Kommentar

kontertext: Die Schönheit des Kampfes

Felix Schneider © zvg

Felix Schneider /  Ein fiktives Interview: Wutbürger Christian Glück ist erfunden, obwohl das meiste, was er sagt, schon von anderen gesagt wurde.

Wir treffen Christian Glück in seinem alpinen Feriendomizil, das er – er legt Wert auf diese Feststellung – von seinen Eltern geerbt hat. Im Hintergrund läuft der lokale Privatsender, zu hören ist gerade der Schlager «Goppelooni / Obe-n-oni».


Infosperber: Herr Glück, als ich Sie im Hinblick auf ein Interview kontaktierte, haben Sie mich als Lakaien der Systempresse beschimpft. Es gelang mir zwar, Ihnen plausibel zu machen, dass Infosperber ein Alternativmedium ist, aber Sie haben auf einer schriftlichen Zusicherung bestanden, dass kein Wort publiziert wird, das Sie nicht gegengelesen und gebilligt haben. Herr Glück, sind Sie ein misstrauischer Mensch?

Christian Glück: Natürlich! Man muss misstrauisch sein. 

Warum?

Weil man belogen wird, an allen Ecken und Enden.

Wie, wo denn?

Na, ständig. Hier, da, schauen Sie, heute habe ich diesen Brief von meiner Bank bekommen. Schon die erste Lüge. «Ihre Bank» heisst es da. Lächerlich! Sie schreiben, sie seien immer für mich da, 24 Stunden sieben Tage die Woche. Und was teilen sie mir in Wirklichkeit mit? Dass sie die Filiale schliessen, auf die ich angewiesen bin. Sie sagen, sie seien immer für mich da und hauen ab, unter Hinterlassung eines Automaten, der für mich teuer ist, denn vom «Agio», wie die sagen, bin ich nur am Schalter befreit. Ich werde täglich mit lügnerischen Versprechen bombardiert. Ob ich den Computer aufmache oder das Telefon abnehme, überall soll ich Socken, Pillen, Fitnessabos oder sonstwas kaufen, was mich umgehend reich, schön und berühmt macht. Bluff, wo man hinschaut. Auch in der Politik. Trump tritt an mit dem Versprechen, am ersten Tag seiner Amtszeit den Krieg in der Ukraine zu beenden. Wie lange ist das nun her?

Nun, das ist halt Werbesprache

Eben. Gutes Training in Misstrauen.

Herr Glück, Sie haben sich bei der Redaktion gemeldet aus Unzufriedenheit mit dem Porträt des Wutbürgers Lars von Michel Mettler. Was hat Sie aufgebracht?

Ich bin stolz, wenn man mich Wutbürger nennt. Aber dieser Lars ist ein Hosenscheisser. Er nimmt die Demütigungen hin, er kuscht, er versteht sich als Rädchen in der grossen Maschine. Ja, das hättet Ihr gern, dass wir solche Memmen bleiben. Das ist kein Zufall, dass Sie so einen porträtieren. Aber ich sage Ihnen: Der Wind hat gedreht. Wir kämpfen. 

Wer ist wir?

Die Alten zum Beispiel. Und ich sage Ihnen: Altwerden ist nichts für Feiglinge. Mein Sohn wirft mir vor, dass er in die AHV einzahlen muss. «Für Leute wie dich.» Ich hab das doch früher auch getan. Nur: was früher Generationenvertrag hiess, heisst heute Umverteilung von Jung zu Alt. Alte gelten als Schmarotzer, die auf Kosten der kommenden Generationen leben. Ich habe mein ganzes Leben viel gearbeitet, die längste Zeit als Berufsschullehrer. Trotzdem sind meine Bezüge aus der Pensionskasse ungenügend, da ich lange im Ausland gearbeitet habe und nie eine volle Stelle hatte. Ich bin auf die AHV angewiesen. Und was höre ich? Sehen Sie da, das Zürcher Intelligenzblatt von heute: «Die AHV (…) ist ein Selbstbedienungsladen, der dank der Verschleierung der Quersubventionen kein schlechtes Gewissen gibt. Die Älteren können sich dank ihrer Dominanz an der Urne subventionierte Renten zuschieben und die Kosten grossenteils den Jüngeren anhängen.» (NZZ vom 13. August 2025, die Red.)

