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Cannabisblüten, die in Europa konsumiert werden, stammen immer öfter aus den USA. © cc-by Marco Verch, CCNull, mit Hilfe von KI

US-Cannabis verdrängt europäisches Gras

Daniela Gschweng /  Da spielt der Markt: Cannabis aus den Vereinigten Staaten ist günstig, weil es dort in grossen Mengen produziert wird. 

In den Papieren steht, was zu Grösse und Gewicht passt – «Jeans» beispielsweise oder «Weihnachtsschmuck». Doch viele Luftpostpakete, die durch die Zollkontrollen laufen, enthalten Cannabis, berichtete die «FAZ» kürzlich vom Flughafen Köln/Bonn.

Nicht jede Drogensendung wird gefunden, der Zoll kontrolliert nur Stichproben. Fast jede Nacht werden die Drogenhunde fündig. Immer mehr Pakete kommen aus den USA, nicht nur am Flughafen Köln-Bonn, sondern in ganz Europa. Jens Ahland vom Hauptzollamt Köln spricht gegenüber der «FAZ» von einer «Schwemme an Marihuanasendungen aus den USA». «Die USA fluten Deutschland mit Drogen», machte die Bildzeitung umgehend daraus.

Der «War on Drugs» führte zur US-Überproduktion

Das hört sich absurd an: Der War on Drugs», den die USA seit Jahrzehnten führen, ist bekannt. Er diente kürzlich beispielsweise als Rechtfertigung für das Versenken von Booten vor Venezuela und die Gefangennahme des venezolanischen Regierungschefs.

Durch heimische Cannabis-Produktion wurde der Schmuggel aus Mittelamerika in die USA auch erfolgreich bekämpft. Gleichzeitig sind die USA dabei zu einem der weltweit grössten Cannabis-Exporteure geworden. Der Hauptgrund: Seit Cannabis in vielen US-Bundesstaaten legal oder teilweise legal ist, gibt es eine massive Überproduktion.

Nach Daten des Zolls wird immer mehr US-Cannabis illegal nach Europa importiert. Dabei könnte Europa seinen illegalen Cannabis-Bedarf selbst decken, genauso wie den Bedarf an Medizinal-Cannabis. Seit mehreren Jahren verzeichnet auch die EU-Behörde EUDA steigende Mengen. Im November 2025 verschickte sie eine Warnung an die Mitgliedsländer. In Belgien habe der Zoll 2025 mit 21 Tonnen Cannabis fünfmal so viel Cannabis beschlagnahmt wie im Jahr davor, in den Niederlanden viermal so viel. Umfassende Zahlen für 2025 gibt es noch nicht.

Europa könnte sich selbst versorgen

Die USA lösen damit europäische Länder als Lieferanten ab. Medizinalcannabis stammt grössteneils aus Kanada, illegales Cannabis kam lange aus Albanien, dann aus Spanien. Die Ware aus den USA sei einfach günstiger, vermutet der EUDA-Analyst Robert Pătrăncuş. Die Grosshandelspreise liegen laut der EUDA um bis zu zwei Drittel unter den europäischen Cannabispreisen. Das Gras aus den USA, oft als «Cali Weed» bezeichnet, sei zudem beliebt in Europa, weil es mehr vom Wirkstoff THC enthalte als heimische Ware. Obwohl es oft unter hohem Pestizideinsatz angebaut werde.

In den USA selbst ist die Situation uneinheitlich, da jeder Bundesstaat seine eigenen Gesetze zum Anbau, Verkauf und Gebrauch von Cannabis erlassen kann. Auf Bundesebene ist die Droge verboten. Es gebe Hinweise darauf, dass in einzelnen Staaten sehr viel mehr Cannabis für den legalen medizinischen Gebrauch angebaut werde, als für den legalen Markt benötigt werde. Die Überproduktion füttert folglich den Schwarzmarkt. Der Transport von Cannabis über die Grenzen eines Bundesstaats ist jedoch verboten.

Chinesische Kriminelle profitieren

Da kommt die organisierte Kriminalität ins Spiel und damit der Teil des Themas, der den europäischen Behörden am meisten Sorgen macht: Nach Recherchen mehrerer US-Medien profitieren vor allem chinesische Kriminelle vom halblegalen oder illegalen Cannabishandel. Diese handeln auch mit anderen Drogen und sind in anderen Bereichen aktiv. «Geldwäsche, Glücksspiel, Bestechung, Urkundenfälschung, Bankbetrug, Umweltverschmutzung sowie Diebstahl von Wasser und Strom», zählt die «FAZ» auf. Die begleitende Gewaltkriminalität beginne schon auf den Cannabisfarmen.

Der Markt ist gross und profitabel: Laut dem EU-Drogenreport 2025 konsumieren in der EU rund 4 Millionen Konsument:innen zwischen 15 und 64 Jahren täglich Cannabis, viele weitere seltener. Der Markt wird auf rund 12 Milliarden Euro geschätzt. Ob chinesische Banden in Folge auch in Europa aktiver sind, darüber machen weder der Europäische Drogenbericht 2025 noch der Europol-Bericht über organisierte Kriminalität Angaben.

Für die Schweiz gibt es im Report keine Zahlen. Die EUDA-Statistik zeigt aber einen eher hohen Cannabiskonsum in den Nachbarländern. Kaum anzunehmen, dass dieser an den Grenzen endet:

EUDA Cannabisconsum EU
In den EU-Ländern konsumieren Millionen Menschen täglich Cannabis.

Die teilweise Legalisierung von Cannabis in Deutschland habe dem Trend zum US-Produkt keinen Abbruch getan. Medizinische Behandlungen sowie Besitz und Anbau kleinerer Mengen zum Eigengebrauch sind in Deutschland seit April 2024 erlaubt. Laut der deutschen «Tagesschau» hat sich der Konsum dadurch kaum verändert. Sich per Online-Verordnung Cannabis verschreiben zu lassen, ist sehr einfach. Volljährige können Mitglied eines Cannabis Social Clubs werden, wo sie festgelegte Mengen Cannabis beziehen können. Die Clubs allerdings kämpfen mit einem Wust an Vorschriften. Sie haben Schwierigkeiten, geeignete Räumlichkeiten zu finden oder eine Bank, über die sie den Zahlungsverkehr abwickeln können.

So manchem Konsumenten ist das alles zu kompliziert und der illegale Schwarzmarkt, den man eigentlich bekämpfen wollte, blüht weiter. Zumal die Teillegalisierung schon wieder auf der Kippe steht: Die regierende CDU/CSU würde sie gerne wieder rückgängig machen. Für das deutsche Bundeskriminalamt (BKA) und seine Pendants in anderen EU-Ländern hat laut der «FAZ» die Bekämpfung der organisierten Kriminalität Priorität.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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