aa.Spieler.Synes.2020

Synes Ernst: Der Spieler © zvg

Der Spieler: Frisches Gemüse für knackigen Salat

Synes Ernst. Der Spieler /   Im Kartensammelspiel «Punktesalat» verändert sich der Markt laufend. Taktische Flexibilität ist gefragt.

Ich bin kein regelmässiger Marktbesucher. Ich kenne jedoch viele, die hier in Bern seit Jahren jeden (wirklich: jeden) Samstag über den Markt auf dem Bundesplatz gehen. Dort begutachten sie die Auslagen an den verschiedenen Ständen, prüfen das Angebot und vergleichen die Preise. Das gehört zum Ritual, wie auch die Tatsache, dass die meisten von vornherein wissen, wo sie schliesslich einkaufen werden, den Lauch, die Karotten, den Kopfsalat, den Blumenkohl, die Zwiebeln, den Rotkabis und den Fenchel. Und alle, nehme ich an, haben beim Auswählen den knackigen Salat vor Augen, den sie mit dem Gemüse zubereiten und dann geniessen werden.

Markterlebnis am Spieltisch

Genau um dieses Markterlebnis geht es in «Punktesalat». Wir gehen über den Markt, wo Karotten, Tomaten, Salat, Zwiebeln, Kohl und Peperoni angeboten werden (da das Spiel aus einem deutschen Verlag stammt, heissen die Karotten «Möhren» und die Peperoni «Paprika»). Im Unterschied zum echten Markt kaufen wir hier unser Gemüse jedoch nicht gegen Bezahlung, sondern sammeln es. Dafür bekommen wir etwas: Für jeden Salat, den wir aus den sechs Sorten zubereiten, werden wir mit Punkten belohnt, deshalb der Titel des Spiels. Je nach Kombination der verschiedenen Gemüse gibt es mehr oder weniger Punkte. 

Das Spielprinzip ist sehr transparent und einfach: Sammeln/Kombinieren/Werten. «Punktesalat» wartet jedoch mit einer Besonderheit auf, die es zu einem der interessantesten Kartenspiel-Neuerscheinungen des Spieljahrgangs 2020/21 macht. Nicht umsonst ist es auch auf der aktuellen Empfehlungsliste zum «Spiel des Jahres» aufgeführt

Karten sind doppelseitig bedruckt

Die Besonderheit springt einem schon bei der ersten Durchsicht des Spielmaterials ins Auge: Die Karten sind beidseitig bedruckt. Auf der einen Seite ist jeweils eine Gemüsesorte abgebildet, auf der anderen eine mögliche Wertung. Dazu findet sich auf dieser Seite ein Hinweis auf die Gemüseart, die beim Umdrehen der Karte aufgedeckt wird. Das ist ein kleines, für den Spielablauf jedoch entscheidendes Detail. 

«Punktesalat» besteht aus insgesamt 108 Karten, pro Gemüsesorte 18 Karten. Wie viele davon jeweils in den einzelnen Runden benötigt werden, variiert je nach Anzahl der Teilnehmenden. Das volle Set von 108 Karten kommt bei sechs Mitspielenden zum Zug, bei zwei Personen besteht das Angebot aus sechs Karten pro Gemüse.

Unzahl von Wertungsmöglichkeiten

108 doppelseitig bedruckte Karten – das bedeutet auch, dass es theoretisch 108 Wertungsmöglichkeiten gibt. Voll ausgenutzt wird diese schlicht unüberschaubare Zahl allerdings nur in der vollen Besetzung mit sechs Mitspielenden. Bei zwei Personen sinkt sie auf 36 (sechs mal sechs Karten). Gewertet wird Verschiedenes: So belohnt eine Karte das Sammeln von Tomaten, eine andere die Kombination von Tomaten, Salat und Karotten, während eine dritte für eine gerade Zahl von Peperoni viele Punkte verspricht und eine vierte der Spielerin nützt, die am wenigsten Kohl gesammelt hat. Aber aufgepasst, es kann auch vorkommen, dass man Strafpunkte kassiert, wenn man bestimmte Gemüse im Korb hat.

Die Regeln sind rasch erklärt: Die in der jeweiligen Runde benötigten Karten werden gemischt und mit der Wertungsseite nach oben in drei Stapel aufgeteilt. Aus den zwei obersten Karten jedes Stapels bildet man den Marktplatz. Hier befindet sich die Gemüseseite oben. 

