole Foods»-Filiale begab, stiess auf zahlreiche Handys, die in den Bäumen hingen. Dabei handelte es sich weder um ein Kunstprojekt noch um seltsamen Baumschmuck, berichtete zuerst das US-Portal «Bloomberg». Sondern um eine raffinierte Strategie der Lieferfahrer, um Geld zu verdienen. Nebenbei zeichnen sie ein so kurioses wie trauriges Bild der Gig-Economy.

Der Trick: Auf den Handys ist die App Amazon Flex installiert, die unter anderem Aufträge für Sofortlieferungen vergibt. Genaues ist nicht bekannt, Insider sagen laut «Bloomberg», dass Amazon Flex den Standort eines Fahrers auf etwa sechs Meter genau feststellen kann. Wer am nächsten dran ist, bekommt den Auftrag und muss ihn sofort annehmen. Dafür gibt es 15 Dollar und eventuell noch ein Trinkgeld.

Nicht das erste Problem mit Amazon Flex

Andere Fahrer waren von dieser kreativen Herangehensweise wenig beeindruckt und beschwerten sich bei Amazon. Sie glauben ausserdem, dass «Betreuer» der aufgehängten Handys Gebühren von den Lieferanten verlangten, was gegen die Amazon-Regeln wäre. Amazon kündigte eine Untersuchung an, gab aber keine weiteren Kommentare ab.

Die aufgehängten Handys sind zwar das sehenswerteste, aber nicht das erste Problem mit Amazon Flex. Fahrer, die auf einen Auftrag warteten, versperrten beispielsweise bereits die Kundenparkplätze von «Whole Foods», das zu Amazon gehört. «Das Warten auf dem Parkplatz oder die Nutzung des hauseigenen WLANs ist keine effektive Möglichkeit, um seine Chancen auf eine Sofortlieferung zu erhöhen», warnte Amazon daraufhin.

Bekannt ist auch, dass Lieferanten, die keinen Führerschein oder keine Arbeitserlaubnis haben, mit Hilfe der App regelmässig die Vorschriften umgehen. Amazon Flex vergibt auch längere Touren von etwa einer Stunde, auf denen mehrere Lieferungen anfallen. Auch bei der Annahme dieser Aufträge geht es um Minuten.

Eine auf dem Handy zusätzlich installierte Software macht es möglich, alle längeren Touren sofort anzunehmen, sobald sie in der App ausgeschrieben sind. Über einen Mittelsmann, der sich bei Amazon Flex angemeldet hat und die Anforderungen erfüllt, würden die so gesammelten Touren dann an andere Lieferanten weitergegeben, gibt eine anonyme Quelle bei «Bloomberg» an. Von den 18 Dollar, die Amazon für die Ein-Stunden-Touren bezahle, gebe er zehn Dollar an einen Fahrer oder eine Fahrerin weiter, die die Liefertour dann tatsächlich machen.

Aus Tage- werden Stundenlöhner

Einen Autor von «Fortune», einem nicht unbedingt als sozialistisch bekannten Medium, erinnert dieses System an den Roman «Der Dschungel». Die Sozialreportage von Upton Sinclair prangert Ausbeutung und Elend in den Schlachthöfen von Chicago um 1900 an und endet in einem sozialistischen Pamphlet. Ganz unrecht hat er damit nicht. Die luftig untergebrachten Handys zeigen auf traurige Weise die jüngste Entwicklung der Gig-Economy.

Amazon Flex sei eine gute Gelegenheit, um sich mit dem eigenen Fahrzeug in der Freizeit noch schnell etwas dazuzuverdienen – so stellt es Amazon dar. Die Realität ist eine deutlich andere.

Viele Fahrerinnen und Fahrer haben keine oder wenig andere Verdienstmöglichkeiten. Statt als Tagelöhner verdingen sie sich für kurze Lieferfahrten. Die als Folge der Corona-Pandemie weniger ausgelasteten Taxidienstleister, die für Uber und Lyft arbeiten, versuchen derzeit ebenfalls, sich bei Amazon etwas dazuzuverdienen, was den Konkurrenzdruck unter den Auftragssuchenden erhöht. Das einzig Moderne an diesem System: Wer nicht selbst dastehen kann, lässt das sein iPhone machen.

Die aufgehängten Handys neben einer «Whole Foods»-Filiale in Chicago sind laut einem Update von «Bloomberg» inzwischen wieder verschwunden. Anscheinend hat Amazon die Programmierung der App geändert. Lieferanten, die sich weiter weg von «Whole Foods» befinden, bekommen plötzlich Aufträge, während solche, die in der Nähe wohnen, leer ausgehen, berichteten Fahrer. Um eine simple Sperrzone handelt es sich aber anscheinend nicht. Amazon gab dazu keinen Kommentar ab.


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