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In den Böden Mittelbadens befinden sich grosse Mengen PFC, die vermutlich aus Papierschlamm stammen. © CC

Kompostgift im Spargelfeld

Daniela Gschweng /  Seit Jahren sind Böden und Grundwasser in Baden-Baden und Rastatt mit Fluorchemikalien verseucht. Getan wurde dagegen bisher wenig.

Vor etwa zehn Jahren bekam der Badener Öko-Bauer Christoph Decker ein Angebot, das er als Bauer fast nicht ausschlagen konnte: Ein benachbarter Komposthändler bot ihm kostenlosen Kompost an. Sogar aufgebracht würde dieser vom Zulieferer, er müsse sich um nichts kümmern.

Decker lehnte ab, und er tat gut daran. «Wenn mir jemand zehn Kilo Äpfel schenkt, muss ich mich doch fragen, warum er das macht und was da in den Äpfeln wohl drin ist», sagte er der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ). Ein kluger Gedanke. Geholfen hat er ihm an Ende trotzdem nichts.

Ein giftiges Geschenk wirkt nach

Andere Bauern hatten weniger Bedenken. Was im grosszügigen Kompostgeschenk «drin war», hat inzwischen auch Deckers Hof erreicht. Jahrelang rieselte eine giftige Suppe aus per- und polyfluorierten Chemikalien, kurz PFC, aus den Bewässerungsdüsen auf sein Demeter-Gemüse. Ein Teil von Deckers Boden in Bühl, in der Nähe von Baden-Baden am Fusse des Schwarzwalds, ist verseucht.

Was ihn verseucht hat, darüber ist man sich einigermassen im Klaren: Zwischen 2005 und 2008 landeten tonnenweise Abfälle der Papierindustrie, die PFC enthielten, auf den Feldern. Von den Äckern machten sich die giftigen Substanzen auf den Weg ins Grundwasser. Die Star-Energiewerke in Rastatt, die für die Wasserversorgung zuständig sind, schlugen 2012 Alarm und sperrten mehrere Brunnen.

«Flächenmässig grösster Umweltskandal Deutschlands»

Mehr als 400 Hektar Land sind inzwischen mit PFC verseucht, sagen die Behörden. Umweltschützer sprechen vom «flächenmässig grössten Umweltskandal Deutschlands». Und das in einer Gegend, in der intensiv Landwirtschaft betrieben wird.

Wie die Papierschlämme auf die Felder gelangen konnten, weiss man allerdings nicht genau. Die «Entsorgung minderwertigen Materials» als Kompost, wie der Verwaltungsgerichtshof Mannheim dazu feststellte, ist in Deutschland nicht erlaubt. Auch in der Schweiz, bestätigt das Bundesamt für Umwelt (BAFU), ist die Kompostierung von Papierschlämmen verboten. Mit der Einschränkung, dass «mögliche Regelungen, ob und unter welchen Bedingungen Papierschlamm aus naturbelassenem Holz kompostiert werden darf» derzeit diskutiert würden.

Systematische Kontrollen auf PFC gibt es auch in der Schweiz nicht

Der Komposthändler Franz Vogel, selbst Biobauer und nach eigenen Angaben «schockiert» über dem Vorwurf, ein übler Umweltverschmutzer zu sein, weist die Vorwürfe von sich. Das Material, das ihm von Gewerbeaufsicht und Papierfabrik zum Kompostieren angeboten worden sei, sei auf Schadstoffe getestet worden, sagt er. Allerdings nicht auf PFC, weil es zu dieser Zeit noch nicht vorgeschrieben gewesen sei.


Im deutschen Landkreis Rastatt sind etwa 400 Hektar Boden mit PFC belastet.

Ob der Papierschlamm-Kompost an der Verschmutzung tatsächlich schuld ist, ist schwer nachzuweisen. Eine systematische Kontrolle der Böden auf polyfluorierte Chemikalien ist weder in Deutschland noch in der Schweiz üblich.

Dass Altlasten das Grundwasser erreichen, kann in beiden Ländern jederzeit geschehen, denn auch das Wasser wird nicht flächendeckend auf PFC geprüft. Die letzte Studie des BAFU mit Wasserproben von 2007 und 2008 stellte fest, die gefundenen PFC-Konzentrationen seien «gering».

Zögernde Reaktion der Behörden

Seit drei Jahren ist der badische Skandal jetzt aktenkundig, geschehen ist so gut wie nichts. Von Amts wegen wird vor allem gemessen. Voraussichtlich noch bis zum Jahr 2021, schreibt die FAZ. Die Behörden wollen Rechtssicherheit und die gibt es derzeit nicht. Nicht einmal in der Gefahreneinschätzung sind sie sich einig.

So durften Bauern unter Einschränkungen weiter bestimmte Lebensmittel auf den verseuchten Äckern anbauen – verschiedene Pflanzen nehmen das Gift unterschiedlich gut auf. Ein Jahr später zeigte sich diese Annahme als wenig präzise. Erdbeeren und Spargeln waren bis dahin längst verzehrt. Die ersten Freilandversuche gab es in diesem Jahr, der Anbau ist noch immer nicht verboten.

Verzweiflung im Wasserwerk

Von allein verschwinden werden die giftigen Chemikalien aber nicht. PFC, die beispielsweise bei der Herstellung von wasserabweisenden Textilien, Teflonpfannen und Farben eingesetzt werden, kommen in der Natur nicht vor und werden so gut wie nicht abgebaut. Welche Wirkung PFC auf Menschen haben können, zeigte der Skandal um die Chemikalie PFOA, die in den USA von der Firma DuPont jahrelang in die Umwelt gebracht wurden (Infosperber berichtete). Unter anderem sind etliche Gerichtsverfahren wegen Krebserkrankungen hängig, die auf die Substanz zurückgeführt werden.

Von einer Sanierung der betroffenen Böden ist jedoch noch keine Rede. Olaf Kaspryk, Geschäftsführer der Star-Energiewerke, ist verzweifelt. Er trägt die Verantwortung für das Trinkwasser, das zehntausende Verbraucher in Baden täglich konsumieren. Von Experten aus ganz Deutschland, die mit ähnlichen Problemen kämpfen, bekam er die Rückmeldung «Wir hatten das Problem auch. Aber nicht in dieser Dimension».

Aussergewöhnlich komplexe Tatenlosigkeit der Behörden

Das Umweltministerium des grün regierten Bundeslandes Baden-Württemberg liess auf Kaspryks dringliche Warnung wissen, dass «aufgrund der komplexen Belastungssituation und der aussergewöhnlich grossen betroffenen Fläche leider keine geeigneten Sofortmassnahmen zur Verfügung stehen». Währenddessen sieht der Fachmann zu, wie die giftige Brühe sich weiter ins Grundwasser mischt. In zwei Jahren, sagt ein Gutachten, wird sie in Ottersdorf bei Rastatt angekommen sein, wo das Hauptwasserwerk der Region steht. Danach fliesst sie weiter nach Karlsruhe.
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Diesen Beitrag hat Daniela Gschweng aufgrund eines Berichts der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» und Auskünften des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) erstellt. Grosse Medien in der Schweiz haben bisher nicht darüber berichtet.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

Zum Infosperber-Dossier:

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