Kommentar

Der Spieler: Der Wolf im Schafspelz

Synes Ernst ©

Synes Ernst. Der Spieler /  «Voll Schaf» ist als Kinderspiel verpackt. Das ist es nicht. Es geht um eine knallharte Auseinandersetzung um Weideplätze.

Ich schliesse eine Wette ab: Die meisten, die «Voll Schaf» im Regal ihres Spielwarengeschäfts gesehen und dann gekauft haben, sind auf die Cover-Illustration hereingefallen. Ach, diese friedlichen Schafe, guck mal, wie lustig die’s haben, auf der Weide rumrennen, ein wenig Gras fressen, und das den lieben langen Tag. «Das kann doch nur ein fröhliches Kinderspiel sein,» ist die logische Reaktion, und schon ist der Kaufentscheid getroffen. Wer jedoch ein wenig genauer hinguckt, kann das schwarze Schaf im Titelbalken nicht übersehen, das dem Betrachter oder der Betrachterin hinterhältig und voller Angriffslust entgegenblickt. Es ist eine Warnung. Aufgepasst, in diesem Spiel geht es nicht nur friedlich zu und her.

Das ist tatsächlich so: Wer zum ersten Mal «Voll Schaf» spielt, erlebt eine Riesenüberraschung. Schafe sind bekanntlich sehr genügsame Tiere, aber irgendeinmal haben sie vermutlich auch Lust, auszubrechen und das Weideland neu unter den verschiedenen Herden aufzuteilen. Sobald sich die Herden aufgestellt haben, was in Form von Stapeln geschieht, entbrennt ein gnadenloser Verteilungskampf, bei dem man einander gar nichts schenkt. Alle verfolgen nur ein Ziel: Ich besetze mit meinen Schafen am Schluss bei der Endabrechnung die grösste Weideflächen.

Zwei Regeln genügen

Ich kenne nur wenige Taktikspiele, die mit einem derart kargen Regelbestand auskommen wie «Voll Schaf». Auf dem Feld, von dem man wegzieht, muss mindestens ein Stein der eigenen Farbe zurückbleiben. Ziehen muss man in gerader Linie bis man blockiert wird, entweder durch einen fremden bzw. eigenen Stein oder durch die Begrenzung des Spielplans. Fertig. Diese zwei Bestimmungen genügen, um die spannende Auseinandersetzung zwischen den vier Herden zu regeln. Kein unnötiger Ballast, keine Ausnahmen, so dass man sich voll darauf konzentrieren kann, seinen Schafen mit kluger Taktik Vorteile zu verschaffen. Ganz schlecht sieht es aus, wenn ein grosser Teil der eigenen Herde blockiert ist und man tatenlos zusehen muss, wie die anderen Schafe den Rest des Gebietes unter sich aufteilen.

Die Jury «Spiel des Jahres» hat «Voll Schaf» zu Recht auf ihre 2014er-Empfehlungsliste gesetzt. Für mich ist es wichtig, dass die Konsumentinnen und Konsumenten auf diese Weise auf einen Titel aufmerksam gemacht werden, der geeignet ist, vor allem Jüngere an das Taktikspiel heranzuführen und ihnen zu zeigen, wie faszinierend diese Gattung ist und welche Schönheiten und Möglichkeiten in ihr stecken. Andere Spiele tun das zwar auch. Ich denke an «Einfach Genial», «Blokus» oder «Abalone», drei herausragende Vertreter der neuen Generation von taktischen Spielen. «Voll Schaf» hat ihnen aber etwas voraus: Thema, Titel und Gestaltung des Covers verheissen Emotionalität und Erlebnis. Damit wird die Zielgruppe schneller und direkter angesprochen als mit geraden Linien und Formen, die vor allem eines signalisieren: Hier musst du viel denken, was ja nur anstrengend sein kann …

Eine Mogelpackung?

Nur: «Voll Schaf» ist kein Kinderspiel im engeren Sinn. Wäre ich Konsumentenschützer, würde ich von einer Mogelpackung sprechen. Ein Wolf im Schafspelz. Als Spielekritiker verzichte ich darauf, weil die taktischen Ansprüche, die es stellt, absolut zielgruppengerecht sind. Ein siebenjähriges Kind begreift das Spiel sehr schnell, und schon nach ein paar Proberunden weiss es, worauf es achten muss. Und schon hat das Taktikspiel einen guten Fan mehr.

Spiele «falsch» zu verpacken, ist für einen Verlag allerdings nicht ganz risikolos. Das musste etwa der Verlag F. X.Schmid 1997 erfahren, als er unter dem Titel «Zum Kuckuck» ein Kartenspiel auf dem Markt brachte. Weil die Illustration – niedliche Kuckucksjunge mit Jöö-Effekt – den Eindruck verstärkte, es handle sich um ein harmloses, nettes Kinderspiel, blieb es in den Verkaufregalen liegen. Dabei versteckte sich in der «netten» Verpackung eines der besten Kartenspiele der vergangenen 20 Jahre, witzig und knallhart zugleich. Selbst unter dem neuen Titel «Land unter» hatte es Mühe. Offenbar tat und tut sich das potenzielle Publikum schwer mit dem Thema: Schafe vor dem Tod durch Ertrinken zu retten.


Voll Schaf: Taktikspiel von Francesco Rotta für zwei bis vier Spielerinnen und Spieler ab 7 Jahren. Spieldauer: ca. 15 Minuten. Verlag Huch & friends, Vertrieb Schweiz: Carletto AG, Wädenswil. Fr. 35.–


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Spielekritiker für das Ausgehmagazin «Apéro» der «Neuen Luzerner Zeitung». War lange Zeit in der Jury «Spiel des Jahres», heute noch beratendes Mitglied. Als solches nicht an der aktuellen Wahl beteiligt. Befasst sich mit dem Thema «Spielen – mehr als nur Unterhaltung».

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