Wie Aktivisten Grossbritanniens Biber zurückbrachten
Ob man Biber mag oder nicht – die meisten Leute sind vermutlich irritiert, wenn einer da ist und niemand weiss, woher er gekommen ist. In Grossbritannien geschieht das regelmässig. Vor Kurzem tauchte wieder einer auf, wo eigentlich keiner erwartet wurde: In Norfolk, wo seit mehreren hundert Jahren kein Biber gesehen wurde, wurde einer gesichtet. Woher er kam, ist unklar.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts galten Biber in Grossbritannien als ausgerottet, inzwischen erholt sich die Population zusehends. Für die Umwelt sind die Biber ein Gewinn. Sie stauen mit ihren Dämmen das Wasser, sorgen für die Wiedervernässung von Feuchtgebieten und stellen damit einen natürlichen Hochwasserschutz bereit. Viele andere Arten profitieren von der sich wandelnden Landschaft und siedeln sich an.
Erfolgreiches «Beaver Bombing»
Wenn ein Biber unvermittelt auftaucht, hat das aber meist nichts mit dem guten Naturschutz der britischen Regierung zu tun. Aktivisten setzten die Tiere in Nacht-und-Nebel-Aktionen in der Wildnis aus. Nicht immer zur Freude von Ökologen, Anwohnern und Wildhütern, aber mit beachtlichem Erfolg.
Ohne das illegale «Beaver Bombing» wäre die Wiederansiedlung der Biber kaum so schnell gegangen, das erkennen selbst Experten an. «Beaver Bombing» beschränkt sich auch nicht auf Grossbritannien. Durch «Beaver Black Ops» siedelten Aktivist:innen bereits in ganz Europa Biber an. «Guerilla-Biber» tauchten in der Nähe von Rom auf, in Spanien, Portugal und auch in der Schweiz.
Mit Belgien fing es an
Als Urvater des Beaver Bombings gilt der Belgier Olivier Rubbers. 1998 lieh sich der damals 29-Jährige das Auto seines Vaters und holte damit Biber aus Bayern nach Belgien. Der Wildschützer, von dem er sie bezog, glaubte an eine legale Aktion und hatte keine Ahnung, dass Rubbers mit gefälschten Papieren hantierte, sagt er.
Die illegal eingereisten Biber begannen äusserst erfolgreich damit, Belgien zu besiedeln. Rubbers sah zufrieden zu, wie sich die Wasserwege des Landes veränderten. Die Biber verhinderten Überschwemmungen und förderten sogar den Tourismus. Die Artenvielfalt stieg.
Aktivisten nehmen die Sache selbst in die Hand
Nach rund 100 Bibern flogen er und seine Mitstreitenden auf. Das nicht genehmigte Auswildern von Tieren ist eine Straftat und wird in vielen Ländern mit Gefängnis oder hohen Geldstrafen bestraft. Rubbers wurde mit 500 Euro Strafe für den Transport einer geschützten Tierart belegt, die die Verwaltung nach seinen Angaben aber nicht einzog.
Damit hatte der Belgier die wohl günstigste Wiederansiedlungsaktion der Geschichte durchgeführt. Für viele ist der «Beaver Bandit» deshalb ein Held. «Belgien sollte mir danken», sagt Rubbers selber. Und er ist nicht allein. «Beaver Bombing» ist verbreitet und beschränkt sich nicht auf Biber. Andere Aktivisten siedeln Schmetterlinge an, weitere wollen Luchse ins schottische Hochland zurückbringen – offiziell oder inoffiziell. Es gibt geheime Netzwerke und Financiers. «Rewilding» ist zum trendigen Begriff geworden.
Frust und träge Bürokratie
In Europa gibt es derzeit etwa 1,5 Millionen Biber. Ein grosser Teil geht genetisch auf die Population in Bayern zurück. Ob das negative Auswirkungen hat, ist unklar. Ob es anders aussehen würde, wäre die Wiederansiedlung ausschliesslich in offiziellen Bahnen gelaufen, bleibt ebenfalls offen. Bayern hat nach der Wiederansiedlung in den 1960er-Jahren eine grosse Biberpopulation von mehreren zehntausend Bibern. Andere Rewilding-Projekte greifen darauf zurück.
