Kein Ruhmesblatt der US-Geschichte

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/  Das Buch NO EASY DAY über die Tötung Osama Bin Ladens, geschrieben von einem Beteiligten, macht klar: Es musste eine Show werden.

Das einzig Neue (ausser vielen technischen Insiderdetails, die vielleicht für Spezialisten interessant sind) ist wohl die Mitteilung, einen Wehrlosen erschossen zu haben. Auch wenn er’s verdient haben mag, ist eben doch nicht das gewünschte amerikanische Heldenepos daraus geworden.

Weinende Kinder und Frauen in der Ecke, auf dem Bett das röchelnde Zielobjekt, das man nur zufällig in die Schläfe traf. Das macht sich nicht gut, denn so, wie der Autor die Szene schildert, hätte man Bin Laden auch verhaften können. Er war unbewaffnet und nur von einem einzigen Wächter beschützt. Aber ein Gerichtsprozess war der US-Regierung unerwünscht. Denn, was man gern vergisst: Bin Laden war mal ein Verbündeter der USA gewesen, als es in Afghanistan gegen die Russen ging. Daran mag die amerikansche Oeffentlichkeit um keinen Preis erinnert werden. Es stört das nationale Erklärungsmuster «Good Guy – Bad Guy».

Und vor allem: «9/11» hätte mit allen bisher ungeklärten Details erneut aufgerollt werden müssen – ein nationales Trauma. Auch die Tatsache, dass der «Staatsfeind Nummer 1» jahrelang vor der Nase des US-Geheimdienstes unerkannt gelebt hat, auf dem Territorium eines engen Verbündeten, Pakistan, der die Amerikaner offenbar austrickste, und dass der entscheidende Tip, ihn zu stellen, nicht aus dem Innern der monströsen Sicherheitsmaschinerie der Amerikaner kam, sondern von einem lokalen Arzt, passt nicht so richtig ins Bild einer Supermacht, die alles im Griff hat.

Die Frage bleibt auch, warum die Amerikaner nicht ihre klinisch sauberen Tötungsmaschinen, die Drohnen, einsetzten, mit denen sie andere lebende «Staatsziele» liquidierten. Der Grund: Das wäre nur die halbe Show gewesen, deren Direktübertragung in den War Room des Weissen Hauses, in Anwesenheit des Präsidenten, zu sehr War Games im Kinderzimmer von Halbwüchsigen geähnelt hätte.

Es bleibt ein schaler Nachgeschmack – kein Ruhmesblatt im amerikanischen Geschichtsbuch: eine eher peinliche Episode, die man kurz festhalten, dann aber rasch überblättern sollte.


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