Kommentar

kontertext: Hillary und die sieben Zwerge

Martina Süess ©

Martina Süess /  Keine News ohne Story. Ist das schlimm?

Mit Geschichten ist es so eine Sache: Wir können einfach nicht ohne. Kaum organisieren wir Daten, Fakten, Ereignisse so, dass sie Sinn ergeben, kommt eine Geschichte raus. Selbst wenn es uns einmal gelingt, den Stoff chaotisch zu präsentieren, müssen wir damit rechnen, dass unser Gegenüber aus den Bruchstücken eine Erzählung bastelt. Ein paar Brocken, ein paar Reizworte genügen, und schon glauben wir zu wissen, was gespielt wird.

Die sieben «basic plots»

Im Journalismus gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, damit umzugehen. Entweder man gibt sich betont nüchtern und versucht, die erzählerischen Elemente zu verstecken. Oder man geht in die Offensive und propagiert «Storytelling» als angesagte Form der journalistischen Berichterstattung. So oder so: Erzählt wird immer, und wenn man genau hinschaut, merkt man schnell, dass hier wie dort die eigentliche Botschaft weniger von den «Fakten» abhängt als von der Einbettung der Fakten in einen vertrauten Plot. Das ist nicht schlimm. Denn wie gesagt: Wir können nicht anders. Die Frage ist deshalb nicht, ob, sondern welche Stories bei der Berichterstattung eingesetzt werden.

Besonders beliebt im Journalismus sind Geschichten, die man schnell begreift und die man ebenso schnell weitererzählen kann, weil sie mit Kategorien arbeiten, die uns vertraut sind. Der britische Journalist Christopher Brooker ging davon aus, dass es sieben Grundmuster gibt, auf die jede Geschichte reduziert werden kann. Ob das wirklich stimmt, sei dahingestellt, doch seine Typologie «The Seven Basic Plots» bietet den perfekten Einstieg ins journalistische Storytelling. Sowohl für die Praxis des Schreibens als auch für die Praxis einer informierten Mediennutzung. Denn «lesen können» heisst nicht nur, die Wörter zu kennen, die geschrieben stehen, sondern auch zu erkennen, in welcher Weise uns die Inhalte verabreicht werden. In Zuckersirup? Als Schnaps? Oder mit ein bisschen Salz und Pfeffer?

Hier drei Beispiele, wie aktuelle Pressetexte «basic plots» einsetzen:

  • 1. Die Wiedergeburt

«Ich dachte, Corona sei eine erfundene Sache, dann erkrankte ich selbst. Drei Skeptiker berichten, wie sich ihre Meinung zur Corona-Pandemie verändert hat.» (20 Minuten, 18.11.2020): Diese Headline enthält bereits alles, was für den «Wiedergeburt»-Plot nötig ist. Laut Brooker erzählt der «Rebirth» davon, wie ein Ereignis (hier die Krankheit) den Helden oder die Heldin verändert. Der Clou: Die Veränderung ist immer positiv. Die Heldin/der Held erkennt den Irrtum, befreit sich von falschen Zwängen und wird ein besserer Mensch. Auch wenn der Ausgang der Geschichte im Titel des 20 Minuten-Beitrags nicht verraten wird, ist uns die Stossrichtung des Textes völlig klar.

Bewertung: Die Story ist gut gewählt. Sie ist zwar wenig originell, entspricht aber dem Ziel des Textes, der Zielgruppe und dem Medientyp.

  • 2. Die Tragödie

«Autofahrer rast durch Fussgängerzone – fünf Tote» (SRF 1, 12.2020): Unfälle oder Verbrechen mit Einzeltätern, deren Motive unklar sind, werden meistens als Tragödie erzählt. Bei der Tragödie geht es nicht darum, einen übermächtigen Feind zu bekämpfen oder eine Meinung zu ändern. Die Tragödie soll in erster Linie «Jammer und Schauder» hervorrufen, wie es schon Aristoteles formulierte. SRF erzählt das Unglück von Trier hier als berührenden Dreiakter, der durch die wiederholte Information, dass sich unter den Toten auch ein «Kleinkind» resp. ein «Baby» befindet, besonders nahe geht. Der Täter rückt bei der Tragödie in den Hintergrund, im Vordergrund stehen die Opfer, die Trauernden und das ganz grosse Gefühl. Die Tragödie verleitet deshalb gern zu pathetischen Übertreibungen. «Es sei der schwärzeste Tag der Stadt Trier nach dem Zweiten Weltkrieg», wird der Bürgermeister von Trier hier unkommentiert zitiert. Eine Lösung gibt es bei der Tragödie nicht, die einzige angemessene Reaktion ist Mitgefühl: «Die Nachrichten aus Trier machen mich sehr traurig», twitterte Angela Merkel laut SRF.

