Der Spieler: «Träxx» oder die Krux mit der Gattung

Synes Ernst. Der Spieler ©

Synes Ernst. Der Spieler /  Mit Gattungsbegriffen lassen sich Spiele einordnen. Aber nicht immer ist ein passender Begriff zur Hand, wie etwa «Träxx» zeigt.

Vor mir liegt «Träxx». Schon oft habe ich es gespielt, allein oder mit anderen. Und jetzt sollte ich eine Rezension schreiben für «Apéro», das Ausgehmagazin der «Neuen Luzerner Zeitung». Wie immer beginne ich mit den ludographischen Angaben zum Spiel: Name des Spiels, Gattung, Autoren, Zahl der Mitspielenden, für welches Alter geeignet, Verlag und Verkaufspreis. Der Name ist kein Problem, er steht ja auf der Verpackung. Also «Träxx». Gattung? Ich überlege, grüble, studiere, doch fällt mir nichts Passendes oder Zutreffendes ein. So beschliesse ich, die Ludographie zu vervollständigen, wenn ich die Besprechung geschrieben habe. Es hätte ja sein können, dass ich während des Schreibens klüger würde.

Wenn ich ein paar Wochen später lese, was mir damals eingefallen ist, muss ich gestehen, dass es auch nicht das Gelbe vom Ei war: «Weg-Such-Spiel». Ich würde die Kategorisierung heute sicher nicht mehr verwenden. Hingegen stehe ich immer noch zum ersten Abschnitt meines Textes: «Selten habe ich mich so schwer getan bei der Zuordnung eines Spiels zu einer bestimmten Gattung. Denn ‚Träxx‘ ist weder Würfel- noch Taktikspiel, weder Kommunikations- noch Aufbauspiel, weder Karten- noch Brettspiel. ‚Träxx‘ ist ‚Träxx‘, am ehesten noch vergleichbar mit ‚Take it easy‘, bei dem alle Mitspielenden gleichzeitig jeder für sich dieselbe Aufgabe lösen. Und doch ist alles anders.»

Wenig selbsterklärend

Bei den Vorbereitungen für diese «Infosperber»-Kolumne bin ich auf eine Besprechung von «Träxx» gestossen, die mein Jury-Kollege Udo Bartsch eben veröffentlicht hat. Für das Problem, mit dem ich mich herumgeschlagen hatte, schlägt er folgende Lösung vor: «‚Träxx‘ steht in der Tradition einfacher Mehrpersonen-Solitär-Spiele. Also in der Tradition von ‚Take it easy‘, ‚Fits‘ oder ‚Würfel Bingo‘. Mehrpersonen-Solitär-Spiel bedeutet: Jeder spielt für sich, eigentlich ist es schnurz, was die anderen machen, und hinterher vergleicht man die Punkte.»

Eine elegante Formulierung, finde ich. Und trotzdem frage ich mich, ob das Zielpublikum mit dem Gattungsbegriff «Mehrpersonen-Solitär-Spiel» mehr anfangen kann als mit meinem etwas hilflosen «Weg-Such-Spiel». Denn beide sind nicht ganz selbsterklärend, was aber für eine Schnellpositionierung des Produkts unbedingt von Vorteil wäre. Was ich damit meine, lässt sich am Beispiel «Würfelspiel» hervorragend illustrieren: Eine solche Etikette bedeutet, dass in diesem Spiel Würfel geworfen werden, was wiederum heisst, dass der Glücksfaktor sehr hoch ist. Jemand, der Strategie und Taktik bevorzugt, weiss nun, dass das betreffende Spiel für ihn weniger geeignet ist.

Eigentlich beschäftigen wir uns hier mit einem Luxusproblem. Dass wir Spielekritikerinnen und -kritiker hie und da ein Spiel vor uns haben, das wir nicht auf Anhieb einer bestehenden Gattung zuordnen können, ist kein Grund zur Verzweiflung. Im Gegenteil. Wir müssten in Jubel ausbrechen, weil das «gattungslose» Spiel letztlich ein Beweis dafür ist, dass die Szene lebt. Dass es einer Autorin oder einem Autor in Zusammenarbeit mit einer fähigen Redaktion gelungen ist, etwas zu realisieren, für das es noch keine Vorbilder gibt. Das ist Ausdruck von Phantasie, Kreativität und – manchmal auch – von Genialität.

