Der Spieler: Mehr als eine kitschige Basar-Idylle

Synes Ernst. Der Spieler ©

Synes Ernst. Der Spieler /  «Istanbul» ist «Kennerspiel des Jahres». Den Titel trägt das Spiel zu Recht. Es geht um Optimierung und Effizienz.

Geht es in einem Spiel um Feilschen und Handeln, so siedeln Spielverlage ihre Produkte im Vorderen Orient oder in Ländern rund um das Mittelmeer an. Das ist seit Jahrzehnten so und wird auch immer so bleiben. Denn auch die Spielebranche lebt von den Mythen und Scheinwelten, die sämtliche Krisen und Kriege überleben. Handel ist Basar und Basar ist Naher Osten, so lautet die ewige Gleichung, auch wenn sich dieses Gebiet derzeit wegen Bürgerkriegen, Unruhen, Terror und Anarchie in einem höchst kritischen Zustand befindet.

Die Spiele, um die es geht, wollen mit der Wirklichkeit gar nichts zu tun haben. Das Cover von «Istanbul», das kürzlich mit dem Titel «Kennerspiel des Jahres» ausgezeichnet worden ist, demonstriert dies beispielhaft. Blickfang ist ein freundlich drein schauender Kaufmann, der dem Betrachter eine Handvoll Diamanten entgegenstreckt. Er trägt eine Art Fest- oder Sonntagstracht, kein Häuchlein von Dreck oder sonst etwas, was darauf hinweisen könnte, dass er hart arbeiten müsste. Nein, muss er ja nicht. Denn er hat ja seine Gehilfen, welche den engen Basar mit ihrem Handkarren blockieren, weil sie gerade angehalten haben, um mit einem Händler um eine Ananas – in Istanbul ja eine exotische Frucht – feilschen. Auch die Gehilfen hinterlassen bei mir den Eindruck, als sei Arbeit für sie ein Fremdwort. Im Hintergrund diskrekt die Hagia Sophia, eines der Wahrzeichen Istanbuls.

Weltfremder Edelkitsch

Idyllischer weltfremder Edelkitsch, dem sich auch die Fachjury «Spiel des Jahres» nicht entziehen kann. In Begründung ihres Entscheides schreibt sie: «Istanbul simuliert das geschäftige Treiben auf einem Basar so effektvoll und vielseitig, wie Spieler es sich nur wünschen können. Wie auf einem echten orientalischen Markt hetzen die Kaufleute umher, um schneller als die Konkurrenz zu sein …».

Doch genug gelästert! Konzentrieren wir uns auf das Wesentliche, auf das Spiel selber, seinen Inhalt und seine Qualitäten. «Istanbul» ist ein Optimierungsspiel und segelt damit voll im aktuellen Trend. Von anderen Titeln dieser Art unterscheidet es sich unter anderem auch dadurch, dass es keinen festen Spielplan aufweist. Vielmehr wird der Basar, der Ort des Geschehens, in jeder Runde mit Hilfe von 16 so genannten Ortskarten neu ausgelegt. Das heisst für die Mitspielenden, sich jedesmal eine neue Strategie zurechtzulegen. Man muss also flexibel sein und genau jenes Vorgehen wählen, das in der vorgegebenen Situation am meisten Erfolg verspricht. Wer ein Spiel sucht, in dem man Change-Prozesse lernen und üben kann, sollte ein paar Partien «Istanbul» spielen, und schon ist er mitten drin.

Ein Gefühl der Knappheit

Je besser die gewählte Strategie auf die mit den Ortskarten ausgelegte Situation abgestimmt ist, desto kürzer sind die Wege, die man in «Istanbul» gehen muss, um die gestellte Aufgabe zu erfüllen, die darin besteht, fünf Edelsteine zu sammeln. Wer das als Erster schafft, hat gewonnen. Und das ist in der Regel der Spieler, der mit den wenigsten Zügen auskommt, was zu diesem Spiel passt, denn irgendwie hat man immer das Gefühl, es herrsche an allem Knappheit, an Waren, Geld und Zeit. Effizienz und Optimierung sind die Begriffe, die einem aus der Sprache des Managements dazu einfallen. Doch das ist nicht alles: Ebenso wichtig ist es, seine Ressourcen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort einzusetzen. Ressourcen, das sind in diesem Fall die Gehilfen, die man benötigt, um zu den Waren zu kommen, die man wiederum braucht, um die wertvollen Rubine zu kaufen. Das heisst: die Strategie mag noch so gut sein, sie kommt erst zum Tragen, wenn sie durch eine Taktik ergänzt wird, mit der man flexibel auf das Verhalten der Mitspielenden reagieren kann.

In «Istanbul» steckt also viel mehr als eine Basar-Idylle. Die Auszeichnung «Kennerspiel des Jahres» sagt ja auch, dass es in erster Linie für Spielerinnen und Spieler gemacht ist, die über eine gewisse Erfahrung mit Brettspielen verfügen und nach neuen Herausforderungen suchen. Das bietet «Istanbul». Dank der gut geschriebenen Spielanleitung bietet der Einstieg aber nicht allzu hohe Hürden. Der Spielablauf erklärt sich fast von selbst, auch eine bemerkenswerte Leistung von Autor und Verlag. Wäre «Istanbul» auch ein gutes «Spiel des Jahres» gewesen, wie das manche Kritiker meinen? Ich habe meine Zweifel, da «Istanbul» gerade beim Spielbeginn von den Teilnehmenden ein Höchstmass an Präsenz abverlangt: Die jedesmal wechselnde Ausgangslage rasch analysieren und entsprechend innert kurzer Zeit seine Strategie festlegen, ist nicht jedermanns Sache. Der klassische «Spiel des Jahres-»Spieler zieht Titel vor, bei denen man sich zu Beginn ein wenig warmlaufen kann. Das ist bei «Istanbul» definitiv nicht der Fall.
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Istanbul: Taktisches Optimierungsspiel von Rüdiger Dorn für 2 bis 5 Spielerinnen und Spieler ab 10 Jahren. Spieldauer: ca. 60 Minuten. Pegasus Spiele (Vertrieb Schweiz: Fata Morgana, Bern), Fr. 49.90


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Spielekritiker für das Ausgehmagazin «Apéro» der «Neuen Luzerner Zeitung». War lange Zeit in der Jury «Spiel des Jahres», heute noch beratendes Mitglied. Als solches nicht an der aktuellen Wahl beteiligt. Befasst sich mit dem Thema «Spielen – mehr als nur Unterhaltung».

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