Immer mehr Menschen werden halt immer älter. Das ist doch auch ein Fortschritt, oder?

Ja, wir werden 80 im Durchschnitt, aber, das hab ich neulich gelesen, gesund bleiben wir nur bis 65. Mit meinem Vorhofflimmern, mit Bluthochdruck, Apnoe und Asthma, mit meinen erblindenden Augen bleibe ich allein. Und wissen Sie warum? Weil Big Pharma die Ärzte gekauft hat. Und die Laboratorien, und die Wissenschaftler. Parasiten! Eine Kaste! Die Medikamente, die uns wirklich helfen würden, werden nicht entwickelt. Dafür die, die den grössten Gewinn versprechen. Und die Prämien der Krankenkasse steigen jedes Jahr. 

Im Unterschied zu Lars betrachten Sie also den Generationenkonflikt als den wichtigsten Konflikt unserer Zeit?

Auf keinen Fall. Den Generationenkonflikt gibt es, aber er ist nicht der Hauptkonflikt und wird oft als Mittel zur Diskriminierung der Alten benutzt. Wir seien zu gaga für den Computer, heisst es. Auch das eine Demütigung. Neulich wollte ich bei meinem Internetanbieter eine überhöhte Rechnung einsehen. Um mich einloggen zu können, benötigte ich einen Code, der mir aber erst nach so langer Zeit zugeschickt wurde, dass die Einlogg-Maske nicht mehr gültig war und einen neuen Code verlangte, der wiederum so lange nicht kam, dass die Maske … Sagen Sie mir – hat das mit meinem Alter zu tun? Das sind doch generationsübergreifende Ohnmachtserfahrungen! Eine Telefonnummer oder E-Mail-Adresse war nicht zu erfahren, und erklären Sie so ein Problem mal dem Bot. Dabei, ich sage Ihnen, ich war damals in der Schule einer der ersten, der einen Informatikkurs besuchte.  

Was ist denn aus Ihrer Sicht der Hauptkonflikt? 

Schauen Sie sich das Foto dort an. Ich bin der Dritte von links. Wir stehen um eine handgeschnitzte Eringer Kuh herum. Das ist der Prix Résistance der SVP, den wir als Widerstandkämpfer gegen den übergriffigen Staat erhalten haben, weil wir uns erfolgreich gegen muslimische Sondergräber in Weinfelden gewehrt haben. Ich habe nichts gegen anständige Fremde, die sich an unsere Sitten anpassen. Die bringen etwas Abwechslung in unser Land. Aber ihre Zahl muss überschaubar bleiben. Es gibt heute einfach zu viele Ausländer in unserem kleinen Land. Es wird eng in den Zügen, auf den Strassen, auf dem Wohnungsmarkt. Und eine echte Gefahr sind jene anmassenden Fremden, die unser Land umgestalten wollen. Sie verlangen, dass wir uns ihnen anpassen. Halal-Essen in den Schulen, Moscheen in den Städten, Englisch und Türkisch an allen Ecken. Wer still für sich zu Hause islamisch beten will – meinetwegen, aber unsere Friedhöfe bleiben christlich. Wer sich ein Grab gräbt, gräbt sich in unsere Erde ein, und die ist nun mal nicht islamisch. Schweizersein hat man im Blut. Schiesswütigen Musliminnen wie dieser Ameti muss man klar machen, dass sie besser aus der Schweiz verschwinden, sonst müssen wir sie mit anderen Mitteln an der Zerstörung unserer Eidgenossenschaft hindern. 

Sie würden mir die Veröffentlichung dieses Gesprächs erleichtern, wenn Sie sich etwas mässigen und auf Drohungen verzichten könnten.  

Ich bin ein Sauhund, nehmen Sie das zur Kenntnis. Versuchen Sie nicht, mich zu zensurieren! Wir hassen es, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Die Welt geht d‘ Schissgass ab, aber die Staatsmedien bleiben sachlich und objektiv. Während islamistische Hassprediger durchs Land ziehen, lallen unsere Medien etwas von möglichen Gefährdungen der Demokratie. Die Briefe, die mich verarschen, sind höflich formuliert. Da machen wir nicht mehr mit. Wir lassen uns nicht mehr einschüchtern. Wenn wir in Wehrmachtsuniform wandern oder im Keller eine Reichskriegsflagge aufhängen wollen, dann tun wir das. Nicht weil wir Nazis sind, sondern einfach so und aus Lust an der Freud über Eure aufgerissenen Augen und Eure lächerlichen Moralpredigten. Wir sind unabhängig, kritisch, gut gelaunt. Was verboten ist, das macht uns grade scharf. Sie müssen sich den Wutbürger als glücklichen Menschen vorstellen.  