Rubbers gibt zu, dass er damals wenig ökologisches Wissen hatte, aber ein grosses Bedürfnis zu handeln. Ein Tier dorthin zurückzubringen, wo es einst heimisch war, klang für ihn logisch. Dazu kam ein Gefühl der Dringlichkeit und grosse Frustration über die offiziellen Programme der Regierung. Ein Gefühl, das er mit zahlreichen anderen Umweltaktivisten und einigen Fachpersonen teilt.
«Rewilding» kann auch schiefgehen
Nicht immer wissen die Aktivist:innen, was sie tun. Viele Menschen kennen die Geschichte der Wölfe, die das Ökosystem des Yellowstone-Parks erfolgreich verbesserten. Die Ansiedlung von Wildtieren kann aber auch schiefgehen. Ein besonders drastisches Beispiel: In den Niederlanden verhungerten 2018 in einem Naturschutzprojekt tausende Pferde und Hirsche. Hauruck-Aktionen können zudem beträchtlichen Schaden anrichten, indem sie Krankheiten und Parasiten verbreiten oder andere geschützte Arten verdrängen.
Biber haben in dieser Hinsicht einige Vorteile. Sie sind überaus fleissig und gelten als Schlüsselspezies. Biber schaffen nicht nur ihr eigenes Habitat, sondern gestalten auch eine einladende Umgebung für viele andere Arten. Sie sorgen für saubereres Wasser und schaffen gute Laichgründe. Auch der Mensch profitiert, denn sie renaturieren Gewässer und verhindern so Überschwemmungen und Dürren.
Die Natur sei dennoch kein Öko-Disney, sagt zum Beispiel die Biologin und Autorin Alex Morss. Und die persönliche Entscheidung nicht immer die beste, so richtig sie sich auch anfühle. Morss kritisiert auch Bestrebungen reicher Landeigentümer, Renaturierung selbst zu steuern und die Öffentlichkeit dabei zu umgehen. Rewilding sei kein Hobby.
Und vielleicht ist der Biber-Boom auch übertrieben. Der Wissenschaftler Thomas Cameron, der in Essex an einem offiziellen Biber-Rewilding-Projekt arbeitet, berichtet, dass es zwar bereits weniger Überschwemmungen gebe. Biber allein könnten die Klimakrise aber nicht stoppen und das Ökosystem nicht retten.
Die «inoffizielle» Biberpopulation wächst und gedeiht
Trotz vieler Ankündigungen kämen offizielle Projekte meist kaum vom Fleck, beklagen Aktivisten und auch einige Wissenschaftler:innen. Das einzige offizielle Biber-Wiederansiedlungsprojekt in Grossbritannien begann 2009. Es kostete in fünf Jahren zwischen 1,5 und 2 Millionen Pfund, schreibt «Ecohustler». Die Population im schottischen Knapdale kann sich nicht selbständig erhalten, da sie von anderen Bibern abgeschnitten ist.
Eingesetzt werden deshalb auch Biber vom weiter östlich gelegenen schottischen Fluss Tay. Dort gedeihen Biber prächtig, weil sie entlang des Flusses und seiner Nebenflüsse ein ausgedehntes Gebiet zur Verfügung haben. Die ersten Biber wurden dort in den 1990er Jahren gesichtet. Ob sie versehentlich entkommen waren oder heimlich ausgesetzt wurden, ist unklar.
Der Biber schaffte sogar seinen eigenen Schutz
Ihre Anwesenheit machte der Politk Beine. Da die Tiere schon einmal da waren, musste man sich damit auseinandersetzen. Die Gesetzgebung zog nach. Nicht ganz ohne Konflikte – rund um den Tay liegt ausgedehntes Agrarland. Bauern töteten Biber, weil ihre Felder überflutet wurden. Die Öffentlichkeit reagierte empört. Die lokale Regierung bestand zunächst darauf, die Biber zu schützen, dann zeigte sie sich mit einer Umsiedlung einverstanden. 2019 wurden Biber in Schottland unter Schutz gestellt.
