kontertext: Blick auf Menschen mit und ohne Schweizer Pass

Linda Stibler ©

Linda Stibler /  Eine spannende Themenwoche auf allen drei Sendern von Radio SRF.

Für einmal redeten nicht Fachleute und Experten über das Thema, sondern die neuen Mitbürger über sich selbst. Während der Themenwoche «gib Pass» kamen vor allem Mitbewohner zu Wort, die sich in der Schweiz eingebürgert haben oder das bisher nicht wollten. Im Treffpunkt auf DRS 1 zum Beispiel erzählten sie heitere, berührende, manchmal auch witzige Geschichten über ihren Weg zum Schweizer Pass. Oder sie machten sich ihre eigenen Gedanken über das Verfahren zur Einbürgerung und die damit verbundenen Kosten, denen sich auch Leute, die hier geboren sind, unterziehen müssen. Ob sich da so viel verändert hat, seit dem Film «Die Schweizermacher» von Rolf Lissy aus den Siebzigerjahren? Die Hemmschwelle ist jedenfalls da und manche erzählten, dass sie auch deshalb auf die Einbürgerung und das «rote Büchlein» verzichten wollen.

Verschiedene Gründe für eine Doppelbürgerschaft
In der Startsendung auf SRF3, die offenbar den Anstoss zur Themenwoche gab, kamen diese Gegensätze ausführlich zu Wort in der Person von Janko auf der einen Seite und Paolo auf der andern Seite. Sie erzählten von ihrem Verhältnis zur Schweiz und dem Entschluss, sich um das Schweizer Bürgerrecht zu bewerben – oder eben nicht. Kaum zwanzigjährig hatte sich der aus Kroatien stammende Janko, der mit seinen Eltern hierher kam und zum Teil hier aufgewachsen ist, um eine Einbürgerung bemüht und diese dann auch erhalten. Er hat wie andere den Militärdienst geleistet, fühlt sich hier zu Hause und auch von seinen Mitbürgern völlig akzeptiert. Trotzdem hält er, weil dies in der Schweiz möglich ist, an einer Doppelbürgerschaft fest, denn die alte Heimat kann man nicht so einfach über Bord werfen. Das gilt in vermehrtem Masse auch für sein Gegenüber Paolo, der zwar hier geboren ist, mit zwei italienischen Eltern, von denen sogar schon seine Mutter hier geboren ist, der sich aber nicht dazu entschliessen konnte, sich um ein Schweizer Bürgerrecht zu bewerben. Er gibt es ganz offen zu – vor allem weil er keinen Militärdienst leisten möchte, aber auch weil offensichtlich die emotionale Bindung an Italien immer noch sehr gross ist. Trotzdem fühle er sich als Schweizer und hier völlig integriert. Bei beiden ist die Identifikation mit diesem Land beeindruckend. Beide haben übrigens hier studiert, was möglicherweise das positive Bild beeinflusst.

Der Traum vom Weltenbürger
Auch DRS 2 hat sich im Verlauf der Tagesproduktion immer wieder mit dem Thema auseinandergesetzt und legte vor allem das Gewicht auf jene, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen in der Schweiz nicht einbürgern lassen wollten, obwohl sie oft lange hier leben. Manchmal sind es ganz lapidare praktische oder finanzielle Überlegungen, aber oft auch die Nähe zu Europa oder die Vorstellung, ein Weltenbürger zu sein.
Am eindrücklichsten jedoch war die themenbezogene Stunde im Rahmen von «World Music Special» auf DRS 3. Auch hier kamen zwei unterschiedliche Männer zu Wort – Mitglieder der Band Suma Covjek, die bekannt ist für ihre Balkanmusik. Beide leben seit ihrer Kindheit in Mitteleuropa respektive der Schweiz. Für Ivica Petrusic, der mit seinen Eltern aus dem damaligen Jugoslawien hierher gekommen war und nach den Kriegswirren den Kroaten zugerechnet wurde, aber eigentlich aus Bosnien stammt, war es bald klar, dass er auch als Musiker hier heimisch sein konnte.
Für den ursprünglich aus Algerien stammenden Hafid Derbal war die Situation reichlich kompliziert. Mit seinen Eltern war er als Kind vor dem Bürgerkrieg aus Algerien geflohen und kam vorerst nach Deutschland, weil seine Mutter ursprünglich aus Deutschland stammte und einen deutschen Pass besass. Nach vielen Stationen in verschiedenen Ländern fand er in der Schweiz einen Wirkungskreis als Musiker und hat sich hier sehr gut eingelebt. Trotzdem konnte er sich noch nicht zum Entschluss durchringen, das Schweizer Bürgerrecht zu beantragen. Beide Musiker schildern überzeugend, dass es nicht einfach war, hier Fuss zu fassen und zugleich ihre Beziehungen zu den Herkunftsländern zu bewahren.
Viele Einheimische machen sich keine Vorstellung, wie Menschen mit Migrationshintergrund hier langsam, aber sicher zum Mitbürger wurden, obwohl das oft mit grossen Schwierigkeiten verbunden war. Man könnte sich daher vorstellen, dass das Thema Diskussionen anstösst. Es ist ein Verdienst der Radioschaffenden, dass es ihnen gelungen ist, allen einfach zuzuhören und alle möglichen Vorurteile und Provokationen zu vermeiden. Das verlangt vor allem eine sorgfältige Moderation der Gespräche, die das Thema selbst ins Zentrum stellt und Leuten aus dem Publikum, die etwas dazu beitragen können, auf Augenhöhe begegnet. Vielleicht entsteht da langsam eine neue Debattenkultur, die auf Beschimpfung oder Besserwisserei verzichtet. Jedenfalls ist der Versuch mit dieser Themenwoche gelungen. Er verdient Anerkennung!


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Die Journalistin und Autorin Linda Stibler war über 40 Jahre in verschiedenen Medien tätig, unter anderem in der damaligen National-Zeitung, in der Basler AZ und bei Radio DRS (heute SRF).

  • Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Christoph Wegmann, Matthias Zehnder.

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