USA lockern Grenzwerte für krebserregendes Formaldehyd
Lobbyisten versuchen seit Jahren, die Regulierung krebserregender Chemikalien in den USA aufzuweichen. Jetzt scheint es ihnen gelungen zu sein. Während die EU und voraussichtlich auch die Schweiz die Grenzwerte für krebserregendes Formaldehyd im kommenden Jahr verschärfen wollen, gehen die USA den umgekehrten Weg.
Anfang Dezember kündigte die US-Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) an, die Grenzwerte für Formaldehyd anheben zu wollen. Die Formaldehydmenge, die ein Mensch noch sicher einatmen könne, sei fast doppelt so hoch wie der noch im Dezember 2024 von der Biden-Regierung festgelegte Grenzwert, schreibt das US-Investigativmagazin «Pro Publica». Nach Ablauf der öffentlichen Kommentierungsfrist am 2. Februar kann die EPA diese Änderung endgültig festlegen.
Sogar die derzeitigen Grenzwerte seien zu lax, kritisierte «Pro Publica» bereits 2024. Messungen zeigten erhebliche Mengen Formaldehyd in Autos, Ladengeschäften und Wohnungen. Der neue Vorschlag sei ein Paradebeispiel dafür, wie Lobbyinteressen in Politik übersetzt würden.
Schwellenwert und lineares Risiko
Kern der Neubewertung ist die Auffassung darüber, wie krebserregende Chemikalien zu bewerten seien. Eine kleine Menge schadet wenig, eine grössere mehr, könnte man unbedarft denken. Aber wie viel ist «mehr»? US-Regierungen gehen seit rund 40 Jahren davon aus, dass Chemikalien, die durch Schädigung der DNA Krebs verursachen, einem linearen Risiko- oder Schadensverlauf folgen. Selbst kleine Mengen einer Substanz können also schädlich sein. Diese Einschätzung ist nebenbei auch sinnvoll im Hinblick auf den Cocktail-Effekt – der sich überlagernden Wirkung einer Vielzahl potenziell giftiger Chemikalien, denen Mensch und Tier täglich ausgesetzt sind.
Wenn Lobbyisten Behörden leiten
Vor allem Vertreter der chemischen Industrie gehen hingegen davon aus, dass unterhalb einer Gefahrenschwelle kein Risiko besteht – eine wissenschaftlich kaum abgestützte Annahme, die die Trump-Regierung und damit nun auch die EPA übernommen hat. Die neue Bewertung ist also ein grundsätzlicher Richtungswechsel. Die angekündigte Einführung dieses Schwellenmodells sei keine grosse Überraschung, schreibt die Journalistin Sharon Lerner, die für ihre Recherchen zu Umweltchemikalien bekannt ist. Leitende EPA-Wissenschaftlerinnen, die die Änderung unterstützten, hätten bis vor Kurzem als Industrielobbyisten dafür geworben.
Formaldehyd
Formaldehyd ist einer der häufigsten Luftschadstoffe. Die Chemikalie verursacht Kopfschmerzen und Schwindel, kann Allergien auslösen, Asthma verstärken, Krebs im Nasen-Rachen-Raum auslösen und reichert sich im Körper an. Die Chemikalie ist im gesamten EWR in der Kategorie 1B («kann Krebs erzeugen») eingestuft. Auch die EU-Behörden gehen davon aus, dass bei niedrigen Konzentrationen kaum ein Krebsrisiko besteht. Allerdings ist Formaldehyd in zahlreichen Produkten enthalten. Es entsteht als Gas bei Verbrennungsvorgängen und wird in gelöster Form in Klebern, Baumaterialien sowie vor allem in Spanplatten und Sperrholz eingesetzt, aus denen es als Gas austritt. Als Konservierungsmittel in Kosmetika ist Formaldehyd in Europa inzwischen weitgehend verboten, in Reinigungsmitteln kann es weiterhin enthalten sein.
Nancy Beck und Lynn Dekleva beispielsweise waren bis vor Kurzem für den American Chemistry Council tätig. Beide hatten sich bereits in der ersten Trump-Legislatur gegen Chemikalienregulierungen eingesetzt, berichtete die «New York Times». Dekleva setzte sich noch 2022 dagegen ein. Der American Chemistry Council vertritt mehr als 190 Unternehmen und hat die Formaldehyd-Gesetzgebung der EPA stets bekämpft.
