Titicacasee – dem Himmel nahe
Red. Josef Estermann lebte und arbeitete von 2004 bis 2013 in Bolivien und befand sich vor kurzem wieder im Land. Hier ein dritter und letzter Teil seiner Erfahrungen und Beobachtungen.
In den indigenen Sprachen heisst er Titiqaqa, auf Spanisch Titicaca und auf Deutsch manchmal auch Titikaka. Das Wort ist zusammengesetzt aus «Titi», dem Puma der Anden, und «Qaqa», was so viel wie Fels bedeutet. Zusammengenommen also bedeutet «Titikaka» der «Fels des Pumas». Mit 8372 Quadratkilometern umfasst er mehr als ein Fünftel der Oberfläche der Schweiz; der Bodensee würde über 15-mal hinein passen. Rund 60 Prozent der Wasseroberfläche gehören zu Peru, gut 40 Prozent zu Bolivien. Er ist 178 Kilometer lang und rund 67 Kilometer breit.
Das meiste Wasser verdunstet, nur gerade 10 Prozent fliessen in Desaguadero (wörtlich: «Entwässerer») an der Grenze von Peru und Bolivien ab. Auf der peruanischen Seite gibt es ausser der Stadt Puno verschiedene grössere Dörfer, auf der bolivianischen Seite sind die Niederlassungen eher bescheiden, ausser Copacabana, das als Marienwallfahrtsort in ganz Lateinamerika bekannt und viel besucht ist. Insgesamt hängen rund 2,6 Mio. Menschen direkt oder indirekt vom Titicacasee ab.
Hier entstand die Inka-Dynastie
Nach der Legende bildet der Titicacasee nicht nur den Ursprung der Menschheit, sondern ist auch die Wiege des Inkareiches oder Tawantinsuyu («Reich der vier Himmelsrichtungen»). Der Legende zufolge haben sich die beiden Gottheiten Sonne (Inti; Willka) und Mond (Killa; Phaxsi) in Urzeiten ineinander verliebt. Da aber die eine nur am Tag und die andere nur nachts sichtbar in Erscheinung tritt, konnten sie sich nie treffen. Der oberste Gott Wiraqucha hatte Erbarmen und arrangierte ein Treffen in dem Sinne, dass sich die letzten Sonnenstrahlen mit dem Licht des aufgehenden Mondes auf der Oberfläche des Titicacasees treffen konnten. Aus dieser Vereinigung soll die Menschheit entstanden sein.

Gemäss dem Chronisten Inka Garcilaso de la Vega, Sohn eines Spaniers und einer Inka-Prinzessin, soll der Sonnengott Inti Erbarmen mit den ersten Menschen gehabt haben, die als «Wilde» in der Gegend des heutigen Titicacasees gelebt haben. Also schickte er ihnen Manko Qhapaq (auf Spanisch: Manco Capac) und Mama Oqllu (Mama Ocllo), die den Menschen Ackerbau, Viehzucht, Textilherstellung und Nahrungszubereitung beibringen sollten. Zudem trug er ihnen auf, an der Stelle, wo ihr Stab tief in der Erde versinken sollte, eine Stadt zu gründen, die zum Zentrum eines zukünftigen Reiches werden sollte. Das Paar machte sich vom Titicacasee aus Richtung Nordwesten auf, und als der Stab tief in der Erde versank, gründeten sie dort die Stadt Cusco (Qusqu), die Hauptstadt des Tawantinsuyu oder Inkareiches.
Ein reiches kulturelles Erbe
Tatsächlich finden sich im und um den Titicacasee viele Spuren von vor-inkaischen und inkaischen Behausungen, heiligen Stätten und Befestigungsanlagen. Die berühmteste vor-inkaische Anlage ist jene von Tiwanaku (Tiahuanaco) etwa hundert Kilometer nordwestlich von La Paz, an der Verbindungsstrasse zum Grenzort Desaguadero gelegen. Die Aymara beanspruchen diese Stätte für sich; der frühere Staatspräsident Evo Morales liess sich dort 2006 feierlich für seine erste Amtszeit einsetzen, umringt von andinen Schamanen (Yatiri) und Weisen (Amauta).

Die Inkas selber haben vor allem auf den heute zu Bolivien gehörenden Sonnen- und Mondinseln sichtbare Spuren hinterlassen. Die beiden Inseln erinnern an die Legende über den Ursprung der Menschheit. Heute sind sie touristisch erschlossen. Auf der peruanischen Seite gilt die Insel Taquile mit ihren schönen Terrassen als Erbe der Inkas, die dort wegen des milden Klimas Landwirtschaft betrieben. Heute ist auch diese Insel, auf der die Männer strickend umhergehen, für den Tourismus erschlossen.
Copacabana: Mischung von indigener und katholischer Kultur
Copacabana, der Marienwallfahrtsort auf der bolivianischen Seite, gilt auch als eine Gründung der Inkas. Der Name, auf Aymara Q’uta Qhawaña oder «Sicht auf den See», geht vermutlich auf den Calvario zurück, einen Hügel am Seeufer, von dem aus man eine fantastische Sicht auf den Titicacasee hat. Der weltberühmte Strand von Rio de Janeiro – ebenfalls «Copacabana» – hat seinen Namen vom bolivianischen Original, über 3800 Meter höher gelegen.

