Kommentar

Novartis öffnet auch noch den Letzten die Augen

Urs P. Gasche © Peter Mosimann

upg /  Der Pharmakonzern macht in drei Monaten (!) 2'488'000'000 Franken Gewinn und baut 2000 Arbeitsplätze ab: Ein ganz normaler Vorgang.

In der Tagesschau zeigt sich ein Arbeiter in Nyon zu Recht erzürnt: Das Novartis Werk in der Westschweiz habe «keine Probleme und laufe gut». Doch der Weltkonzern will in Nyon eine ganze Fabrik schliessen und dort 320 Vollzeitstellen einsparen.
Auch Besitzer oder Besitzerinnen eines kleinen oder mittleren Unternehmens sorgen grundsätzlich dafür, dass ihre Produktion mit möglichst wenig Arbeitskräften auskommt. Das spart Kosten und erhöht die Wettbewerbsfähigkeit. Aber sie würden – selbst bei einem mässigen Geschäftsgang – versuchen, ihre Angestellten und Arbeiter, die sie persönlich kennen, möglichst lange zu beschäftigen und dafür auf etwas Gewinn zu verzichten.
Anders die Manger von Grosskonzernen: Sie verdienen am meisten, wenn der kurzfristige Gewinn am höchsten ist.
Gewiefte PR-Abteilungen verbreiten zwar den Eindruck, Unternehmen wollten möglichst viele Arbeitsplätze schaffen und erhalten. Die Manager selber brüsten sich damit, wie stark sie sich für möglichst viele Arbeitsplätze einsetzen würden. Medien verbreiten diese schönen Worte weiter, ohne sie zu hinterfragen.
Das Beispiel Novartis macht wieder einmal augenfällig, dass diese Manager ganz Anderes im Kopf haben, nämlich genau das Gegenteil.
In Chefetagen will man möglichst viele Arbeitsplätze wegrationalisieren
In ihren Chefetagen beschäftigen sich diese Manager mit grosser Energie damit, möglichst viele Arbeitsplätze abzubauen. Mit diesem Ziel hecken sie ständig neue Produktionsmethoden und Restrukturierungen aus.
Wer es nicht glaubt, soll bedenken, dass ein Manager noch nie einen Bonus bekam, weil er Arbeitsplätze erhalten hat. Bonus und Lohnerhöhungen gibt es immer nur dann, wenn der Manager dank dem Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen den Gewinn erhöhen kann. Oder wenn er – dank Rationalisierungen – das Gleiche mit weniger Arbeitsstunden herstellen oder anbieten kann.
Das ist nämlich nichts anderes als das Erhöhen der Produktivität. Und die Steigerung der Produktivität gilt als höchstes Ziel eines Unternehmens und einer Branche. Also nochmals: Das Gleiche mit möglichst noch weniger Arbeitsstunden herstellen.
Eigentlich sind Produktivitätsfortschritte sehr erwünscht. Denn ein Ziel des Wirtschaftens ist es, dass wir unsere Bedürfnisse mit möglichst wenig Arbeit befriedigen können. Doch es gibt zwei ABER:
Erstens ist es noch viel wichtiger, unsere Bedürfnisse mit möglichst wenig Energie und mit möglichst weniger der endlichen Rohstoffe zu befriedigen.
Zweitens sollen uns die Manager und Unternehmen nicht vorgaukeln, dass sie Arbeitsplätze schaffen wollen. Arbeitsplätze sind für sie nur ein nötiges, kostspielieges Übel zum Herstellen von Gütern oder Dienstleistungen.
Nützliche Krokodilstränen
Für die Konzerne ist selbstverständlich, dass bei ihrem Streben nach höherer Produktivität und Gewinn viele Arbeitsplätze verloren gehen. Manchen Wirtschafts-Vertretern kommt dies sogar gelegen. Denn der mit Krokodilstränen bedauerte «Verlust von Arbeitsplätzen» ist für sie ein willkommener Vorwand, um tiefere Unternehmenssteuern durchzusetzen, und ein Vorwand, um sich etwa gegen eine längst fällige Kapitalbesteuerung oder gegen das Durchsetzen des Verursacherprinzips (strengere Umweltvorschriften oder Lenkungsabgaben) zu wehren.
Dabei würden gerade letztere Massnahmen das Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen bremsen und neue Arbeitsplätze schaffen.
Überdies: Wenn es diese Leuten ernst meinten mit ihrer Sorge um Arbeitsplätze, würden sie die Kosten der Arbeit nicht noch mit zwanzig Prozent Sozialabgaben erhöhen, sondern hätten sich schon längst für eine ökologische Steuerreform eingesetzt. Diese würde die Unternehmen von den Sozialabgaben auf den Löhnen befreien, ihre Lohnkosten also senken. Im Gegenzug würden die knapp werdenden Energieträger und Rohstoffe besteuert.
Aber davon wollen diese Manager nichts wissen, denn es geht ihnen gar nicht um den Erhalt möglichst vieler Arbeitsplätze.
Das jüngste Beispiel Novartis hat hoffentlich auch den Letzten die Augen geöffnet.


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Sie gehören zu den mächtigsten Konzernen der Welt und haben einen grossen Einfluss auf die Gesundheitspolitik.

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