Berset in Dantes Inferno

Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Daniel Goldstein /  Alain Berset brillierte an einer Tagung viersprachig. Seine Dante-Interpretation löste aber Tessiner Kritik aus.

Wie man’s macht, ist’s nicht recht. Das muss sich wohl Bundesrat Alain Berset sagen, nachdem er an einer Tagung in Bern in allen vier Landessprachen referiert hatte. Denn seine italienischen Ausführungen lösten harte Kritik in der Tessiner Tageszeitung «La Regione» aus. Berset hatte Dante Alighieri zum «Antipoden» der Schweizer Mehrsprachigkeit erklärt, die in gegenseitigem Verständnis gelebt werde. Denn der Dichter habe zwar die Volkssprache Italienisch (und nicht Latein) zur Grundlage «seines neuen Stadtstaats» gemacht, aber er habe sich «keine andere Gesellschaft als die einsprachige vorstellen können, und das verblüfft uns.»
Geschichtskundige Tagungsteilnehmer verblüffte es schon etwas, dass der Kulturminister damit neuzeitlichen Sprachnationalismus ins Hochmittelalter projizierte. Obendrein, wie der Linguist Mario Frase in «La Regione» schreibt, tat Berset so mit «wikipediahafter Banalisierung» dem «polyglotten Dante» unrecht. Der Autor sieht das als weiteren Beleg für «die schlecht verhüllte, wahrscheinlich tiefer Ignoranz geschuldete Arroganz, mit der sich die Bundesstadt ab und zu ihrer kleinen italienischsprachigen Minderheit zuwendet». Und das, so lässt sich beifügen, an einer Tagung, die nach 50 Jahren Mitgliedschaft im Europarat der Frage galt, wie die Schweiz dessen Rechtsinstrumente zugunsten der Sprachminderheiten anwendet. Gut, so wird ihr regelmässig attestiert – mit einigen Mahnungen, nicht nachzulassen, vielmehr gewisse Mängel noch auszubügeln.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel» und schreibt für die Zeitung «Der Bund» die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch.

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