Im englischen Devon, wo Biber um 2008 auftauchten, lief es ähnlich ab. Nach einer Beobachtungsphase wurden sie 2022 in England geschützt. In Spanien, wo sich Biber ab 2003 ausbreiteten, zog sich die Diskussion, wie mit ihnen zu verfahren sei, so lange hin, dass die Population nicht mehr zu kontrollieren war. 2020 wurden sie unter Schutz gestellt.
Das Nagetier ist auch ein grosser Sympathieträger. Für Schmunzeln sorgte beispielsweise im vergangenen Jahr eine Biberfamilie, die einem Naturschutzpark in Tschechien ganze 1,2 Millionen Euro sparte. Die Biber erledigten die bereits geplante Renaturierung des ehemaligen Militärgeländes in wenigen Jahren, gratis und ganz ohne Bauplan und Bagger. Sogar besser, als es die Pläne vorgesehen hätten, zitiert die deutsche «Tagesschau» den Leiter des Schutzgebiets. Wo die Biber herkamen, ist einmal mehr unklar. Die nächste Population sei mehr als zehn Kilometer entfernt.
«Guardian» lobt Zürcher Biber-Hotline
Wenn Biber in bewohnten Gebieten auftauchen, gibt es sowohl Begeisterung wie Konflikte. Wer neben einem Biber lebt, hat einen aktiven Nachbarn. Die fleissigen Nager können Deiche und Autobahnen untergraben, Bäume an gefährlichen Stellen fällen oder Überflutungen auslösen. Immer wieder gibt es auch Probleme mit Haustieren, beschädigten Kulturpflanzen oder ungewünscht gefällten Bäumen.

Wo Biber wieder heimisch werden, gibt es deshalb häufig eine Agentur nur für das einstmals ausgerottete Tier, genannt «Bibermanagement». Sie berät Grundstückseigentümer, Forst- und Landwirte und entschädigt sie, damit die neuen Nachbarn akzeptiert werden. Auch in der Schweiz, wo 2022 bereits 5000 Biber lebten. Grösstenteils zur Freude der Bevölkerung, schreibt der «Guardian», der die Biberhotline des Kantons Zürich lobt.
Einmal Biber, immer Biber
Wenn die Nager einmal da seien, blieben sie auch, sagt die Zoologin Caroline Nienhuis, die Leiterin der Biberfachstelle Zürich: «Einen Biber zu erschiessen ist effektiv – aber nur so lange, bis der nächste Biber kommt», erklärt sie gegenüber dem «Guardian». Prävention und Entschädigungszahlungen sind ihrer Ansicht nach die bessere Herangehensweise, um mit Bibern zu leben. Der Kanton stelle dafür eine Million Franken bereit. Einen guten Teil ihrer Arbeitszeit verbringt Nienhuis damit, aufgebrachte Betroffene zu beruhigen, sagt sie.
Der Nutzen, den der Mensch vom Biber habe, sei aber weit grösser als der Schaden. Bei Marthalen im Kanton Zürich sei die Artenvielfalt förmlich explodiert, seit sich dort Biber angesiedelt hätten. Biber restaurierten Landschaften weit effektiver als es Menschen je könnten, und obendrein kostenlos. Ihr Verschwinden wäre ein Verlust, sagt Cécile Auberson, Mitarbeiterin der Nationalen Biberfachstelle Schweiz.
Ein echtes «Beaver Bombing» gab es übrigens auch. 1948 wurden über dem US-Bundesstaat Idaho 76 Biber mit Fallschirmen abgeworfen. Das hatte sich als effektivste und kostengünstigste Methode erwiesen, um sie umzusiedeln. Jeweils zwei Biber wurden in eine eigens konstruierte Holzbox gesteckt, die sich nach dem Aufprall öffnete. Nur ein Biber starb, weil er sich noch in der Luft aus der Box befreite. Streng genommen hiess die Aktion aber «Beaver Drop».
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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