Kommentar

«Westeuropa sollte sich wieder mit Russland vereinigen»

Klaus J. Stöhlker © zvg

Klaus J. Stöhlker /  Schon de Gaulle und Churchill waren dieser Auffassung, meint PR-Spezialist, Unternehmensberater und Autor Klaus Stöhlker.

upg. Die Vorstellung, dass sich Europa mit Russland wieder versöhnt, scheint auf absehbare Zeit unvorstellbar. Deshalb ist dieser geopolitische Ansatz aus Politik und Medien verschwunden. Wir geben Klaus Stöhlker Gelegenheit, diese fast utopische Zukunftsperspektive zur Diskussion zu stellen.

Europa vom Atlantik bis zum Ural
Präsident Charles de Gaulles Vorstellung von einem Europa, das sich vom Atlantik bis zum Ural ausdehnt. 1966 trat de Gaulle aus der militärischen (integrierten) Struktur der Nato aus und blieb nur bei der politischen Allianz. Der Abzug der französischen Streitkräfte aus dem Nato-Kommando erfolgte zum 1. Juli 1966, gefolgt bis April 1967 vom Räumen der Nato-Stützpunkte in Frankreich mit ihren rund 30’000 Nato-Soldaten. Erst Präsident Nicolas Sarkozy trat der militärischen Nato wieder bei. Doch dauerhafte Stützpunkte für Nato-Truppen oder Nato-Kommandozentralen gibt es in Frankreich bis heute keine.

Wenn es um viel, sogar um alles und um die Zukunft geht, dürfen unsere militärischen Strategen in Bern und Berlin die Welt auch einmal auf den Kopf stellen. Umso mehr, als die Schweiz schon lange als Trittbrettfahrer in Europa und ebenso lange als Trittbrettfahrer in den USA gilt.

Jede Aufrüstung wird teuer, der Krieg noch vielfach teurer, wenn wir die Folgen der beiden Waffengänge in der Ukraine und in Gaza beurteilen wollen. Mit einem Prozent des Bruttoinlandprodukts, also 8 bis 9 Milliarden Franken im Jahr, werden wir für die Aufrüstung der Schweizer Armee kaum davonkommen.

Die Nato ist nicht nur hirntot, wie es der französische Präsident Emmanuel Macron unlängst formulierte. Sie ist sogar ganz tot, denn die bisher zahlungsbereiten US-Amerikaner wollen nicht mehr mitmachen, und die EU sucht erst den Weg zu einer europäischen Ersatz-Nato, die keine Nato mehr sein soll.

Weil die Amerikaner wissen, dass wir kaum moderne Waffen haben, bieten sie ihre Arsenale an, gegen Cash natürlich und mit elektronischer Sperre aus dem deutschen US-Hauptquartier Ramstein in der Pfalz oder direkt aus Washington D.C.

Was tun, fragt sich der Mensch.

Wenn es möglich war, dass West- und Ostdeutschland sich 1990 wieder vereinigten, was Michail Gorbatschow wie Helmut Kohl zu verdanken ist, dann sollte es doch möglich sein, dass sich Westeuropa wieder mit Russland vereinigt.

Wenn nicht heute, dann morgen.

Russland mit seiner Hauptstadt Moskau bis hin zum Ural galt immer als europäisch. Die beiden grössten europäischen Heerführer des 20. Jahrhunderts, Charles de Gaulle und Sir Winston Churchill, waren beide dieser Auffassung.

Nur der deutsche CDU-Bundeskanzler Konrad Adenauer setzte die Westbindung durch, womit Westeuropa vom kulturell und an Rohstoffen reichen Russland abgeschnitten wurde.

Die russischen Zaren mögen nicht die nettesten Herrscher gewesen sein, aber die preussischen, französischen und Habsburger Kaiser und Könige waren auch keine Wohltäter für ihre Völker. Katharina die Grosse, russische Imperatorin, die ihren jungen Ehemann umbringen liess, war eine Deutsche, aber sie machte aus dem „alten Rus“ ein Weltreich, ganz wie die aus Hannover stammenden Battenbergs, die als englische Mountbatten das Weltreich Grossbritannien regierten.

In über drei Jahrhunderten war Europa ein Weltreich, die USA eine entfernte Kolonie, mit dem Töten von 20 Millionen Indianern, den Indigenen, beschäftigt.

Die wirtschaftlich aufblühenden USA und das sich in Kriegen zerstörende Europa der jungen Demokratien, die meist keine waren, haben zum heutigen Zustand geführt, wo Europa um sein Überleben kämpft und die USA seit 100 Jahren alles tun, um ein einiges Gross-Europa mit 600 Millionen Einwohnern zu verhindern.

Die Schweiz hat sich in krisenhaften Zeiten stets an ihre Nachbarvölker angelehnt, ohne aber auf ihre Neutralität zu verzichten. Das hiesige Volk eroberte sich früh demokratische Rechte, die mit Sicherheit der Grund dafür sind, dass es die Schweiz in Europa heute noch als unabhängigen Staat gibt.

Wenn wir, Europäer und Schweizer, Wladimir Putin verteufeln, tun wir nur den Amerikanern einen Gefallen. Diese werden, wie Donald Trump es versucht, uns portionenweise auseinandernehmen und sich dabei bereichern.

Wollen wir das?

Wenn die Schweiz jetzt aufrüstet, wird es ein langer, schwieriger Prozess. Was dies für die Bürger bedeutet, hat soeben Kanzler Merz, der sich in einer ähnlichen Lage befindet, seinen Landsleuten erklärt.

Danach wird der deutsche Sozialstaat skelettiert. Steuersenkungen für die Wohlhabenden und reichen Deutschen. Kahlschlag bei den Sozialleistungen für den Mittelstand und die Armen. Jeder zahlt seinen Zahnarzt aus der eigenen Tasche, wie bei uns in der Schweiz, weshalb viele nach Ungarn und Portugal fliehen, um dort ihre Zähne richten zu lassen. Die Arbeitszeit wird verlängert, das Arbeitslosengeld gekürzt.

Dies alles aus einem Grund: Deutschland, die stärkste Wirtschaft in Westeuropa, muss aufrüsten, um nicht unterzugehen. Sagen mindestens die Amerikaner.

Was jetzt beim nördlichen Nachbarn abläuft, wird auch die Schweiz erreichen. Schon sagt VBS-Chef Martin Pfister: «Natürlich werden die 30 Milliarden Franken in zehn Jahren (ab 2028) nicht reichen»

Woher er die besten Kader und Rekruten für den Aufzug der neuen Schweizer Armee nehmen will, bleibt vorläufig ein Rätsel. Mindestens fehlen sie den Unternehmen in der freien und liberalen Schweizer Marktwirtschaft.

Oder soll KI, die Künstliche Intelligenz, die Führung übernehmen?

Europa braucht die Amerikaner, die Schweiz die Europäer – und möglicherweise auch die Amerikaner für ihre Verteidigung.

Weil dies schwierig wird, plädiere ich für den neuen «Grossen Europäischen Frieden» vom Atlantik bis an den Ural. Der US-Botschafterin in Bern, Callista Gingrich, wird diese Botschaft nicht gefallen, aber wir ersparen uns viel Ärger, wie unseren Kindern und Enkeln auch.

In Deutschland wird der Jahrgang 2008 derzeit militärisch erfasst; das ist keine gute Nachricht für unsere noch chillende und sich dem Konsum hingebende Generation Z.

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Dieser Beitrag erschien zuerst auf Inside Paradeplatz.


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