Wer an der Reihe ist, kann entweder zwei beliebige Gemüsekarten vom Markt nehmen und bei sich ablegen. Anschliessend wird der Markt wieder mit Karten aus den Wertungsstapeln aufgefüllt. Wer nicht sammeln mag, darf stattdessen auch eine Wertungskarte von einem der drei entsprechenden Stapeln nehmen. Zusätzlich ist es erlaubt, einmal pro Zug eine eigene Wertungskarte umzudrehen und dadurch in ein Gemüse zu «verwandeln». In diesem Zusammenhang ist es von Bedeutung, dass die Wertungsseite der Karten zusätzlich einen Hinweis auf die Gemüsesorte enthält, die beim Umdrehen aufgedeckt wird. Ohne solche Angaben wäre man bei der Planung der eigenen Züge völlig aufgeschmissen.

Überraschende Spieltiefe

Die Regeln sind so eingängig, dass sich viele nach der Lektüre oder der Erklärung der Spielanleitung fragen: «Ist das tatsächlich alles?» Ja, es ist. Aber hallo, da steckt eine ganze Menge drin!

Die überraschende Tiefe dieses Familienspiels kommt von daher, dass die Wertung nicht für das ganze Spiel für sämtliche Gemüsesorten und ihre Kombinationen feststeht und für alle Teilnehmenden gilt. Es ist dem Spiel denn auch keine Tabelle beigelegt, auf der alle Werte vermerkt wären. In «Punktesalat» ist es also nicht möglich, seine Taktik von Anfang an darauf auszurichten, beispielsweise vor allem Tomaten zu sammeln, weil sie viele Punkte einbringen. Oder Zwiebeln zu vermeiden, weil man dafür Strafpunkte kassiert. 

Bei «Punktesalat» bestimmen die Spielerinnen und Spieler mit den persönlich gesammelten Wertungskarten, wie viele Punkte ihnen das Gemüse einbringt, das sie vom Markt nach Hause gebracht haben. Man «erspielt» sich sozusagen seine eigene Wertung. Genau darin besteht der Witz dieses faszinierenden Spiels. Statt eine fixe Taktik zu verfolgen, sind wir hier gezwungen, situativ zu handeln und so zu versuchen, das jeweils Beste für uns herauszuholen. Wenn gerade Karotten auf dem Markt angeboten werden, wenn ich unter meinen Wertungskarten eine habe, die mir für Karotten viele Punkte verspricht, dann hole ich mir diese Karotten, logisch. Und wie gross ist die Freude, wenn eine Wertungskarte auftaucht, die perfekt zu meinen Gemüsekarten passt! Und ebenso gross der Frust, wenn andere mir diese Wunschkarte vor der Nase wegschnappen. Oder wenn ich gezwungen bin, die letzte Karte aufzunehmen, die mir die schönste Salatkombination vermiest. In «Punktesalat» gilt nämlich die Devise: Jeder schaut für sich, nur ich schaue für mich! 

Gefordert ist taktische Flexibilität

Damit ist auch gesagt, dass «Punktesalat» ein höchst interaktives Spiel ist. Was auch immer ich mache, es verändert gleichzeitig auch die Situation für alle übrigen Mitspielenden. Ohne genügend taktische Flexibilität wird man deshalb nie und nimmer einen gesunden (sprich: punkteträchtigen) Salat zubereiten. 

Mit minimalen Regeln und einem ebenso originellen wie variantenreichen Spielprinzip bietet «Punktesalat» viel Emotion und Spass. Taktisch anspruchsvoll ist es vor allem in Zweier- oder Dreierrunden. Je grösser die Zahl der Mitspielenden, desto grösser auch der Glücksfaktor. Der Spielverlauf kann dann durchaus unübersichtlich und chaotisch sein. Die Erfahrung aber zeigt, dass dies gerade in Runden mit jüngeren und älteren Mitspielenden gut ankommt. 

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Punktesalat: Kartensammelspiel von Shawn Stankewich, Molly Johnson und Robert Melvin für 2 bis 6 Spielerinnen und Spieler ab 8 Jahren. Alderac Entertainment Group (AEG)/Pegasus-Spiele. Fr. 19.90


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Spielekritiker Synes Ernst war lange Zeit in der Jury «Spiel des Jahres», heute noch beratendes Mitglied, in dieser Funktion nicht mehr aktiv an der Juryarbeit beteiligt.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Synes_Ernst 2

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Spielen macht Spass. Und man lernt so vieles. Ohne Zwang. Einfach so.

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