Der Calvario bildet die Spitze des katholischen Kreuzweges und wird von unzähligen Gläubigen aus ganz Lateinamerika und Touristinnen und Touristen aus aller Welt erklommen. Oben werden Kerzen angezündet und alles wird in Miniaturform gekauft, was man für das kommende Jahr erhofft: Dollarnoten, jetzt auch Euros, Häuser, Autos, Berufsabschlüsse und akademische Titel, ja sogar Heiratsurkunden und Reisepässe.
Neben dem Calvario ragt ein etwas niedrigerer Hügel in den stahlblauen Andenhimmel, der allerdings den indigenen Ritualen vorbehalten ist. Auf seiner Spitze halten Schamaninnen und Schamanen (Yatiri) ihre Rituale ab, wie sie von den Menschen für Gesundheit, Wohlergehen, Erfolg oder eine gute Beziehung erbeten werden. Katholische und indigene Religiosität existieren problemlos nebeneinander, manchmal überschneiden sie sich auch und bringen einen bunten und reichhaltigen Synkretismus hervor.
Die Magie des Titicacasees
Die Leute vor Ort sagen immer wieder, dass sie «näher beim Himmel» seien, und tatsächlich macht es den Anschein, dass sich weit am Horizont Himmel und Erde berühren. Das Blau des Sees und das Blau des Himmels der Anden ist so einzigartig, dass der See ein eigentlicher spiritueller Sehnsuchtsort ist. Ich selber war verschiedene Male bei solchen Ritualen und Einkehrtagen am Ufer des Sees dabei und konnte die Energie, die von der Verbindung von Himmel und Erde im See ausging, förmlich mit Händen greifen.

Man braucht nicht einmal spirituell veranlagt sein, auch für relativ nüchterne Europäerinnen und Europäer hat der See eine Magie, der man sich kaum entziehen kann. Dies hat nicht zuletzt mit der andinen Kosmospiritualität oder Philosophie zu tun, nach der alles mit allem verbunden ist und das Leben ein Ausdruck und Ergebnis dieser Verbundenheit darstellt. Im See treffen sich die obere Wirklichkeit (alax/hanaq pacha) und die Lebenswelt von Mensch und Tier (aka/kay pacha) und bringen so erst Leben hervor.
Ein bedrohter See wird zum Rechtssubjekt
Die Kehrseite dieser «Magie» ist allerdings auch nicht zu übersehen: Der Titicacasee gilt als eines der am meisten verschmutzten Gewässer, vor allem auf der peruanischen Seite. Das Abwasser von 2,6 Millionen Menschen fliesst praktisch ungeklärt in den See, und die Ufer sind zum Teil vollständig mit Plastik übersät. Der teilweise intensive Tourismus mit den vielen Hotels und Restaurants trägt weiter zur Belastung des ökologischen Gleichgewichts bei. Bald wird man die begehrten Forellen aus dem See nicht mehr geniessen können.
Seit einiger Zeit haben sich deshalb vor allem auf peruanischer Seite besorgte Anwohnerinnen und Anwohner für den Schutz dieses Ökosystems zu engagieren begonnen. Am 24. April 2025 verabschiedete die Regionalregierung von Puno eine Verordnung, die den Titicacasee als Rechtssubjekt anerkennt. Vorangetrieben wurde dieser ungewöhnliche Schritt von einer Frauenorganisation von Aymara und Quechua. Ihre Vorsitzende Soraya Poma Cotrado erklärte: «Für uns als indigene Frauen und Bäuerinnen ist der See unsere Qhuta mamá (Mutter See), er ist Leben, und deshalb haben wir dafür gekämpft.»

Ablehnung durch das formale Rechtssystem
Allerdings folgte umgehend die Ablehnung durch die Zentralregierung in Lima, die das Ansinnen als verfassungswidrig interpretierte und den bekannten eurozentrischen Standpunkt verteidigte, dass nur Menschen oder menschliche Vereinigungen «Rechtssubjekte» sein können. Dabei gibt es verschiedene Präzedenzfälle für die Anerkennung der «Rechte der Natur», etwa in Neuseeland, Ecuador, Kolumbien, Spanien oder Bangladesch.
Die Regionalregierung in Puno, die für den peruanischen Teil des Titicacasees zuständig ist, erkannte mit der erwähnten Verordnung an, dass der See ein Recht auf Leben und die Erhaltung seiner ökologischen Unversehrtheit hat. Schützenswert sind nach dieser Rechtsauffassung die natürliche Regeneration seiner Wasserkreisläufe, seine Artenvielfalt, seine Sauberkeit und das Unterlassen von Aktivitäten, die seinen natürlichen Zustand beeinträchtigen, sowie die Wiederherstellung im Falle von Umweltschäden.
Die Rechte des Titicacasees werden von den indigenen Gemeinschaften in Stellvertretung wahrgenommen, die als Sprachrohr und Anwälte seiner Interessen agieren. Das kategorische Nein aus Lima dürfte die Bestrebungen der indigenen Völker um den und auf dem Titicacasee nicht zunichtemachen, sondern zeigt die grosse Diskrepanz auf, die zwischen einem mechanistisch-kapitalistischen und indigen-holistischen Weltbild besteht. Für die einen ist der See eine natürliche Ressource, für die anderen eine spirituelle Quelle.

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








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