Bewertung: Die Story ist gut gewählt, sehr konventionell eingesetzt, für ein Qualitätsmedium jedoch zu pathetisch und es fehlt an kritischer Distanz. (Muss man das peinliche Zitat des Bürgermeisters wirklich unkommentiert übernehmen?)

  • 3. Überwindung des Monsters

«Wir erleben einen neuen Klassenkampf. Nobelpreisträger Angus Deaton spricht von Tod aus Verzweiflung: In den USA hat die Sterblichkeit der Nichtakademiker stark zugenommen.» (NZZ am Sonntag, 22.11.2020): Offensichtlich geht es um Leben und Tod einer ganzen Gesellschaftsgruppe, um einen tödlichen «Klassenkampf». Da bietet sich der Plot «overcoming the monster» an. Das Grundmuster ist bekannt: Die Welt der Guten wird von einem bösen Wesen bedroht und muss gerettet werden – ein archaischer Ur-Mythos. Das Monster nimmt je nach historischer Situation und Zielgruppe ganz unterschiedliche Gestalten an: Es kann tierisch, ausserirdisch, posthuman, fantastisch oder anthropomorph erscheinen. Im Interview bietet Deaton verschiedene Möglichkeiten an. Als Ursachen für die Verzweiflung erwähnt er das schlechte Gesundheitssystem, das amerikanische Steuersystem, die Globalisierung, das Prinzip der Meritokratie, das schlechte Sozialsystem… Das sind zwar glaubwürdige Gründe für die beschriebene Misere, aber für eine griffige Story viel zu abstrakt.

Spannung erzeugt der journalistische Text nun damit, dass er von einem ganz bestimmten «Klassenkampf» erzählt. Die Bedrohten: «weisse Männer von 45 bis 54», wie es die Infografik und das Foto zu Beginn des Textes deutlich machen. Das Monster, gegen das sich die Wut dieser Männer richtet: «Personen aus der gebildeten Elite, wie zum Beispiel Hillary Clinton.» Sprich: die mächtige Frau. Die mächtige Frau ist ein Klassiker im Monsterplot. Wir kennen sie aus Mozarts Zauberflöte und aus den Märchen der Gebrüder Grimm. Als böse Königin bedroht sie das Glück des braven Mannes, raubt den Zwergen ihr Schneewittchen und der Sarastro-Sekte den siebenfachen Sonnenkreis. Frieden, Weisheit und Jungfrauen werden für den kleinen Mann erst dann wieder erreichbar, wenn die Königin besiegt ist. Diese Story ist in unserer Erzähltradition so tief verankert, dass Andeutungen genügen. Selbst wenn es sich um eine Angst-Phantasie von alkohol- und drogenabhängigen «Nichtakademikern» zwischen 45 und 54 handelt, wird diese Story bestimmt auch im einen oder anderen Akademikerhirn anklingen.

Bewertung: Spannender journalistischer Einsatz eines Plots zur Reduktion von Komplexität, aber denkbar ungeeignet, um das Problem der sozialen Ungerechtigkeit in den USA zu erklären.

Vorsicht vor Lieblingsgeschichten!

Wer über eine gewisse «Story Literacy» verfügt, kann journalistische Texte besser verstehen, besser einordnen und besser bewerten. Allerdings sollte man die eigene Verführbarkeit nicht unterschätzen. Auch beim Medienkonsum gilt, was der Finanzökonom Tyler Cowen über die Wirkung von Stories in der Wirtschaft gesagt hat: Je mehr uns eine Geschichte einleuchtet, inspiriert und beglückt, um so skeptischer sollten wir ihr gegenüber sein. Genau dann ist es nämlich besonders wahrscheinlich, dass wir dem Selbstbetrug zum Opfer fallen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Martina Süess ist Literaturwissenschaftlerin und Autorin des Buches „Führernatur und Fiktion. Charismatische Herrschaft als Phantasie einer Epoche". Sie arbeitet als Dozentin und Journalistin.

    Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Christoph Wegmann, Matthias Zehnder.

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