Zurück zu Ihren Hauptfeinden! Wer sind sie?

Natürlich der Gender-Wahn. Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transen,  Queere – das sind Irre, Verirrte oder Kranke, die harmlos wären, wenn sie uns nicht ihre Wahnwelt als Realität aufdrängen wollten. Als ob man sein Geschlecht wählen könnte! Als ob Kinder Sexualität hätten! In welches Chaos geraten wir, wenn Jugendliche und Frauen über ihren Körper frei bestimmen können? Ich warne. Da löst sich alles auf. Die Menschenwürde ist unantastbar vom Moment der Zeugung an. Es gibt zwei Geschlechter. Punkt. Wenn das nicht mehr gilt, dann gibt es nichts mehr, woran man sich halten kann. Wir brauchen Ordnung. Ausnahmen – wie zum Beispiel Alice Weidel – kann es geben, klar, aber sie müssen Ausnahmen bleiben.  

Dass «es nichts gibt / Woran man sich halten kann», das ist doch von Brecht. Sie zitieren einen Kommunisten?

Na und? Was glauben Sie! Ich weiss, was Klassenkampf ist. Mein Vater war Bauer, und als das Kapital in unser abgelegenes Tal einfloss, hat er sein Land verkauft. Gott, kam er sich reich und schlau vor! Das Land ging über mehrere Zwischenhändler an die Bank, die baute dann und verdiente. Mein Vater war enteignet worden, sein Wissen und seine Fähigkeiten waren plötzlich nix mehr wert. Als meckernder Alter sass er rum, eine abstossende Figur. Und wir, seine Kinder, verrohten. Ich hab damals viel Scheiss gebaut. Dann geriet ich auch in den 68-Zirkus. Da hab ich viel gelernt, wie man protestiert, wie man die da oben ärgert, und so. Aber eines sage ich Ihnen: Spätestens während der Pandemie ist die Rebellion definitiv nach rechts gegangen, weg von einer Linken, die Verzicht predigt und uns mit politischer Korrektheit schikaniert. 

Wie stehen Sie zu Donald Trump? 

Ich verfolge täglich mit Faszination, was er und diese Tech-Milliardäre da, Elon Musk, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg und wie sie alle heissen, was die so tun. Das hat Unterhaltungswert. 

Sind Sie einverstanden mit dem, was die tun?

Schon. Nicht immer. Was weiss ich? Die sind auch Schweine, aber im Grossen. Die kommen draus. Und sie kämpfen! Sie versprühen Energie! Sie machen kurzen Prozess! Das ist schön. Vergleichen Sie die mal mit den Schweizer Jammerfürzen, die zu Hause an Trump rumkritteln, dann aber nach Washington fahren und ihm in den Arsch kriechen wollen. Trump schafft Ordnung und Klarheit. Trump serviert täglich mit einem Federstrich oder einem militärischen Einsatzbefehl Probleme ab, die zuvor jahrelang aufgebläht und verkompliziert wurden von Bedenkenträgern aller Art, von jüdischen Anwälten und Politikern, die die Leute abzocken. Die nennen sich dann Judikative, berufen sich auf Gewaltenteilung, auf regelbasierte Ordnung und auf ähnlichen Chabis. Ich bewundere Netanyahu, der endlich aufräumt im Nahen Osten, aufräumt mit den Arabern und Islamisten. Ich sammle Bilder von jungen israelischen Soldaten. Sie sind Helden.  

Wir müssen wieder lernen, die Schönheit des Kampfes zu sehen. Herrlich sind die muskulösen Männerkörper bei den Hyrox-Trainingskämpfen. Erregend sind die Mixed-Martial-Arts-Kämpfe der Frauen. Schmerzverzerrt und oft blutüberströmt umschlingen sie sich, bis eine von beiden die Schläge nicht mehr aushält oder in der eisernen Umarmung erschlafft. Das ist Leben!


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie greift Beiträge aus Medien auf, widerspricht aus journalistischen oder sprachlichen Gründen und reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.

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