Tanz ums Goldene Kalb

Leserinnen und Leser dieser Kolumne wissen, dass mir der Neuheiten-Hype, der die Spielewelt jedes Jahr namentlich im Vorfeld der Internationalen Spieltage von Essen erfasst, zuwider ist. Das Getue dreht sich – und das ist das Stossende – in erster Linie um die Zahl der Neuheiten, weniger um deren Qualität. Deshalb kommt mir das Ganze auch vor wie ein Tanz um das Goldene Kalb. Umso mehr freue ich mich, wenn ich auf ein Spiel wie «Träxx» stosse, das in diesem Rummel beinahe unterzugehen droht, obwohl es sämtliche Runden, in denen ich es bisher gespielt habe, begeistert und überzeugt hat.

In «Träxx» spielt, wie gesagt, jeder für sich, wobei alle Teilnehmenden die gleiche Aufgabe zu lösen haben. Jeder hat ein Tableau mit Farb- und Zahlenfeldern vor sich. Pro Runde wird eine von 15 Karten aufgedeckt, auf denen entweder vier oder fünf Farbfelder abgebildet sind. Aufgrund der entsprechenden Vorgabe verlängert man mit einem Stift die Strecke auf seinem Tableau. Gut ist es, wenn man dabei an den passenden Farbfeldern vorbei kommt. Lohnenswert sind die mit einer Zahl markierten Farbfelder: Wer sie passiert, bekommt Siegpunkte. Weil sich die Strecken nicht kreuzen dürfen, sind die jeweiligen Verlängerungen so zu optimieren, dass man sich nicht vorzeitig den Weg abschneidet. Und das ist schlecht: Für Felder, die am Schluss unberührt sind, kassiert man zur Strafe Maluspunkte. «Träxx» ist rasch erklärt und spielt sich locker, aber nie emotionslos, was für ein Spiel, das sich so nüchtern präsentiert, doch eher erstaunlich ist. Planen, spekulieren, abwarten und riskieren – diese Mischung macht es aus.

Zu welcher Gattung gehört das nun? Die Spielkritik kümmert sich wenig um diese Frage. Ich blende zehn Jahre zurück. Damals erschienen Titel auf dem Markt, die einen ganz neuen Typ von Spielen verkörperten: Üppig in Grafik und Ausstattung, hochkomplex, mit einer Vielzahl von unterschiedlichsten Aktionsmöglichkeiten, die man aktiviert, indem man eine Figur auf einem bestimmten Feld auf dem Spielbrett platziert, und schliesslich mit einer Spieldauer von mindestens 90 Minuten. Die Spiele hiessen «Caylus», «Agricola» oder «Stone Age» und haben eine Gattung begründet, welche seither in der Spielentwicklung einen zentralen Platz einnimmt – den Typ des Worker-Placement-Spiels. Bei der Lektüre von «Caylus»- oder «Agricola»-Rezensionen stelle ich aber fest, dass der heute gängige Begriff «Worker-Placement»-Spiel damals unbekannt war. Stattdessen sprach man von «sehr komplexen» Spielen, Spielen «für Vielspieler». Das war viel- und trotzdem nichtssagend. Aber das breite Publikum wusste, dass es sich nicht um «Familienspiele» handelte. Immerhin.


Träxx von Stefan Benndorf und Reinhard Staupe für 1 bis 4 Spielerinnen und Spieler ab 8 Jahren. Nürnberger-Spielkarten-Verlag (Vertrieb Schweiz: Carletto AG, Wädenswil), Fr. 17.90


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Spielekritiker für das Ausgehmagazin «Apéro» der «Neuen Luzerner Zeitung». War lange Zeit in der Jury «Spiel des Jahres», heute noch beratendes Mitglied. Als solches nicht an der aktuellen Wahl beteiligt. Befasst sich mit dem Thema «Spielen – mehr als nur Unterhaltung».

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