Heute ist Dekleva stellvertretende Verwaltungsleiterin der EPA-Abteilung für Chemikaliensicherheit und Umweltschutz, die die Formaldehyd-Neubewertung durchgeführt hat.
Beck, stellvertretende Leiterin des Amtes, unterzeichnete das offizielle Memo der Behörde.
Kein Interessenkonflikt, weil Interesse überall?
Die Regeln der föderalen US-Behörden verbieten es eigentlich, dass EPA-Angestellte an Themen arbeiten, an denen ihr ehemaliger Arbeitgeber ein Interesse hat oder Partei ist – zumindest während eines Jahres.
Ausser, sie bekommen eine Sondergenehmigung. Da Formaldehyd von vielen Herstellern produziert und in zahlreichen Industriezweigen verwendet werde, handle es sich bei dessen Risikobewertung nicht um eine spezifische Angelegenheit. Das Ethikbüro der EPA habe deshalb keinen Anlass zur Sorge gesehen, teilte ein Sprecher auf Nachfrage von «Pro Publica» mit. Die Neubewertung von Formaldehyd sei lediglich eine Korrektur wissenschaftlicher Fehler, die unter der Biden-Regierung gemacht worden seien.
Abgesehen davon, dass eine solche Aussage die beteiligten Forschenden diskreditiert, ist das eine absurde Argumentation. Bei der Einstufung einer Chemikalie, die in der Umwelt weit verbreitet ist, besteht kaum ein Risiko für Lobbyeinflüsse oder Vorteilsnahme. Und zwar, weil die Chemikalie überall ist?
Die Wissenschaft hat sich nicht geändert – die Bewertung schon
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Formaldehyd hätten sich nicht geändert, sagt Jonathan Kalmuss-Katz, Anwalt bei Earthjustice, der grössten gemeinnützigen Umweltkanzlei der USA, gegenüber «Pro Publica». Diese Argumente bringe die chemische Industrie seit einem Jahrzehnt vor. «Der einzige Unterschied ist, dass sie nun endlich eine Regierung gefunden hat, die bereit ist, diese Erkenntnisse [über Formaldehyd] zu ignorieren.»
Die unter Biden veröffentlichte Bewertung von Formaldehyd beschrieb 58 Szenarien, in denen Arbeitnehmer:innen oder Konsument:innen «einem unangemessenen Gesundheitsrisiko durch Formaldehyd ausgesetzt sind». Diese Einstufung verpflichtet die EPA dazu, Massnahmen zu ergreifen. Zu den Produkten, die gefährliche Mengen Formaldehyd freisetzen können, gehören zum Beispiel Autowachse, Bastelbedarf, Tinte und Toner, Fotobedarf, Baumaterialien, Textilien und Lederwaren.
Die EPA hob seither fünf Szenarien auf, bei denen nach der früheren Einschätzung ein Gesundheitsrisiko bestand – eines davon ist die Herstellung von Holzprodukten. Dazu muss man wissen, dass Sperrholz und Holzverbundplatten nahezu immer mit formaldehydhaltigen Klebern gefertigt werden. Diese geben so lange Formaldehyd ab, bis die Platte zerfällt, sofern sie nicht vollständig versiegelt ist.
Schon die Formaldehydbelastung im Freien stellt laut «Pro Publica» ein unterschätztes Risiko dar. Das Krebsrisiko durch Formaldehyd in der Aussenluft sei zehnmal so hoch wie die EPA angebe, berechnete das Medium 2024.
«Dammbruch» oder «zurück in die 1960er-Jahre»
Die Neubewertung sei «ein Dammbruch», sagt Tracey Woodruff, Wissenschaftlerin an der Medizinischen Fakultät der University of California, gegenüber «Pro Publica». «Chemieunternehmen wollen, dass jedes Karzinogen als Schwellenwert-Karzinogen eingestuft wird, damit sie behaupten können, ihre Chemikalien seien sicher – obwohl wir wissen, dass das nicht stimmt.»
Die Aufweichung der Grenzwerte beziehungsweise die Einführung der Schwellenwertdoktrin droht auch bei anderen Chemikalien. Als Nächstes vermutlich bei Ethylendichlorid und 1,3-Butadien (Vinylethen), die in der Kunststoffherstellung verwendet werden. Auch die gegenwärtige Einschätzung zum Krebsrisiko radioaktiver Strahlung könnte sich ändern. Das sei sogar im Programm «Project 2025» festgehalten, das die Trump-Regierung als Blaupause für ihre Regierungszeit verwende.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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